Beim Schöpf gepackt - Qualität kann gefährlich sein

Bei besonders hochkarätigen Konzerten von besonders ausgezeichneten Orchestern finden sich im Publikum meist genau jene Musiker ein, die ohnehin schon selbst ein überdurchschnittlich gutes Orchester leiten oder an erster Position mitspielen. Die es also nicht nötig hätten zu kommen, weil sie bereits wissen, was Qualität ist. Jene hingegen, von denen man annehmen kann, dass es ihnen und ihrer Truppe ausgezeichnet anstünde, einmal eine in jeder Beziehung vorbildliche Aufführung mitzuerleben, glänzen durch Abwesenheit. Und zwar konsequent! 

Hohe künstlerische Qualität scheint also ziemlich abschreckend zu wirken. Am besten kommt dies durch das Eingeständnis vieler, besonders engagierter Musikanten zum Ausdruck, sie hätten nach der Rückkehr von einem einschlägigen Konzert am liebsten ihr Instrument nicht mehr angerührt, so demoralisiert habe sie das Können des Orchesters oder des Solisten. Dass es dann doch nicht so weit kommt, hat damit zu tun, dass der Mensch die soziale Ein­gebundenheit in einen Verein zu schätzen weiß. Daher lässt der Entmutigte meist die seelenschonende Verdrängung ihre Wirkung entfalten und spielt weiterhin mit, als wäre alles nur schöne Erinnerung.

  • 24.09.2014
  • Kolumne
  • Alois Schöpf
  • Ausgabe: 10/2014
  • Seite 45

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