Aspekte der Musiktherapie: Improvisieren ist tägliches Brot

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Schon im antiken Ägypten, China, Griechenland wurde Musik zu medizinischen und therapeutischen Zwecken eingesetzt. Die Musiktherapie ist so alt wie die Musik selbst – und vielleicht ihr eigentlicher Kern. Denn therapieren wir uns nicht ständig selbst, indem wir Musik hören und spielen?

In den Lazaretten des Zweiten Weltkriegs wurde einst viel musiziert und gesungen, um die verletzten Soldaten von ihren Schmerzen und ihrer Verzweiflung abzulenken. Dabei hat man erkannt, dass Musik die körperlichen und seelischen Heilungsprozesse deutlich beschleunigt. 

Das war die Geburtsstunde der modernen Musiktherapie. Seitdem hat sich eine kaum mehr überschaubare Vielzahl musiktherapeutischer Konzepte entwickelt. Die Ansätze reichen von der »MusikMedizin«, die bei klinischer Behandlung unterstützend eingreifen soll, bis hin zu vielerlei Methoden der rezeptiven (hörenden) Therapie (unter anderem RMT, Katathymes Bilderleben, GIM, Autogenes Training) und ins­beson­dere der aktiven (spielenden) Therapie. 

Wofür ist Musiktherapie gut?

Es gibt kaum noch ein physisches oder ­psychisches Krankheitsbild, bei dem eine musiktherapeutische Behandlung ausgeschlossen wäre. Durch die unmittelbare Wirkung auf Atemfrequenz, Puls, Blutdruck, Stresshormone, Sauerstoffverbrauch oder Muskeltonus eignet sich der Einsatz von Musik etwa bei Schmerz- und Physiotherapien, in der Anästhesie, in der Krebsbehandlung oder bei chronischen und psychosomatischen Erkrankungen (zum Beispiel Bulimie, Hautkrankheiten, Magengeschwüre, Herzrhythmusstörungen, Asthma). 

Auch in der Psychotherapie und Psychiatrie hat sich der Einsatz von Musik als »Dosenöffner der Seele« über Jahrzehnte bewährt. Bei Angststörungen, Schizophrenie, Wahnvorstellungen, Aggressivität, Neu­rosen, Wahrnehmungs- und Interaktionsstörungen sowie besonders bei depressiven Zuständen kommt Musiktherapie zum Einsatz.

Weitere Anwendungsgebiete sind die Frühpädagogik sowie Kinder- und Jugendtherapie, wo Hyperaktivität, Autismus, Migräne, Sprach- und Antriebsstörungen musik­therapeutisch behandelt werden. In der ­Reha-Therapie gibt es Erfolge nach Schlaganfällen und Schädel-Hirn-Traumen, bei Schlaf- und Sprechstörungen oder beim Burnout-Syndrom. Anwendung findet Musik­therapie auch in der Arbeit mit Behinderten, Drogenkranken und alten Menschen. Selbst in der Hospizarbeit wird Musik­therapie eingesetzt.

Warum funktioniert Musiktherapie?

Die breite Anwendbarkeit von Musiktherapie beruht auf den umfassenden Wirkungen der Musik auf unser Gehirn. Das Innenohr, wo die Schallimpulse ankommen, ist der Teil des Gehirns mit den meisten Nervenenden. Die musikalischen Signale er­reichen als Nervensignale die Steuerungspunkte praktisch aller vegetativen Körperfunktionen, ohne dass uns das bewusst wird. 

Unsere musikalische Wahrnehmung ist über die Gehirnnerven außerdem mit jenen Bereichen verbunden, die für unser emotionales Erleben, unsere Ängste und Hoffnungen verantwortlich sind. Musik bewegt unser Gefühlsleben ohne den Umweg über vielleicht schmerzhafte Verbalisierungen.

Als zweckfreies, gewissermaßen neutrales Medium vermag Musik Bezirke unserer Seele aufzuschließen, die anderen Therapieformen nicht zugänglich sind. Der Musiktherapeut Christian Galle-Hellwig sagt: »Das Musizieren bietet einen Schutzraum für den Patienten.«

  • 18.12.2018
  • Praxis
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 11/2018
  • Seite 18-19

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