Beruf Schlagzeuger: Solo-Pauker Claus Weißerth im Gespräch

  • 29.05.2017
  • Schwerpunktthema
  • Joachim Buch
  • Ausgabe: 6/2017
  • Seite 27-29

Claus Weißerth, geboren 1961, studierte in München und Karlsruhe. Während seiner Laufbahn arbeitete er unter anderem mit Dirigenten wie Wolfgang Sawallisch, Sir Colin Davis, Carlos Kleiber, Kurt Masur, Kent Nagano oder Zubin Mehta. Zu den Höhepunkten seiner solistischen Tätigkeit zählt unter anderem die Uraufführung des Paukenkonzerts "Mytho-Logica" von Karl-Heinz Köper in der Fassung für Sinfonisches Blasorchester. Seine vielfältigen Erfahrungen fließen seit vielen Jahren auch in den Bau eigener Schlägel, die von Paukern und Schlagzeugern in weltweit bedeutenden Orchestern gespielt werden.

Sind Sie in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen?

Das kann man wohl so sagen. Väterlicherseits gab es mehrere auch professionelle Musiker. Er selbst leitete eine kommunale Musikschule, war Blasorchesterdirigent und komponierte und arrangierte für Blasorchester. Meine Mutter hatte Geige und Akkordeon gelernt.

Können Sie sich an Ihren ersten bewussten Kontakt mit Schlag- und Rhythmusinstrumenten erinnern?

Einer der beiden Schlagzeuger in der Kapelle meines Vaters war sein bester Freund und auch für mich als Kind schon mein Vorbild. Wegen ihm wollte ich Große Trommel spielen. Bei Auftritten saß ich immer bei den Schlagzeugern.

Wie sah Ihre vor-akademische musikalische Ausbildung aus? Gehörte Musizieren im Blasorchester mit dazu?

Aber natürlich! In einer Familie, in der es nichts Wichtigeres gibt als die Blasmusik, entwickelt sich das von selbst. Getrommelt habe ich eigentlich schon immer. Zwar begann ich mit sechs auf der Blockflöte und mit acht auf dem Klavier, aber ab dem zehnten Lebensjahr gab es eigentlich nur noch "Schlagzeug".

Ab wann stand fest, dass Sie die Musik zu Ihrem Beruf machen wollen?

Schon ziemlich früh. Bereits in der 7. Klasse war mir in meiner jugendlichen Vorstellung klar, dass ich Berufssoldat werde und zum Luftwaffenmusikkorps nach München gehe.

Sie sind ja nun nicht Berufssoldat geworden…

Meine Lehrer kamen zufälligerweise allesamt aus Opernorchestern, auch mein allererster bei den "Schwäbischen Bläserbuben" in Gersthofen. So habe ich schnell Zugang zu Oper und Sinfonik gefunden. Ab meinem Eintritt ins Augsburger Konservatorium und den ersten bald folgenden Einsätzen als Bühnenmusiker am Theater – noch als Schüler – war mein ursprüngliches Ziel, Militärmusiker zu werden, zunächst vergessen.

Erst mit der Einberufung zum Wehrdienst kam der Gedanke zurück. Weil ich zu der Zeit schon im Studium war, wurde ich zurückgestellt. Mit 23 habe ich dann den Wehrdienst angetreten und diesen tatsächlich im LMK 1 absolviert. Eine für mich schöne und musikalisch prägende Zeit.

Was war letztendlich der Grund für die Rückkehr ins Zivilleben?

Es gab drei Gründe. Erstens: Mein damals schon sehr fortgeschrittenes Musikstudium wollte ich erst noch beenden. Zweitens: Damals war ich schon so sehr in die Arbeit mit Opern- und Sinfonieorchestern eingebunden, dass mein Ziel, Orchestermusiker zu werden, schon sehr konkret war. Und drittens: Ich hatte schon eine Anstellung als Lehrer an einer Musikschule.

Welche Rolle spielte der pädagogische Aspekt in Ihrer Karriere?

Schüler hatte ich seit dem Beginn meines Studiums. So konnte ich für die Lehrprobe bei der Abschlussprüfung neben der Theorie auch praktische Erfahrung sammeln. Neben meinen Privatschülern und der erwähnten Musikschul-Anstellung unterrichtete ich unter anderem von 1986 bis 1992 an der Berufsfachschule für Musik des Bezirks Schwaben in Krumbach. Außerdem hatte ich von 1990 bis 1994 einen Lehrauftrag an der Universität Augsburg.

Gibt es besondere Details in der Schlagzeuger-Ausbildung, an die man zunächst nicht denkt und die einen Neuling überraschen können?

Ja! DIE Überraschung war für mich, dass es an der Musikhochschule keinen Unterricht am Drumset gab. Den hatte ich in ganz selbstverständlicher Weise bei meinem Lehrer am Konservatorium, dem heutigen Leopold-Mozart-Zentrum. Auch heute ist das Drumset-Spiel nicht unbedingt Teil eines klassischen Musikstudiums. Ich habe es auf privater Basis weiter gelernt.

