Werkstatt-Einblicke: Wie eine Vincent-Bach-Trompete entsteht

  • 05.10.2017
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2017
  • Seite 48-50

Als der als Vincenz Schrottenbach geborene und aus Baden bei Wien stammende Kornettist Vincent Bach im Jahre 1918 eine Kleinstwerkstatt – zunächst produzierte er Mundstücke auf einer fußbetriebenen Drehbank – im Herzen New Yorks eröffnet, ahnt er vermutlich nicht, welchen Klang seine Instrumente etwa 100 Jahre später – schon allein durch den Namen – haben würden. Wir haben uns einmal vor Ort umgesehen...

Der Mythos Vincent Bach

Um dem Mythos Vincent Bach halbwegs auf die Spur zu kommen, muss man weiter als 100 Jahre in die Vergangenheit reisen. Nach Baden bei Wien. Dort nämlich wird Vincenz Schrottenbach am 24. März 1890 in eine wohlhabende Seifenfabrikantenfamilie hineingeboren.

Seine Eltern sind hobbymäßig leidenschaftliche Sänger und Musikanten. Auch der kleine Vincenz weiß sehr bald, wofür sein Herz schlägt. Er spielt zunächst Geige und bekommt zu seiner Erstkommunion eine Trompete geschenkt. Der Weg scheint vorgezeichnet.

Doch bei einem Fahrradunfall stirbt Schrottenbach senior. Die Mutter heiratet wieder und Vincenz bekommt einen kategorischen Musikgegner zum Stiefvater, der ihm die Ausbildung am Musikkonservatorium verbietet. Nach heftigen Streitereien beginnt er in Wiener Neustadt eine Ausbildung an der Maschinenbauschule – eine Ausbildung, die ihm später gute Dienste leisten soll.

Ein Vollblutmusiker, wie Vincenz Schrottenbach es ist, hört natürlich nicht von heute auf morgen auf, zu musizieren, nur weil der Stiefvater etwas dagegen hat. Nein, mit immensem Ehrgeiz und einem guten Stück Besessenheit bringt er parallel seine musikalische Ausbildung voran. Er nimmt Unterricht in Wien, sogar in Wiesbaden, verpflichtet sich bei der Marinemusik. Und er musiziert. Immer. Überall.

Wie aus Vincenz Schrottenbach Vincent Bach wurde

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs spielt er gerade in England. Nach Österreich möchte er nun gerade nicht, es hätte der Dienst an der Waffe angestanden. In England aber muss er sich als "feindlicher Musiker" zweimal täglich auf dem Polizeirevier melden. Er haut ab.

Mit falschem Namen kauft er sich eine Passage nach New York City. Mit 5 Dollar in der Tasche fährt er mit der "Lusitania" ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem ein Tellerwäscher zum Millionär werden kann. Oder Vincenz Schrottenbach zu Vincent Bach.

Vom Musiker zum Mundstückbauer zum Trompetenbauer

Das musikalische Geschäft floriert. Boston, San Francisco, New York – überall spielt Bach in renommierten Orchestern. Ein "Experiment" sorgt für den nächsten Richtungswechsel. Beim Versuch, das Mundstück zu verbessern, ruiniert ein "Experte" es.

Der Musiker steht ohne sein gewohntes  Mundstück da und jeder Blechbläser weiß, was das bedeuten kann. Bach macht aus der Not eine Tugend und baut sich sein perfektes Mundstück eben selbst – seine technischen Kenntnisse aus Österreich kommen ihm nun zugute. Es klappt und er findet den "Stein der Weisen".

Nicht nur für sich, auch für seine Kollegen. 1919 mietet Vincent Bach sich ein kleines Zimmer in New York City, kauft sich eine Drehmaschine für 300 Dollar und beginnt zwischen seinen Auftritten ein Mundstück am Tag herzustellen.

