75. Todestag von Komponist Erwin Schulhoff: Scherzo alla Jazz

Die 1920er waren ein Jahrzehnt der künstlerischen Experimente und Provokationen. Mittendrin: der Pianist und Komponist Erwin (Ervín) Schulhoff, einer der talentiertesten und umtriebigsten Musiker in Europa. Auch die klassischen Bläser verdanken ihm mitreißende, großartige Werke.

Talent am Klavier

Sein Instrument war das Klavier. Schon mit drei Jahren wurde das pianistische Talent deutlich, mit sieben durfte er dem großen Antonín Dvořák vorspielen, mit zehn wurde er regulärer Student am Prager Konservatorium. Eine von ihm komponierte Melodie für Violine und Klavier war da bereits als Notendruck erhältlich.

Auf seiner ersten, sehr erfolgreichen Konzertreise spielte der 16-jährige Erwin Schulhoff Werke von Wilhelm Friedemann Bach, Beethoven, Chopin, Liszt und Mendelssohn, daneben auch eigene Klavierstücke mit Titeln wie »Irrlichter« oder »Burleske«.

Drei Jahre später wurde er für sein Klavierspiel erstmals mit dem renommierten Mendelssohn-Preis ausgezeichnet – da war sein Werkverzeichnis schon bei Opus 16 angekommen. Neben Stücken für Klavier solo entstanden auch ein erstes Klavierkonzert (1914), Duos für Violine und Klavier bzw. Violoncello und Klavier sowie Orchesterwerke.

Trümmerhaufen-Jazz

Dann kam der Erste Weltkrieg und machte aus dem jungen Pianisten einen Soldaten. Schulhoff erlitt an der Front Verletzungen der Hand, Erfrierungen der Beine und ein psychisches Trauma. Nach den Kriegserfahrungen empfand er die »erworbene Kultur der europäischen Menschheit« als schwer beschädigt.

Seine neuen Klavierstücke – er nannte sie Grotesken oder Ironien – schienen mit wilden Harmonie- und Metrumwechseln den »europäischen Trümmerhaufen« verspotten zu wollen. Doch an diesem Punkt entdeckte Schulhoff den Dadaismus und den Jazz und erklärte sie zum »Zukunftsland«.

Er begann damit, Jazz-Anklänge in seine Klavierstücke zu integrieren: Der ekstatische Rhythmus des Jazz, meinte er, erzeuge »körperliches Wohlbehagen« und sei das beste Heilmittel gegen die Nachkriegsdepression.

  • 05.10.2017
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 10/2017
  • Seite 52-53

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