Warum erachten Sie dieses Instrument jenseits des Pop/Jazz-Bereichs für so wichtig?

Drumset-Parts gibt es auch in der Opern- und Konzertliteratur. Viele Theaterorchester spielen auch Operette und Musical. Die Schlagzeugparts sind oft sehr vielfältig instrumentiert, werden von einem Drummer und einem Percussionisten gespielt. Auch für eine klassische Operette wird in der Praxis Große Trommel/Becken und Kleine Trommel von einem Mann am Set realisiert.

Das Wichtige dabei ist aber: Hier wird kein moderner Drummer-Sound verlangt – es muss der Klang einer großen Orchestertrommel, der Klang eines Beckenpaares zusammen mit der Kleinen Trommel in klassischer Spielweise und mit hohem musikalischem Einfühlungsvermögen am Drumset umgesetzt werden. Das ist, wenn man’s genau nimmt, durchaus eine filigrane Herausforderung.

Denken Sie auch an Filmmusik, die in heutigen Konzertprogrammen ebenso vertreten ist wie spezifische Stücke für Kinder und Jugendliche. Auch da gibt es immer wieder ein Drumset zu besetzen. Gut ist es, wenn der Spieler aus dem eigenen Orchester kommt, denn seine Arbeit ist für das Orchester ebenso wichtig wie die des Paukers in einer Sinfonie.

Welche Fächer hat man damals im Studium belegen müssen?

Neben dem Hauptfach "Pauke und Schlagwerk" hat man als instrumentales Pflichtfach Klavier. Dazu kommen musiktheoretische Fächer wie Harmonielehre, Gehörbildung, Instrumentenkunde, Musikgeschichte, Musikpädagogik und so weiter.

Projekte mit dem Hochschulorchester und die Teilnahme am Schlagzeug-Ensemble gehören auch heute noch zum Unterrichtsplan. Zusätzlich muss man nun auch Projekte mit gemischten Ensembles für zeitgenössische Musik belegen.

Im pädagogischen Studium ist Ensembleleitung, Didaktik und zum Teil Musikpsychologie Pflicht. Früher hatte man weniger Pflichtstunden und konnte sich intensiver auf das Hauptinstrument konzentrieren.

Pauker im Orchester spielen oft dieses und kein weiteres Schlaginstrument. Kann bzw. muss man sich in der Ausbildung spezialisieren?

Man muss sich nicht spezialisieren. Manche tun es. Für mich war das Pauken ein Schwerpunkt, ohne allerdings das Schlagzeug zu vernachlässigen. Vielleicht weil ich schon immer gepaukt habe, und das zunehmend gerne. Noch bevor ich meine feste Anstellung in Augsburg bekam, wurde ich von professionellen Orchestern als Pauker verpflichtet.

Das hat mich natürlich geprägt, und ab einem gewissen Punkt wollte ich nur noch Pauker werden. Sonst hätte ich beruflich etwas anderes gemacht. Heute pauke ich also schon seit über 45 Jahren, seit 1990 in fester Anstellung, und ich tue es immer noch sehr, sehr gerne!

Natürlich habe ich dabei immer auch Schlagzeug in allen Genres gespielt. Es gibt Pauker, die laut Dienstvertrag nicht Schlagzeug spielen müssen. Wir Pauker können aber alle auch Schlagzeug spielen.

Sie werden im Orchester geführt als "Solo­-Pauker mit Verpflichtung zum Schlagzeug". Können Sie Beispiele für solche "Verpflichtungen" nennen?

Bei Stücken ohne Pauke werde ich unter Umständen am Schlagzeug eingesetzt. Als nächste Oper kommt "Simplicius Simplicissimus" von Karl Amadeus Hartmann. Hier spiele ich Becken. In der letzten Saison hatten wir "Die Czárdásfürstin" und "Cabaret" auf dem Spielplan. Da habe ich Drumset gespielt oder auch den Percussion-Part. Der Spielplan ist bei uns am Theater Augsburg sehr vielfältig und macht den Orchesterdienst bunt. Diese Abwechslung macht auch Spaß!

Als Student absolviert man sicherlich das eine oder andere Orchesterpraktikum. Gab es da besondere Erlebnisse, an die Sie sich noch erinnern können?

Zu meiner Studienzeit waren Praktikantenstellen im Orchester weitgehend unbekannt. Heute ist das Gott sei Dank anders! Durch mein Interesse am Orchesterspiel war ich zeitweise mehr im Herkulessaal oder im Orchestergraben der Staatsoper als bei Lehrveranstaltungen an der Musikhochschule.

Aber die Möglichkeit, die mir meine Lehrer eröffnet haben, neben erfahrenen Orchestermusikern als Student im professionellen Orchester arbeiten zu dürfen, war für meine Entwicklung essenziell. Es war ein Hineinwachsen in den Beruf, vom Anfang meines Studiums bis zur festen Stelle, von einfachen Stimmen an der Triangel oder Großen Trommel in nicht so schwierigen Stücken bis zum vollwertigen Kollegen, dem auch solistische Aufgaben übertragen wurden.

Können Sie sich an besondere Highlights erinnern?

