Wycliffe Gordon hat das letzte Wort

Die clarino-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich gewünscht haben, einen »ordentlichen« Job gewählt zu haben?

Nun, ich habe einen ordentlichen Job. Ich habe direkt nach dem College angefangen, professionell Musik zu machen. Einen »Nine-to-Five-Job« hatte ich nie. Das ein­zige, was dem einigermaßen nahekommt, war meine Lehrtätigkeit an der Univer­­­sität. Ich hatte da sozusagen ein Tages­programm und mit der Musik ein Nachtprogramm.

Wann war das letzte Mal, dass Sie in Waynesboro, Georgia, waren?

In meiner Geburtsstadt war ich vor zwei Wochen. Ich habe dort noch viele Ver­wandte. Gelegentlich spiele ich auch noch Konzerte dort – wie vor ein paar Monaten erst.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich Gedanken gemacht haben über die Mentalitätsunterschiede von Amerikanern und Europäern?

Ich habe eigentlich nie irgendwelche besonderen Unterschiede festgestellt. Als ich begann, professionell Musik zu machen, erlebte ich die Wertschätzung des Jazz bei den Europäern als größer. Allerdings hat sich das gewandelt – denn Musik ist heute globaler geworden. Ich schaue ansonsten nicht wirklich auf Unterschiede von Menschen und Kulturen. Viel spannender ist doch zu erkennen, was wir alle gemeinsam haben.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit ­einem Dirigenten diskutiert haben?

Noch niemals! Ich diskutiere nicht mit ­Dirigenten. Manchmal haben Dirigenten Schwierigkeiten damit, zuzugeben, dass sie falsch liegen. Ich diskutiere dann aber nicht, ich versuche, Vorschläge zu machen. Ich finde dann kreative Wege, auf etwaige Fehler – vielleicht auch einer des Notenschreibers? – hinzuweisen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie geweint haben?

Das ist vielleicht drei Tage her. Ich hörte den Song »I’m available to You«. Ein Gospelsong, der mich an den Sinn und meine Verbindung zum Schöpfer erinnert. Ich ­liebe es, emotionale Musik zu hören. Selbst wenn ich Musik mache, geht mir diese sehr nahe, denn Musik kommt aus dem Inneren. Und wenn es passiert, dass ich mit jemandem geistig verbunden bin, »öffnet« mich das in gewisser Weise.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich gewünscht haben, Sie hätten das Saxofon anstelle der Posaune gewählt?

Noch nie. Ich habe mir auch nie Gedanken darüber gemacht oder war unzufrieden damit. Und ich bin glücklich, dass ich Posaune spiele. Ganz zu Anfang wollte ich einmal Schlagzeug spielen. Aber das war in meinem Haushalt nicht erlaubt. Wenn es heute ein Instrument gibt, das ich gerne spielen würde, kaufe ich mir eins und lerne es.

Wann war das letzte Mal, dass Sie Ihre Auszeichnungen gezählt haben? 

Ich zähle meine Auszeichnungen wirklich nicht. Ich werde in Interviews manchmal gefragt, wie oft ich diesen oder jenen Preis gewonnen habe. Die Journalisten erzählen mir das dann aber selbst. Ich bin meistens nach einer Auszeichnung schon wieder so in meine nächsten Projekte vertieft, dass ich eher daran denke, was ich noch tun muss und nicht, was ich getan habe.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich darüber geärgert haben, bei einer Grammy-Verleihung nur gespielt, aber keinen Grammy bekommen zu haben?

Ich dachte immer, einen Grammy zu bekommen wäre wichtig – bis ich tatsächlich einmal dort spielte... Natürlich, es hat Spaß gemacht, aber ich denke, früher hat man einen Grammy für großartige Musik bekommen. Heute geht es mehr um den Wert der Musik als Unterhaltung. Von der vergangenen Übertragung war ich nur enttäuscht. Das hatte nichts mit der Musik zu tun, sondern nur mit der Präsentation, mit Feuerwerk und Lichtshow. Aber selbstverständlich ist es für einen Grammy-Gewinner eine tolle Sache, denn spätestens dann wird man wahrgenommen. Ich aber definiere darüber nicht meinen Erfolg. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie jemanden von Ihrer Methode »Sing it first« überzeugen mussten?

Jeden Tag. Jedes Mal, wenn ich unterrichte, müssen die Teilnehmer singen. Ich frage manchmal: Wie arbeitet ihr an der Improvisation? Hört euch Lieder im Radio an! Singt sie! Wenn man die Musik singen kann, bedeutet das ja nichts anderes, als dass man sie hören kann. Wenn die Leute merken, wie einfach das eigentlich ist, nutzen sie es für ihre Musik. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie über das Boxen diskutiert haben?

Ich habe einmal eine Auftragskomposition für die Brass Band of Battle Creek geschrieben. »I Saw the Light« war ein musikalisches Tribute für Muhammed Ali. Das Faszinierende bei der Komposition war, die Person Muhammed Ali kennenzulernen, nicht den Sportler. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie die Zukunft des Jazz diskutiert haben?

Vor vier Tagen. In einem Interview wurde ich danach gefragt. Ich diskutiere das oft in Workshops. Manche Leute denken, dass er stirbt, weil er kein großer Teil der Pop-Kultur ist. Aber der Jazz stirbt nicht! Wir haben Jazz-Studien und -Programme, die an den Colleges und Universitäten nicht mehr wegzudenken sind. Und allein die Tat­sache, dass wir uns darüber unterhalten, belegt doch, dass der Jazz lebt.

  • 20.09.2012
  • Das letzte Wort

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