Abschied von Stefan Fritzen

Stefan Fritzen (Foto: Armin Koch)

Im vergangenen Jahr wähnte er sich am Ziel. Denn endlich durfte die Dresdner Bläserphilharmonie in den »heiligen Hallen« der Dresdner Kultur, dem gerade sanierten Kulturpalast, auftreten. Natürlich war das nur ein Zwischenziel, denn im Zentrum seines Schaffens stand immer die Musik. Nun ist der Dirigent, Musiker und Musikpädagoge Stefan Fritzen infolge eines Herzleidens Ende Mai im Alter von 79 Jahren verstorben.

Die Geschichte der Dresdner Bläserphilharmonie ist untrennbar mit Stefan Fritzen verbunden. Der musikalische Leiter kehrte nach seiner Pensionierung 2007 in seine sächsische Heimat zurück. 1986 – nach einer herausragenden Musikerkarriere als Soloposaunist (zuletzt bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden), Kammermusiker und Kammervirtuose – war er aus der DDR aus politischen Gründen ausgereist.

Glücksfall für Mannheim

In Mannheim trat er die leitende Stelle als Fachgruppenleiter für Bläser und Schlagzeug an der Städtischen Musikschule an und gründete die Mannheimer Bläserphilharmonie sowie das Junge Blechbläserensemble Mannheim. Stefan Fritzen war ein Glücksfall für Mannheim.

Denn beide Ensembles führte er in den 20 Jahren seines dirigentischen Wirkens zur musikalischen Spitze und prägte damit nicht nur zahlreiche junge Musikerinnen und Musiker, sondern die gesamte Stadt Mannheim. Bei zahlreichen internationalen Wertungsspielen erzielte er mit seinen Ensembles große Erfolge, so zum Beispiel im Jahr 2001 beim 14. Weltmusikfestival im niederländischen Kerkrade den 1. Preis »summa cum laude«.

Der von ihm geschaffene »Mannheimer Klang« steht heute in der sinfonischen Bläsermusik für eine Musizierästhetik, die dem Klangansinnen der Sinfonieorchester im deutschen Kulturbereich in nichts nachsteht und als Wegweiser sowie Orientierung der sinfonischen Blasorchester weit über die nationalen Grenzen hinaus gilt.

Gefragter Dozent

Stefan Fritzen war zudem gefragter Dozent in zahlreichen Landesjugendorchestern, leitete Dirigentenseminare an den Musikhochschulen Mannheim und Stuttgart und war anerkannter Juror bei bedeutenden internationalen Instrumental- und Orchesterwettbewerben.

Für seine herausragenden Leistungen wurde Fritzen 2005 mit der Schillerplakette der Stadt Mannheim sowie mit der Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg geehrt.

Wieder zu Hause in Dresden, stellte Stefan Fritzen all seine musikalische Leidenschaft, seine Erfahrungen und seine pädagogischen Fähigkeiten als Dirigent, Dozent und Publizist zur Verfügung. Mit Beharrlichkeit und Leidenschaft schuf und etablierte Fritzen – auch gegen Widerstände – mit der Dresdner Bläserphilharmonie erneut ein Orchester, das zum Glücksfall und anerkannten Kulturträger einer so bedeutenden Musikstadt wie Dresden werden sollte.

Dresdner gewesen und geblieben

Fritzen ist immer Dresdner gewesen und geblieben. Die Rückkehr und die Gründung der Bläserphilharmonie waren nicht vordergründig, aber dennoch mitunter immer auch eine persönliche Geschichte Fritzens. Er wollte schlichtweg auch zu Hause zeigen, was er konnte. Und die Dresdner Bläserphilharmonie lebte von der geballten Kompetenz Stefan Fritzens. So ist auch die Geschichte der Dresdner Bläserphilharmonie eine Erfolgsgeschichte geworden, in der Stefan Fritzen durch das Vermitteln seiner Klangvorstellung geradezu Gigantisches geschaffen hat.

Fritzen probte äußerst diszipliniert, konzentriert und bisweilen auch pedantisch. Er war in der Sache kritisch, aber auch hart gegen sich selbst. Er konnte seinen Schülern und Orchestern nicht nur das Ergebnis erklären, sondern auch das Zustandekommen.

Fritzen sprach viel in den Proben

Und zwar immer so, dass alle das Ergebnis liebten. Stefan Fritzen sprach viel in seinen Proben. Aber er nutzte Worte nur, um die Menschen zum eigenen Denken zu führen. Das reine Anleiten gab es nie. Seine Anrede an die Orchestermusiker war stets »Meine Lieben…« Damit hat er zu einer Vision geführt, zu seiner Vision. Und die Umsetzung gelang eben mit den »Lieben«.

Denn er sah stets die Sache und die Menschen, mit denen er diese Sache erreichen konnte. In den Proben war er Pädagoge – nicht der Maestro. Ihm war nie zuerst daran gelegen, sich selbst zu verwirklichen.

Sein Klangideal war das der Dresdner Staatskapelle. In dieser Vision hat er nie nachgelassen, denn er sah in der Musik die Möglichkeit eines Zusammenwirkens zur Schönheit. Fritzens Arbeit war eine Zusammenarbeit über die Lust und Leidenschaft.

Man konnte mit ihm diskutieren, ja streiten

So konnte man auch leidenschaftlich und kontrovers mit ihm diskutieren, ja streiten. Auch seine Fachbeiträge für CLARINO waren nie dafür vorgesehen, die Welt in Rosarot zu sehen. Zu ernst und viel zu wichtig war Stefan Fritzen die Musik und alles, was damit zu tun hatte.

Ohne die politischen Voraussetzungen und seinen damit verbundenen persönlichen Lebensweg hätte er in der Musik wohl nicht das gesehen, was er vermittelt hat. Es war ihm wichtig, über die Musik die Kraft der Zusammenhänge aufzuzeigen.

Man musste nicht immer seiner Meinung sein und auch Fritzen ließ sein Gegenüber immer ausreden. Wer wollte, konnte ihn verstehen, wer nicht, der musste das auch nicht.

Kompositionen von Puccini, Rudin, Staněk, Grainger und Melillo hat die Dresdner Bläserphilharmonie unter der Leitung von Stefan Fritzen zuletzt im Kulturpalast aufgeführt. Das Orchester spielt dort jedes Jahr zwei Konzerte. Eine große Anerkennung, die ohne das Engagement eines Mannes wie Stefan Fritzen nicht möglich geworden wäre.

Stefan Fritzen wollte Menschen mit Musik erfreuen. Dies ist ihm gelungen – die Musiker werden sein Erbe weitertragen.

  • 02.07.2019
  • Szene
  • Peter Vierneisel und Klaus Härtel
  • Ausgabe: 7-8/2019
  • Seite 50-51

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