Da gab es einige. Eines der ersten war "La Bohème" unter Carlos Kleiber an der Bayerischen Staatsoper. Oder die "Chronochromie" von Olivier Messiaen beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Anwesenheit des Komponisten.

Welche Stücke gehören heute zum Pflichtprogramm bei Schlagzeug-Probespielen?

Das Schlagzeugstudium hat sich ab Mitte der 1980er Jahre deutlich geändert und erweitert. Bis dahin lag der Fokus auf der Ausbildung zum Orchestermusiker oder eben zum Musiklehrer. Solistische Literatur war wichtig, lag aber noch nicht so sehr im Blickpunkt. Heute ist das alles mehr miteinander verknüpft und das Berufsziel Schlagzeug-Solist zu werden nicht mehr die Ausnahme.

Die Probespiel-Programme damals hatten neben den Standard-Orchesterstellen, die es heute noch genauso gibt, herausragende Auszüge aus Opern und Sinfonien. Standard war eine knackige Trommeletüde und eine aussagekräftige Etüde für Pauken. Ein Marimbakonzert oder ähnliches war damals noch nicht üblich.

Wie sind Sie selbst mental mit der Probespiel-Situation umgegangen?

Natürlich war und ist jedes Probespiel eine besondere Situation. Das Selbstbewusstsein, gut vorbereitet zu sein, war und ist die beste Beruhigungspille. Wesentlich war für mich eine ruhige Lebensweise davor und die Konzentration auf mich an diesem Tag. Während die anderen zwischendurch auf ihren Pads herumgetrommelt haben wie verrückt, habe ich mich zurückgezogen und Zeitung gelesen.

In den frühen 1990er Jahren haben Sie bei der CD "Salute to the lone Wolves" des LBO Baden-Württemberg als Solist in Karl-Heinz Köpers "Mytho-Logica" mitgewirkt. Gab es seither noch Zusammenarbeit mit anderen sinfonischen Blasorchestern?

Karl-Heinz Köper hat "Mytho-Logica" auf meine Anregung hin für Blasorchester umgearbeitet. Die Uraufführung dieser Version spielte ich mit dem Dirigentenorchester der Bundesakademie Trossingen unter Prof. Dr. Hans-Walter Berg. Dieses Orchester war immer ein sinfonisches Blasorchester und das schon zu einer Zeit, als es diesen Orchestertypus in Deutschland noch nicht wirklich gab. Ich habe dort meine Orchestererfahrung einbringen können und gleichzeitig durch Dr. Bergs Leitung sehr viel gelernt.

Beim LBO war ich für fast zehn Jahre, auch noch weit in meine Berufszeit hinein. Es waren wunderbare Jahre unter der Leitung von Harry D. Bath – musikalisch auf höchstem Niveau und mit bis heute anhaltenden Freundschaften.

Hatten Sie jenseits Ihres Wehrdienstes noch einmal Kontakt mit der Militärmusik?

Ja, sogar regelmäßig. Zu meiner allergrößten Freude werde ich seit ein paar Jahren immer wieder als Aushilfe zum Musikkorps der Bundeswehr nach Siegburg eingeladen. Es ist meiner Meinung nach das beste und vielseitigste sinfonische Blasorchester Deutschlands. Jedes Mitglied dieses Ausnahmeorchesters ist eine künstlerische Persönlichkeit mit Vorbildcharakter auf seinem Instrument. Ich bin stolz, hier mitwirken zu dürfen.

Wie sieht es in der volkstümlichen Blasmusik aus?

Bei der "Isartaler Blasmusik" spiele ich seit dem Sommer 1986 und war fest dabei bis zum Sommer 2000. Seitdem etwas weniger, weil die Struktur meines beruflichen Umfeldes sich geändert hat und für feste Verpflichtungen auf privater Basis weniger Freiraum bleibt.

Lassen Sie uns zum Abschluss noch einmal auf das Thema "Entscheidung zum Berufsschlagzeuger" kommen. Welche Fragen sollte sich ein enthusiastischer junger Schlagzeuger stellen – und natürlich positiv beantworten können –, wenn er eine Karriere als Profi anstrebt?

Die Kernfrage ist: Mit welcher Ernsthaftigkeit möchte ich Profi-Schlagzeuger werden? Ist es, weil ich es cool finde, wie der Drummer mit seiner Band spielt oder wie Martin Grubinger auf der Marimba "tanzt"? Oder ist es für mich ein inneres Bedürfnis, mich musikalisch am Schlagzeug auszudrücken – weil es "meine Welt" ist?

Vielleicht auch beides. Wichtig ist die Ernsthaftigkeit, die Unbedingtheit, dieses Ziel erreichen zu wollen. Und: Habe ich die Power, mich wie im Sport einer starken Konkurrenz zu stellen? Will ich das wirklich mein Berufsleben lang machen (müssen), und welche Alternativen habe ich?

Wir sollten auch davon leben können, denn dies ist dann unsere Arbeit. Man kann "Schlagzeugspielen" heute uneingeschränkt in allen Facetten auch als tolles Hobby betreiben.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Das Schlagwerk: Alles Hinterbänkler?":

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