Big in Brooklyn: Bigband-Experimente jenseits des East River

  • 24.02.2016
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 3/2016
  • Seite 56-57

»Die Geschichte der amerikanischen Bigband verändert sich«, schreibt The Guardian. Und die Schaltstelle dieser Entwicklung heißt Brooklyn. Dort haben sich Musiker und Komponisten zusammengefunden, um neu zu definieren, was ein Jazzorchester ist.

Darcy James Argue

Bigband – da denken viele, gerade in Amerika, noch immer an die Glanzzeit des Swing, als die Jazzorchester eines Benny Goodman oder Tommy Dorsey die Popbands der Stunde waren. Auch Darcy James Argue mag die alte Swingmusik, aber er hat etwas gegen Museumsgeruch. »Man assoziiert die Bigband meistens mit Klängen einer vergangenen Ära«, sagt der 40-jährige Kanadier.

»Aber für mich ist die Bigband das ideale Vehikel für zukunftsorientierte Musik, die ihre Inspiration aus einer breiten Spanne von Quellen bezieht – von innerhalb und außerhalb des Jazz. Natürlich ist meine Musik kein Indie-Rock. Aber ich möchte, dass sie sich nach heute anfühlt. Denn es passieren eine Menge großartiger Sachen auch außerhalb der Welt von Jazz und Klassik, und ich möchte für diese Dinge offen sein.«

In Darcy James Argues Bigbandmusik treffen Rockbeats auf schrille Klangfelder, Folksounds auf raffiniert verschlungene Jazzstrukturen. Es sei Musik an den Grenzen des spieltechnisch Möglichen, sagt John Ellis, einer der Holzbläser in Argues Band. »Seine Musik ist grundsätzlich unbequem zu spielen, aber seine Vision ist außergewöhnlich.«

Argues Werdegang

Darcy James Argue stammt aus Vancouver an der Westküste Kanadas, aber seit 2003 lebt er in Brooklyn. Schon in der Highschool hatte er die Aufnahmen des Thad Jones/Mel Lewis Orchestra geliebt, des fortschrittlichsten Jazzorchesters der 1970er Jahre, und als Teenager entdeckte er mit Begeisterung die Bigbandmusik von Bob Brookmeyer (1929 bis 2011). Deshalb ging er 2000 nach Boston, um bei Brookmeyer zu studieren – bei ihm und später bei Maria Schneider, Jim McNeely, John Hollenbeck, gewissermaßen den Vorkämpfern der heutigen Bigbandszene von Brooklyn.

Zwei Alben machte Argue mit seiner 18-köpfigen Band, der Secret Society. Beide wurden für bedeutende Preise nominiert und vielfach unter die zehn besten Jazzalben des jeweiligen Jahres gewählt. Argue hat seine Stücke auch mit der WDR Big Band, der hr-Bigband oder der Danish Radio Big Band aufgeführt.

Ein Kritiker schrieb: »Es ist maximalistische Musik von eindrucksvoller Komplexität und enormem Unterhaltungswert, sie knallt dir ins Gesicht und dann direkt in den Kopf« (Village Voice).

Steampunk Music

Argue stellt sich gerne vor, er bewege sich in einer Parallelwelt der Musikgeschichte – in einer Welt, wo Bigbands nicht durch elektrische Instrumente verdrängt wurden, sondern ihre Sprache weiterentwickeln konnten. Wo Elvis Presley, Bob Dylan, David Bowie und all die anderen Popstars ihre ganze Karriere lang immer von Bigbands begleitet wurden.

»Wenn die Bigband die Standardbesetzung der populären Musik geblieben wäre, wie würde diese Musik heute klingen?«, fragt er. »Welche Beziehung hätte diese Instrumentierung dann zur Popmusik – und welche zum Jazz? Es gibt genug Raum, um Bigbandmusik zu machen, die frisch und zeitgenössisch klingt.« Also: Bigbandmusik im Dialog mit aktuellen Entwicklungen in Jazz, Pop, Rock. Ein Ereignisfeld der Begegnungen zwischen den Genres.

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