Zu Gast beim WMC

  • 06.07.2017
  • Szene
  • Jochen Mettlen
  • Ausgabe: 7-8/2017
  • Seite 54-55

Alle vier Jahre lockt das Musikmekka Kerkrade Tausende Musiker aus aller Welt in die Niederlande. Diesmal erwarten die Veranstalter des Wereld Muziek Concours (WMC) 270 Orchester und 21 000 Musiker. Ein neuer Rekord. Neu ist auch das Bewertungssystem, das mit viel Innovation Maßstäbe setzen soll.

»Wir möchten Brücken bauen«, sagt Harrie Reumkens, künstlerischer Leiter des WMC, zu Beginn unseres Gesprächs. »Der WMC möchte verbinden und weniger darauf schauen, wer Weltmeister wird.« Wer Harrie Reumkens kennt, weiß, dass der umtriebige Niederländer immer wieder versucht, neue Wege zu gehen, innovativ zu sein.

»Wir haben uns das Jury-Bewertungssystem angeschaut und uns dabei einige Fragen gestellt. Wie ist es um die Urteilskraft der Juroren bestellt? Was zeigt uns die Wissenschaft? Was können wir eigentlich bewerten? Kann man vollends objektiv sein?«, zählt Reumkens auf.

Neues Bewertungssystem

Das WMC-Team hat die Thematik wissenschaftlich aufgearbeitet und dabei mit Fachleuten aus den USA zusammengearbeitet. Bei einem Musikvortrag werden pro Sekunde etwa 40 Millionen Bit an Informationen vermittelt. »Der Mensch kann lediglich 40 bis 50 Bit pro Sekunde verarbeiten. Wenn ein Juror also während des Vortrags Notizen nimmt, hört er nicht mehr zu«, lautet das Fazit von Harrie Reumkens.

Aus dieser wissenschaftlichen Erkenntnis heraus hat Reumkens ein neues Bewertungssystem ausgearbeitet. »Die Gesamtheit des Auftritts soll bewertet werden«, fasst der künstlerische Leiter zusammen. Auswahl des Werks, musikalisches Niveau, Solist, Videos oder Gesang – alles spielt eine Rolle, auch die Tatsache, ob ein Verein Interesse beim Publikum weckt.

Aus diesem Grund setzt sich die Jury für die Konzertwettbewerbe aus fünf Fachleuten zusammen: jeweils ein Fachmann für Blasorchester und Sinfonieorchester, ein Komponist, ein Solist und ein Choreograf. Um das neue Konzept umzusetzen, werden die Juroren im Vorfeld geschult.

»Zudem prüfen wir, ob die Juroren die Partituren schon vor dem Wettbewerb kennen«, so Reumkens. Auch für die Marschwettbewerbe gilt das Grundprinzip, dass die Juroren ein Gesamtbild der Performance bewerten sollen. »Die verschiedenen Marschkulturen aus aller Welt sollen in Kerkrade vertreten sein.«

Brassband-WM

Bei aller Innovation, Wettbewerb bedeutet auch messen, vergleichen und konkurrieren. Und das wird auch bei der 18. Auflage des WMC nicht anders sein. Und das ist auch gut so. Den Auftakt macht am ersten WMC-Wochenende, das heißt am 8. und 9. Juli, die Brassband-WM.

Zehn Ensembles nehmen in der Championship Division teil, darunter der norwegische Titelverteidiger Manger Musikklag, Treize Etoiles aus der Schweiz, die Carlton Main Frickley Colliery Band aus Großbritannien, die National Band aus Neuseeland, die belgischen Brassbands Willebroek und Buizingen sowie die niederländischen Brassbands De Wâldsang und Schoonhoven. Darüber hinaus finden Wettbewerbe in drei weiteren Kategorien statt.

Die ersten Wettbewerbe der Marsch- und Showbands im Parkstad Limburg Stadion beginnen schon am Sonntag, 9. Juli. Die Wettbewerbe in den drei Kategorien erstrecken sich somit über insgesamt sieben Tage. Die Perkussionswettbewerbe finden an drei Freitagen (14., 21. und 28. Juli) jeweils im Theater Kerkrade statt.

Harmonien und Fanfaren

In der Höchststufe der Harmonien wird es in diesem Jahr auf jeden Fall einen neuen Weltmeister geben, da Titelverteidiger Eijsden aus den Niederlanden nicht antritt. Auch die starken belgischen Harmonien wie Vooruit Harelbeke oder das Bevers Harmonieorkest machen diesmal eine Pause. An Klasse fehlt es aber absolut nicht.

Eingeschrieben sind das Sinfonische Blasorchester Bern und La Concordia Fribourg (beide Schweiz), das Sinfonische Blasorchester Ried (Österreich), das Toulouse Wind Orchestra und die Nantes Philharmonie (beide Frankreich), das Rovereto Wind Orchestra (Italien), das Landesblasorchester Baden-Württemberg (Deutschland), die Harmonie Wolder-Maastricht (Niederlande) und La Armónica de Buñol (Spanien).

