Blow, America, blow! - Das Phänomen »School Band«

  • 28.05.2016
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 6/2016
  • Seite 48-49

Seit fast 100 Jahren gibt es die amerikanische School-Band-Bewegung. Das Spielen im Blasorchester bildet in den USA längst einen festen Bestandteil der Schullehrpläne. Für unzählige professionelle Bläser waren die frühen Erfahrungen in der School Band der Start zu ihrer Karriere.

Louis Armstrong und die Band der Waisenschule

1913 wurde in New Orleans ein kleiner Herumtreiber namens Louis Armstrong in eine strenge Besserungsanstalt für Waisenkinder gesteckt. Zu seiner Freude hatte die Schule aber eine Hausband. Dort arbeitete sich Louis vom Tamburin übers Schlagzeug und die Signaltrompete (Clairon) hoch bis zum Kornett. Nach wenigen Monaten war er der Chef der Band und durfte sie anführen, wenn sie in die Stadt marschierte.

»Die Band wurde manchmal für Ausflüge engagiert, für die ewigen Umzüge und Paraden in den Straßen von New Orleans – in Uptown, Downtown, ›front of town‹ und ›back o’town‹. Die verschiedenen Clubs veranstalteten damals Straßenparaden, die sich manchmal über den ganzen Tag erstreckten. Da die bekannten Brassbands – vor allem die alten Musiker – eine so ermüdende Arbeit scheuten, regten die Clubmitglieder an, man solle sich an uns wenden: ›Die werden, wenn’s nötig ist, den ganzen Tag marschieren und keine Geschichten machen.‹«

Die Band der Waisenschule trug bei diesen Paraden natürlich Uniform: weiße, hoch­geschlagene Hosen, schwarze Strümpfe, schwarze Schuhe, blaue Gabardine-Jacken und schwarzweiße Mützen. Louis stach als Chef hervor: Er durfte eine cremefarbene lange Hose tragen, dazu eine creme­farbene Mütze sowie braune Strümpfe und Schuhe. Er war stolz wie Bolle.

Prominente Beispiele

Die Trompeterin Ernestine Davis, bekannt geworden als »der weibliche Louis Armstrong«, entdeckte die Blaskapelle ihrer Schule mit 13 Jahren – das war 1922. »Ich sah die Band, ich sah die Trompete, und ich ging heim und sagte meiner Mutter, dass ich auch so eine wollte.« Der Schulrektor persönlich unterrichtete Ernestine – sie war das einzige Mädchen im Blasorchester.

In den 1930er Jahren begann die Heranführung ans Instrument meist schon in der Grundschule (Elementary School) – mit der Mundharmonika. Der spätere Jazzsaxofonist Eric Dolphy zeigte darauf so viel Talent, dass die Schule dem Achtjährigen bereits eine Klarinette zur Verfügung stellte. Schon fünf Jahre später gehörte Dolphy regionalen Auswahlbands an, etwa dem Los Angeles School Orchestra und der California School Band. Die klassische Fagottistin Dana Jessen wählte das Instrument ihres Lebens bereits in der 5. Klasse: »Es gab kaum Schüler meines Alters, die Fagott spielten. Daher bekam ich in den Schulorchestern und in der Schulband viele echt spannende Stimmen und Soli. Auf der Highschool habe ich dann auch ein Jahr lang Tenorsaxofon gelernt und etwas Oboe.«

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