Um wirklich Geld zu verdienen – irgendwann hat jeder seiner Bekannten ein Mundstück –, schaltet er eine Anzeige in einem Musik-Magazin mit dem Titel "How to Become a Wizard on the Cornet Without Practicing" (Wie man auf dem Kornett zaubert ohne zu üben). Der Ansturm auf die Mundstücke führt dazu, dass Bach seine Konzerttätigkeit aufgibt, um sich voll und ganz auf sein neues Geschäft konzentrieren zu können.

Ab 1922 baut Bach eigene Trompeten. Er vermarktet diese kurz darauf unter dem berühmt gewordenen Modellnamen "Stradivarius" – in Anlehnung an den sagenumwobenen Geigenbauer Antonio Stradivari. Größenwahn? Vielleicht. Zumindest aber zeugt es von enormem Selbstbewusstsein.

Die Firmengruppe Conn-Selmer in Elkhart

Heute – wir springen in die Gegenwart nach Elkhart, 60 Meilen östlich des Lake Michigan – gehört die Firma Vincent Bach zum Konzern Conn-Selmer, einem Konglomerat verschiedenster Hersteller von Holz- und Blechblasinstrumenten sowie Percussion.

Die Firmengruppe Conn-Selmer ihrerseits ist eine Tochter des Konzerns Steinway Musical Instruments, die 2013 wiederum vom US-amerikanischen Hedge-Fonds-Manager John Alfred Paulson gekauft wurde (eine Anekdote besagt, dass Paulson eigentlich ein Klavier für seine Tochter kaufen wollte...).

Zur Gruppe Conn-Selmer gehören klangvolle Namen wie C.G. Conn, King, Leblanc, Ludwig, Yanagisawa und natürlich Vincent Bach. Die Headquarters in Elkhart erreicht man, indem man zunächst die Sicherheitsschleusen des O’Hare International Airport in Chicago hinter sich lässt und die Interstate Nummer 90 etwa 110 Meilen gen Osten fährt.

Elkhart ist eine US-amerikanische Kleinstadt und wirkt auf den Besucher wie eine, nun ja, US-amerikanische Kleinstadt. Elkhart hat knapp 50 000 Einwohner, beheimatet ein wunderbares Jazzfestival (seit 30 Jahren) und eben die Produktionsstätte der berühmtesten Trompete der Welt.

Das Hauptquartier der Conn-Selmer-Gruppe hätte man größer erwartet, mehr Pomp und Protz. Stattdessen hat man lediglich ein funktionales Bungalow in die Erde eingelassen. Um aus dem Fenster zu sehen, müsste man vermutlich auf einen Stuhl steigen – und wäre selbst dann knapp oberhalb der Grasnarbe.

Wenn man also nach Elkhart kommt und ein gieriges, firmenverschlingendes Monster erwartet, ein anonymes, kaltes, profitorientiertes Unternehmen, wird man positiv überrascht. Die Atmosphäre ist locker, familiär, offen.

Firmengeschichte: Ein gefühltes Familienunternehmen

Vermutlich war das nicht immer so, denn zwischen 2006 und 2009 kam es zu einem handfesten Streik, an dessen Ende man sich von einem großen Teil der Belegschaft trennte. Von 230 Bach-Arbeitern blieben 70. Heute bauen etwa 120 Menschen die Bach Stradivarius. Die Qualität soll seit 2009 wieder sprunghaft angestiegen, die Zahl der Überarbeitungen rapide gesunken sein.

Wenn man von dieser schieren Größe des Konzerns Conn-Selmer nicht wüsste, würde man ihn vermutlich für ein gut geführtes Familienunternehmen halten können. Zumindest für Vincent Bach ist der Gedanke so abwegig nicht.

Die 70 Mitarbeiter, die aus der Zeit vor dem Streik blieben, sind alteingesessen. Der "TrumpetScout" hat das treffend formuliert: "Viele von ihnen arbeiten seit 30 Jahren im Betrieb, manche mehr als 40, Brad Milliken, der längstdienende, sogar 45 Jahre. Bei der Führung durch die Werkshalle blickt man überall in freundliche und stolze Gesichter.

