Bohuslav Martinůs Kammermusik für Bläser: Der böhmische Weltbürger

Er stammte aus einem kleinen böhmischen Dorf – und feierte Triumphe in New York. Sein künstlerischer Eigensinn und die politischen Umstände führten den Komponisten Bohuslav Martinů durch die halbe Welt. Seine fantasievolle, rhythmusbetonte Kammermusik ist eine Fundgrube für virtuose Bläser.

Ein facettenreicher Lebensweg

Mit 15 Jahren trat Bohuslav Martinů (1890 bis 1959) ins Prager Konservatorium ein und studierte dort Violine bei Josef Suk, dem Schwiegersohn von Antonín Dvořák. Wegen fehlender Anpassungsbereitschaft flog Martinů zwar zweimal vom Konservatorium, geigte aber später bei der Tschechischen Philharmonie und machte das Musiklehrer-Diplom. Dann begann er ein Kompositionsstudium, ebenfalls bei Josef Suk. Als ihm der musikalische Horizont in Prag zu eng wurde, ging er nach Paris und wurde Kompositionsschüler von Albert Roussel.

Paris war der Befreiungsschlag für seine Kreativität: »Ich ging nach Frankreich, um meine Ansichten bestätigt zu finden«, meinte Martinů später. 1939 besetzte das NS-Regime seine tschechische Heimat, 1940 auch Paris – Martinů und seine französische Ehefrau flohen nach Amerika.

Die Flucht über die Pyrenäen, Spanien und Portugal bis New Jersey dauerte fast zehn Monate. In den USA wurde Martinů einer der meistgespielten Komponisten. Er unterrichtete unter anderem in Tanglewood, Princeton und New York. 1953 wurde er amerikanischer Staatsbürger, verlegte dann aber seinen Lebensschwerpunkt wieder nach Europa. Zuletzt lebte Bohuslav Martinů unter anderem in Nizza, Rom und der Schweiz.

Vielseitige musikalische Stilistik

Mindestens so facettenreich wie sein Lebensweg ist Martinůs musikalische Stilistik. Immer wieder griff der Komponist neue Einflüsse auf und integrierte sie in seine musikalische Sprache. Der Tonfall der böhmischen Volksmusik, die tschechische Schule (Janáček, Smetana), frühe Inspirationen durch die Musik von Strawinsky und Debussy, dann in Paris der Einfluss der Groupe des Six und des Jazz, später neobarocke und neoklassische Tendenzen – alles das fand seinen Niederschlag in Martinůs Musik.

Man beschrieb diesen Komponisten wahlweise als »wandlungsfähig«, »chamäleonartig« oder »unersättlich«. Mehr als 400 Werke hat er komponiert, darunter zwölf Opern, sechs Sinfonien, sieben Streichquartette, auch Ballette, Lieder, Chorstücke, weitere Orchesterwerke, Solistenkonzerte, Kammer- und Klaviermusik.

Heiter bis burlesk

Trotz der vielen Einflüsse gibt es klare Konstanten in Martinůs musikalischer Sprache. Da sind vor allem das heitere Temperament, die lebhafte, raffinierte Rhythmik und die mutwilligen, erfrischenden harmonischen Abläufe. Auch in schwierigen Phasen seiner Biografie behielt der »böhmische Weltbürger« seine positive und lebensbejahende Haltung.

Für Verrätseltes, Vergrübeltes, Düster-Romantisches hatte er wenig übrig – ihm war das alles »zu abstrakt«. Stattdessen liebte er das Spielerisch-Leichte, das Synkopiert-Rhythmische, das Virtuos-Mitreißende, auch das Übermütig-Burleske.

  • 03.03.2018
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 3/2018
  • Seite 40-41

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