Zeit und Muße sind beim Instrumentenkauf unverzichtbar

Europas größtes Musikhaus ist wohl jedem Musiker bekannt. Wie aber findet man bei der Vielzahl von Herstellern und Modellen das richtige Instrument? Wir fragten beim Thomann-Blasinstrumenten-Fachmann Harald Büttner nach:

Angenommen ich spiele bereits seit einigen Jahren ein Schülerinstrument und möchte nun ein neues Instrument bei Ihnen kaufen. Abgesehen vom Preis habe ich keine Vorstellungen und bin bezüglich Marke oder Modell auch noch nicht festgelegt. Wie gehen Sie vor?

Zunächst hinterfrage ich die Situation genau, dann lasse ich die Kunden in Ruhe testen und dann erst unterhalten wir uns gemeinsam über die getesteten Instrumente genauer, wobei ich die Auswahl begleite. Am Ende bespreche ich das vom Spieler gewünschte Zubehör genau.

Welche Informationen benötigen Sie denn vom Kunden für Ihre Beratung unbedingt?

Folgende Infos sind für mich von Bedeutung: Wie lange spielt der Kunde schon? Welches Instrument spielt er bisher? Hat er Vorstellungen beziehungsweise Anforderungen das neue Instrument betreffend? Gibt es Empfehlungen des Lehrers? Für welche musikalische Richtung oder für welche musikalische Situation ist das neue Instrument gedacht? Gibt es ein Budget? Es ist sicher hilfreich, wenn das aktuelle Instrument und Mundstück zum Vergleich mitgebracht werden. Ein kurzer Augenschein über den aktuellen Leistungsstand sowie den Zustand des aktuellen Equipments gibt dem Verkäufer Kompetenz in der Bedarfsanalyse.

Gibt es sogenannte Standard-Modelle/-Instrumente oder auch Marken, auf die Sie in der Beratung eigentlich immer zurückgreifen können?

Ja, die gibt es, aber die sind je nach Instrumentengattung und Preislage verschieden.

Ob ein Instrument dem Spieler liegt oder nicht ist doch auch sehr stark von der Wahrnehmung des Spielers abhängig. Woran machen Sie fest, welche Modelle/Marken Sie überhaupt vorschlagen?

Folgende Aspekte beeinflussen meine Vorschläge: die Wünsche des Spielers – also was ist ihm wichtig, die Empfehlungen des Lehrers und dazu ergänzend meine Erfahrung – insbesondere mein Eindruck, nachdem ich den Kunden spielen gehört habe. Und natürlich das Budget.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass manche Kunden bei ihrer großen Auswahl auch etwas überfordert sind. Inwiefern kann/sollte der Kunde sich vor einem Besuch in Ihrem Musikhaus informieren?

Das ist eigentlich egal. Vorabinformation kann Beratung ersparen, kann aber andererseits bereits zu Desinformation des Spielers geführt haben. Wichtig ist ein Öffnen der Sinne beim Testen, unabhängig von theoretischer oder technischer Vorinformation. Ein bisschen Zeit und Muße sollte der Tester mitbringen.

Gibt es irgendwelche Tipps, die Sie Ihren Kunden beim Anspielen eines Instruments geben? Worauf sollte man als Kunde achten?

Der Kunde sollte Testen nicht mit Üben im Laden verwechseln. Ob ein neues Instrument oder ein neues Mundstück einem liegt oder nicht, weiß man nach wenigen Minuten. Mein Rat: Lieber in die Breite testen und vielleicht auch noch gar nicht berücksichtigte Alternativen gegentesten als „ewig“ auf einem Instrument bzw. Mundstück verharren. Instrumente, die nicht in Frage kommen, sollte man zügig weglegen und dafür die „Finalkandidaten“ etwas länger testen. Viele überschätzen ihre Aufnahmefähigkeit und sind nach einer gewissen Testphase platt und/oder hören die Unterschiede nicht mehr oder nicht mehr so gut. Achten sollte man darauf, womit man spontan am besten zurechtkommt und was einem gefällt, nicht so sehr auf technische Details und Materialkunde.

Wie unterscheidet sich die Beratung bei Anfängern von der Beratung bei fortgeschritten Spielern bzw. bei Profis?