Bei den Fanfaren gilt Titelverteidiger Kempenbloei Achel aus Belgien als der große Favorit. Ferner treten die belgische Fanfare Izegem sowie die niederländischen Fanfaren Schimmert und Gelders Fanfare Orkest in der Höchststufe an. Sowohl bei den Fanfaren als auch bei den Harmonien finden ebenfalls Wettbewerbe in den Divisionen 1, 2 und 3 statt.

Einzelheiten zu Wettbewerben, Pflichtwerken, Rahmenprogramm oder Kartenreservierung finden Sie im Internet:

www.wmc.nl

Interview mit Harrie Reumkens, künstlerischer Leiter des WMC

Herr Reumkens, wie viele Teilnehmer zählt der diesjährige WMC?

270 Orchester aus sechs Kontinenten nehmen am WMC teil. In den Wettbewerben sind 38 Nationen vertreten. Insgesamt kommen mehr als 21 000 Musiker nach Kerkrade. Das ist ein Rekord. Wir bringen die Musiker in der gesamten grenzüberschreitenden Großregion unter, das heißt zwischen Eindhoven, Aachen und Lüttich.

Vor vier Jahren hat die Weltwirtschaftskrise einige Orchester von einer Teilnahme abgehalten. Wie sieht es diesmal aus?

In einigen Ländern, wie beispielsweise Spanien, ist die Finanzkrise noch spürbar. Es geht aber besser. Wir haben sehr gute Kontakte zu den sechs Toporchestern Spaniens. Der WMC hat sie zur Schaffung eines gemeinsamen Jugendorchesters zusammengebracht. Übrigens, die Harmonien von Buñol hissen an Feiertagen auch die WMC-Fahne, so hoch ist der Wettbewerb dort angesehen.

Ähnliches habe ich in Bangkok erlebt. Viele Leute dort kennen Kerkrade. Mit Thailand arbeitet der WMC seit 30 Jahren zusammen. Neben den Schulorchestern haben wir jetzt auch Kontakt zu den Konservatorien. Wir sind auch in Bolivien aktiv und fördern die Zusammenarbeit mit dem Simon Bolívar Orchestra. Mehrere bolivianische Orchester machen diesmal beim WMC mit.

Welche Neuerungen haben Sie eingeführt?

Zum einen haben wir das Bewertungssystem reformiert. Ziel ist es, die Gesamtheit eines Auftritts zu bewerten. Zum anderen haben wir den Dirigentenwettbewerb umgestaltet. Mit renommierten Dirigenten wie Jan Cober, Alex Schillings oder Douglas Bostock haben wir weltweit neun Meisterklassen durchgeführt. Maximal zwei Teilnehmer konnten sich jeweils für das Finale in Kerkrade qualifizieren. Der WMC zahlt Reise und Unterkunft der Teilnehmer.

Was steckt eigentlich hinter der Crowdfunding-Aktion?

Diese Crowdfunding-Aktion liegt mir sehr am Herzen. Wir möchten Jugendorchester aus weniger wohlhabenden Ländern die Möglichkeit bieten, am Youth Camp des WMC teilzunehmen. Somit können die Jugendlichen Blasmusik auf höchstem Niveau machen, ihr Talent weiterentwickeln und Kontakte mit anderen Jungmusikern aus aller Welt knüpfen.

Ich denke dabei an die Fieldband aus Südafrika und an eine Mädchenband aus Kolumbien. Mit den Crowdfunding-Geldern möchten wir Reise und Unterkunft der beiden Jugendorchester finanzieren.

Das WMC-Rahmenprogramm: Von Blechschaden bis Märchenoper

Das WMC-Rahmenprogram lässt auch in diesem Jahr keine Wünsche offen. Der Konzertzyklus wird am 10. Juli mit einem Brass-Galakonzert eröffnet, den die Brassband Manger Musikklag und die Carlton Main Frickley Colliery Band gestalten. Letztere hat übrigens an der Wiege des WMC gestanden.

Am 12. Juli führt die Harmonie Eijsden mit drei Kinder- und Jugendchören eine Märchenoper des belgischen Komponisten Jan Van der Roost auf. Am 13. Juli gastiert Belgiens Elitemilitärkapelle Guides erneut in Kerkrade. Das Konzert steht im Zeichen des belgischen Musikverlages HAFABRA.

Weitere Highlights sind die Auftritte des Budapest Saxophone Quartetts (9. Juli), das Finale des Dirigentenwettbewerbs (19. Juli) und die Auf­tritte des Simon Bolívar Orchestras (24. Juli) oder des Blechbläserensembles »Blechschaden« (27. Juli).

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