Alte Schätze neu entdeckt - (4) Stephan Jaeggis "Titanic"

  • 22.05.2012
  • Praxis
  • Joachim Buch
  • Ausgabe: 6/2012
  • Seite 16-17

Immer wieder wird in Originalkompositionen für Blasorchester Bezug genommen auf geschichtliche ­Ereignisse oder manchmal sogar recht aktuelle Geschehnisse. Berühmtestes Beispiel ist zweifellos die Fantasie »Titanic« (ObrassO) des Schweizers Stephan JaeGgi (1903–1957), die aus Anlass des 10. Jahrestages der »Titanic«-Katastrophe 1922 uraufgeführt wurde. Das wohl modernste Schiff seiner Zeit galt als »unsink­bar«, rammte aber während seiner Jungfernfahrt am 15. April 1912 vor der Küste Neufundlands einen Eisberg und sank innerhalb weniger Stunden. Nur etwa ein Drittel der mehr als 2000 Menschen an Bord überlebten die Katastrophe.

»Titanic« taucht bis heute immer wieder in den Konzertprogrammen auf. Auch wenn es nicht das einzige Stück zu diesem Thema geblieben ist, so dürfte es doch das am meisten gespielte sein. 

In der Entstehungszeit des Stücks galten andere Besetzungstraditionen (u. a.): 

  • Es-Klarinette zumeist parallel mit Flöte
  • keine tiefen Klarinetten 
  • Hörner in Es  
  • geteiltes hohes Blech (mit weitgehend parallel geführten Klarinetten und Flügelhörnern; bei Verzicht auf die Klarinetten käme man dem in Benelux recht populären Klang des Fanfare-Orchesters nahe)
  • vierstimmiges Tenorblech: Tenorhorn 1 – 3, Bariton

Aus diesem Grund hat der Schweizer Komponist und Musikpädagoge Edy Kurmann vor etwa zehn Jahren eine Neu-Instrumentierung des Jaeggi-Werkes veröffentlicht, die den internationalen Standards der »Symphonic Band« Rechnung trägt: 

  • ohne Es-, dafür mit Alt- und Bassklari­nette
  • Hörner in F
  • im hohen Blech nur ein dreistimmiger Trompetensatz
  • nur eine Stimme im Tenorblech (Bariton im Bassschlüssel)

In Bezug auf das oft gebrauchte Synonym »Harmonie-Orchester« kann man auch sagen, dass die Instrumente der traditionellen Harmoniemusik hier weitaus stärker im Blickpunkt stehen als bei Jaeggi.

 

Stephan Jaeggi

wurde am 28. Mai 1903 in Fulenbach/Solothurn geboren und ­begann mit 13 Jahren in der Harmoniemusikgesellschaft Fulenbach Klarinette zu spielen. Nach seiner Schulzeit absolvierte er in der Werkstätte seines Onkels ­Alfred Jaeggi eine Mechanikerlehre, wo der Legende nach in unbeaufsichtigten Momenten »Titanic« als sein erstes großes Stück entstanden sein soll. Es war der Versuch, ein großes Trauma jener Zeit zu verarbeiten. Uraufgeführt wurde es 1922 von der Stadtmusik Olten. Erst gegen Ende seines Schaffens nahm Jaeggi in einem Werk ­wieder Bezug zu aktuellen Geschehnissen: die aufwühlende »Ouvertüre in F – Ungarn 1956« unter dem Eindruck des damaligen Volksaufstandes gegen die kommunistische Herrschaft. 

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