Hai Vu lötet Ventilstöcke zusammen – seit 30 Jahren (er hat schon mehrere hunderttausend gefertigt!). Thomas Fodrocy poliert Posaunenzüge, damit sie gleiten wie auf einem Luftkissen – seit 45 Jahren. Und Kent Hocker spielt jede einzelne Trompete in seinem Testraum an – seit 39 Jahren.

Es ist sogar so, dass einige der Mitarbeiter zeitgleich mit ihren Kindern bei Bach arbeiten, viele haben vor ihren Kindern hier gearbeitet. Doch selbst wenn man das nicht weiß, kommt einem dieser 'Blechhaufen' wie eine große Familie vor. Man kennt sich und jeder trägt seinen Teil zu einem äußerst prestigeträchtigen Endprodukt bei."

Blech vs. Holz: extreme Gegensätze

Und so wie Amerika nicht nur das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern eben auch das Land der extremen Gegensätze ist, werden diese auch bei Conn-Selmer sichtbar. Dass Holz oder Blech verarbeitet wird, lässt sich geradezu mit allen Sinnen erleben.

Auf der einen Seite ist es laut. Es ist dreckig, es dampft, es riecht und kracht. Es hämmert, scheppert und zischt. Pure Muskelkraft wird beim Polieren von Blechen verwendet.

Richtung Süden, etwa zwei Kilometer die Straße runter, werden Klarinetten und Fagotte hergestellt. Es herrscht beinahe schon himmlische Ruhe. Filigrane Tätigkeiten scheinen hier das Gros auszumachen.

Markus Theinert, Vice President Marketing, scherzt: "Das Blech steht für Bier und Brezn, das Holz für Wein und Käse..." Man nimmt sich gegenseitig schon mal auf den Arm, doch man schätzt sich gegenseitig und kommt wunderbar miteinander aus.

Es wird deutlich, dass bei Vincent Bach nicht einfach nur das Erbe seines Namensgebers verwaltet wird. Zwar schwebt der der Geist, die Seele durch die heiligen Hallen von Elkhart, doch vielmehr noch kann man es spüren: die Fabrik lebt...

Der große gemeinsame Nenner ist hier tatsächlich: der Stolz. Stolz, ein Teil von etwas wirklich Großem zu sein. Jeder Arbeiter weiß um die Wichtigkeit seiner Tätigkeit und übt sie mit Hingabe aus (und es macht nicht den Anschein, dass sie das nur tun, weil Journalisten vorbeikommen).

Echte Handarbeit

In Elkhart steht der Begriff "Handarbeit" noch für das, was er im Wortsinn bedeutet. Fast nicht nachvollziehbare 465 Schritte sind für eine Bach Stradivarius notwendig, die aus 150 Teilen besteht. Bei Vincent Bach werden zudem alle Bleche von einem Lieferanten bezogen. Das soll starke Schwankungen in Klang, Ansprache und Haltbarkeit vermeiden. Weitere essenzielle Dinge sind das Biegen der Schallbecher und das "Glühen".

Die einzigen vollautomatischen Roboter übrigens werden für das Polieren von Mundstücken verwendet – und die arbeiten in einer Schicht zwischen 22 und 6 Uhr morgens. Als einzige. Denn der Otto-Normal-Arbeiter fängt zwar in aller Herrgottsfrühe an, hört aber auch schon am frühen Nachmittag auf.

Hauptgrund ist die sommerliche Hitze. Und nach dem Job bleibt immer noch Zeit für die "echte" Familie. Jener Roboter ist zudem beteiligt daran, dass das ursprüngliche Geschäft von Vincent Bach immer noch sehr gut läuft: Pro Tag verlassen 1100 Bach-Mundstücke das Werk in Elkhart.

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