Blasmusik und Medien: Zwischen musikalischer Hochkultur und medialer Ignoranz

  • 03.01.2018
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 1/2018
  • Seite 28-31

Dieses Thema scheint wieder ein »rabenschwarzes« zu werden, wenn man über die inhaltliche Ausrichtung unserer Radio- und Fernsehsender nachdenkt sowie über die künstlerische Präsenz der Blasmusik innerhalb deren Programmen – und über die ungenügende Berichterstattung unserer Amateurarbeit in den Printmedien.

Vertrauen wir den Zahlen: Die Blasmusik in unserer Gesellschaft

Zuvorderst muss man allerdings die Frage stellen, wie die Blasmusik überhaupt in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, wie sich die Gattungen verteilen und welchen Stellenwert die konzertante oder sinfonische Bläsermusik darin besitzt.

Das Deutsche Musikinformationszentrum (MIZ), ein Projekt des Deutschen Musikrates, kommt zu folgenden Zahlen: Mindestens 14 Millionen Menschen musizieren in Deutschland auf einem Instrument oder singen in einem Chor. Dies sind im Bereich des instrumentalen Laienmusizierens etwa 13 Prozent der Gesamtbevölkerung ab dem 14. Lebensjahr, also etwa 9 Millionen Instrumentalisten.

Etwa 4 Millionen singen in einem Chor. 32 Prozent der Sänger geben jedoch an, noch ein Instrument zu spielen, sodass sich die Zahl der Instrumentalisten auf etwa 12 Millionen erhöht. Die Zahl der musizierenden Kinder und Schüler wird mit 2 Millionen beziffert. Diese Zahl muss den Amateuren und der großen Zahl der Kinder- und Jugendorchester zugerechnet werden.

Viele der Orchester sind in den Verbänden des instrumentalen Laienmusizierens organisiert, und die Zahl der nichtmusizierenden Förderer des Amateurmusizierens wird bundesweit auf etwa 700 000 geschätzt.

Das MIZ gibt zu den Zahlen noch folgende Analyse: »Die Vielfalt und Ausdifferenzierung der Ensembles, die bei den Chören zunehmend zu beobachten ist, war schon immer auch ein Kennzeichen des instrumentalen Laienmusizierens. Die rund 1,5 Millionen Verbandsmitglieder des instrumentalen Laienmusizierens spielen in Akkordeonorchestern, Sinfonie- und Streichorchestern, Zupforchestern und Zithermusikgruppen sowie in verschiedenen kirchlichen Instrumentalgruppen.

Die meisten jedoch sind in Blasorchestern und Spielmannszügen engagiert, die mit fast 80 Prozent den höchsten Mitgliederanteil unter den Verbänden des instrumentalen Laienmusizierens aufweisen.«

Musikpädagogik als Grundlage der Kulturerziehung

Diese Zahlen sind beeindruckend und beweisen, dass in Deutschland auch außerhalb der Medienpräsenz ein überaus lebendiges und vielseitiges Musikleben besteht.

Besonders herausheben muss man in diesem Kontext die nicht hoch genug zu bewertenden Leistungen der vielen Musiklehrer an den Musikschulen und in den Vereinen, die oft ein relativ kümmerliches finanzielles Dasein fristen und trotzdem voller Enthusiasmus ihre pädagogische Arbeit verrichten. Sie sind als Lehrer und Leiter die eigentlichen Motoren unseres beeindruckenden Musiklebens außerhalb der professionellen Ebene.

Zensur in den Medien?

Diese unglaublichen und weltweit einmaligen Aktivitäten finden so gut wie keinen Widerhall in unseren Fernseh- und Rundfunkanstalten. In diesen ist Blasmusik bestenfalls als volkstümlicher Beitrag enthalten. Selbst große nationale oder internationale Musikfeste finden kaum Erwähnung und schon gar keine Würdigung.

Wir Blasmusiker befinden uns allerdings in diesem »Ghetto des Verschweigens« in allerbester Gesellschaft, denn auch Chöre und die Vertreter der musikalischen Hochkultur sind anteilsmäßig nur sporadisch in den Programmen vertreten.

Über die akustischen Kalamitäten von Konzertübertragungen habe ich in CLARINO schon mehrfach resümiert. Jüngster trauriger Höhepunkt war die Übertragung des Europakonzerts der Wiener Philharmoniker aus Budapest, bei dem sich die Fernsehleute nicht entblödeten, mitten im Orchesterkonzert von Béla Bartók sinnlose Bilder der Stadt oder irgendwelcher Gebäude einzublenden.

Man hält mittlerweile selbst das Publikum, das sich für klassische Musik interessiert, offenbar für unfähig, einmal eine Stunde ungestört nur zuzuhören. Oder macht man doch nur Zugeständnisse an »Krethi und Plethi« (siehe 2. Buch Samuel), die bespaßt werden müssen, ohne eine Ahnung von Musik zu haben, jedoch die Quote heben?

Das PDF enthält alle sieben Artikel des Schwerpunktthemas "Musik und Medien: Kultur vs. mediale Ignoranz": 

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