Profis muss man in der Regel nicht beraten, außer sie kommen bewusst offen für neue Vorschläge in den Test, zum Beispiel weil sie ihren Sound verändern wollen. Profis wissen genau, was sie wollen. Anfänger dagegen müssen oft erst dafür sensibilisiert werden, was bei der Auswahl wirklich wichtig ist – und worüber man sich eher nicht so viele Gedanken machen sollte. Sie haben natürlich deutlich mehr Fragen als Profis. Um dem Kunden das richtige Instrument zu empfehlen, braucht man mehr Erfahrung. Denn daran werden wir hinterher auch gemessen.

Sie bieten auch Beratung per Telefon oder E-Mail an. Würden Sie den Kauf eines Instruments empfehlen, ohne dass der Käufer das Instrument schon einmal ausprobiert hat?

Aus unserer Sicht sollte man sich die Zeit nehmen, im Laden verschiedene Möglichkeiten zu testen, außer man weiß ganz genau, was man will. Dann hat man dies aber meistens schon zuvor getestet. Viele Kunden weisen darauf hin, wie weit entfernt sie wohnen. Die Aussicht darauf, dass das Spielen des neuen Instrumentes oder Mundstücks bald deutlich mehr Freude bereiten und bessere Ergebnisse erzielen wird, sollte die Anreise dennoch rechtfertigen. Wir bieten den Kunden neben der Beratung selbstverständlich verschiedene Services wie etwa die 30-Tage-Geld-zurück-Garantie, falls es doch ein anderes Instrument sein soll.

Bieten Sie die Möglichkeit an, (auch mehrere) Instrumente zum Ausprobieren mit nach Hause zu nehmen?

Wir versenden auch mehrere Instrumente oder Mundstücke zum Test. Diese müssen nur vorab komplett bezahlt werden, und die nicht ausgewählten Kandidaten werden nach Rücksendung in neuwertigem Zustand in voller Höhe gutgeschrieben.

Ist teurer wirklich immer besser?

Nicht unbedingt – natürlich ist es in den meisten Fällen wirklich so. Es gibt innerhalb einer Preislage aber durchaus qualitative Ausreißer nach oben und unten. Auf ein unserer Meinung nach besonders gutes Preis-Leistungsverhältnis in einer Finalauswahl weisen wir aktiv hin.

Wie werden die Berater/Verkäufer bei Thomann geschult?

Regelmäßige Schulungen des Fachwissens über bestimmte Marken, bestimmte Instrumentengattungen, Neuerungen und geeignete Zubehörempfehlungen bieten wir mit internen Spezialisten sowie auch Produktspezialisten der Hersteller und Lieferanten an. Darüber hinaus schulen wir ständig Kommunikationsstil und Auftreten der Verkäufer sowie interne Abläufe und Vorgehensweisen. Die Kunden sollen sich bei uns wohlfühlen, uns weiterempfehlen und regelmäßig wiederkommen.

Der Diplom-Kaufmann Harald Büttner ist 46 Jahre alt und im Musikhaus Thomann Abteilungsleiter im Bereich Blasinstrumente. Mit fünf Jahren hat Harald angefangen Klavier zu spielen, mit neun Klarinette, mit 14 dann Saxofon und Kirchenorgel. Der Blasmusikfachmann hat 16 Jahre von der Musik gelebt und sogar sein BWL-Studium damit finanziert. Die Kombination aus BWL und Musik führte direkt in die Musikbranche: neun Jahre war er im Vertrieb bei Seiler Pianos in Kitzingen tätig, seit Mai 2006 beim Musikhaus Thomann. Auch heute noch ist er als Freelancer mit vielen Bands aktiv.

www.thomann.de

Jede Menge Tipps zum Thema Instrumentenkauf finden Sie auch in der CLARINO 4/2015. In dem Artikel "Instrumentenkauf - Die Qual der Wahl" sprachen wir mit zwei Profi-Musikern über ihre Erfahrungen, die Frage nach der Marke, dem preislichen Rahmen und worauf man beim Anspielen achten sollte.

  • 31.03.2015
  • Tipps & Praxis
  • Cornelia Härtl

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