Auge und Ohr - Das Zusammenspiel der Sinne

Amerikanische Musikmagazine erfanden den »Blindfold Test«, bei manchen Musikwettbewerben darf die Jury die Kandidaten nicht sehen. Die Idee ist dieselbe: Das Auge soll keine Informationen liefern, das Ohr soll neutral sein. Kleiner Nebeneffekt: Das Ohr strengt sich mehr an.

Das Auge ist hyperaktiv

Unser tägliches Leben und Erleben ist stark vom Visuellen geprägt. Fernsehbilder, Alltagsdinge, Buchstaben, Zahlen, Bewegung, Spiele, Gesichter, Displays, Straßen, Landschaften, Wolken – wir sind ständig mit Sehen beschäftigt. Unser Auge erfasst in hoher Geschwindigkeit laufend wechselnde optische Eindrücke. Es fokussiert sich auf Nahes und Fernes, auf Großes und Kleines, auf rasche Veränderungen und schnelle Verschiebungen.

Wer die Film- und Fernseh-Ästhetik von heute mit der von vor 40 Jahren vergleicht, erkennt rasch, dass sich unsere optische Aufnahmefähigkeit stetig noch weiter beschleunigt. Das Auge ist hyperaktiv, ein aggressiver Eroberer. Es wandert die ganze Zeit herum, nimmt immer wieder anderes wahr, springt hierhin und dorthin, fixiert einzelne Details, wechselt die Blickrichtung, fasst wieder Neues ins Auge, wählt einzelne Objekte aus, schließt auch einmal seine Lider. Es ist ein unersättliches Einfangen von Eindrücken und Signalen. Unser Sehen ist autokratisch und selektiv.

Das Ohr hört alles, was es zu hören gibt

Unser Gehör funktioniert da ganz anders. Wie immer ich den Kopf drehe: Ich höre das Summen der Neonröhre, die vorbeifahrenden Autos und die fröhlichen Kinderstimmen gleichzeitig. Während das Optische darauf wartet, vom Auge entdeckt und eingefangen zu werden, kommt das Akustische ungefragt zu mir. Das Ohr empfängt ständig alles. Es ist nicht selektiv wie das Auge, es hat auch kein Lid, um sich zu schließen.

Das Ohr ist die Verkörperung von Empfänglichkeit, Duldung und Toleranz. Wir hören alles, was es zu hören gibt, ungefiltert durcheinander. Das kann uns schon auch mal zu viel werden – etwa das gleichzeitige Geplapper mehrerer Stimmen, der Lärm einer Baustelle, das unentwegte Gekreisch und Gepiepse von Werbespots. Geräusche bedrängen uns, weil sich das Ohr nicht abwenden kann.

Musik als Zumutung?

Davon ist auch unsere Kunstwahrnehmung betroffen. Wenn uns im Museum ein Bild nicht gefällt, sehen wir einfach woanders hin. Wenn uns im Konzert ein Musikstück nicht gefällt, können wir schlecht auf etwas anderes hören – Musik ist grundsätzlich eine Zumutung. Die Folgen spürt man besonders in der unterschiedlichen Akzeptanz für moderne Bildkunst und moderne Musik. Kandinsky ist leichter zu konsumieren als Schönberg.

Der amerikanische Musikkritiker Alex Ross hat diesen Unterschied so beschrieben: »Während sich die hingespritzten Abstraktionen von Jackson Pollock auf dem Kunstmarkt für 100 Millionen Dollar und mehr verkaufen und während experimentelle Werke von Matthew Barney oder David Lynch im ganzen Land in den Studentenheimen diskutiert werden, löst das musikalische Äquivalent dazu beim Konzertpublikum noch immer Wellen des Unbehagens aus.«

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Das Musizieren und die Augen":

  • 16.08.2016
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 9/2016
  • Seite 30-31

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