Bach in Brazil: Schauspieler Edgar Selge im Gespräch

  • 02.05.2016
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 5/2016
  • Seite 50-51

Dass Musik so manches leisten kann, ist mittlerweile Allgemeinwissen. E.T.A. Hoffmann wusste: »Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.« oder Johann Gottfried Seume: »Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder«.

Herr Selge, alles spricht über Brüssel, das Abschneiden der AfD und die Flüchtlingskrise. Ist Ihr Film »Bach in Brazil« in diesen Zeiten genau der richtige Film?

Ich würde sagen, es ist genau der richtige Film, ja. Denn »Bach in Brazil« zeigt, dass die unterschiedlichen Kulturen zusammengehören, es darf nicht jede in ihrem eigenen Saft schmoren oder einschlafen. Kulturen müssen sich gegenseitig aufwecken, befruchten und etwas Neues entstehen lassen. Darum geht’s in »Bach in Brazil«.

Sie glauben also an die Kraft der Musik bzw. der Kultur als völkerverbindendes Element?

Unbedingt! Wenn die Menschen irgendetwas verbindet, dann sind es ihre gemeinsamen Träume und ihre gemeinsamen Sehnsüchte. Nichts anderes. Mir geht es jedenfalls so, wenn ich die Bilder aus dem Flüchtlingslager in Idomeni sehe und die Interviews höre.

Wenn ich die Hoffnung in den Augen derer sehe, die hinter dem Stacheldraht warten, dann denke ich: Was sind wir für Deppen, dass wir das Riesenpotenzial dieser Flüchtlinge, die durch unglaubliche Biografien und unglaubliches Improvisationstalent in ihrem abenteuerlichen Leben geprägt sind, nicht nutzen? Warum nehmen wir das nicht an und lassen uns davon inspirieren?

Aber Musik kann die Welt nicht verändern. Hat zumindest Neil Young gesagt...

Man kann genauso gut sagen, dass es nur die Musik ist, nur die Kunst, die die Menschen zusammenbringt. Und das kann letzten Endes auch die Welt verändern. Denn auch um gesellschaftlich ein anderes Leben, in ein anderes Miteinander zu finden, muss man ein Gefühl haben für die eigene Form, in die man kommen möchte, in der man sich ausdrücken möchte. Musik lässt uns ja ganz wesentlich darüber nachdenken und nachspüren, dass wir uns in Formen wiederfinden, die nicht Sprache sind. Das hat dann meistens sehr viel mit unserem Innersten zu tun.

Wenn ich da eine Form für mich finde, dann komme ich auch im politischen und gesellschaftlichen Leben besser in Form, um mich zu äußern. Dann kann ich Träume formulieren und möglicherweise sogar verwirklichen. Mit Träumen meine ich ganz konkret solche auf ein besseres Zusammenleben hin. Im Augenblick beherrscht ganz stark die Angst vor dem Fremden unser Zusammenleben und findet seine Form eher in Hass und Abstoßung. Auch innerhalb unserer Gesellschaft.

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