Wolfgang Lausecker betreibt Tieftemperaturbehandlung bei Instrumenten

  • 20.09.2017
  • Service
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 9/2017
  • Seite 68-70

"Wenn mir jemand erzählt, man könne die Instrumente doch einfach in die Tiefkühltruhe legen, dann stellen sich mir die Nackenhaare auf!" Wolfgang Lausecker verzieht das Gesicht. Was hier in Stanzach nämlich passiert, nennt sich Tieftemperaturbehandlung und mit einem handelsüblichen Eisfach hat das wenig zu tun. Aber es wirkt!

Tieftemperaturbehandlung… Wie kommt man denn auf so was? Was soll das bringen? Und warum? Ist das vielleicht sogar nur Hokuspokus? Placebo? Solche Fragen kommen einem in den Sinn. Die Skepsis steigt, doch die Neugier bricht sich Bahn. Also rein ins Auto, gen Süden. Über den Fernpass geht es schließlich an Reutte vorbei durchs Lechtal. Kurz vorm Ortsschild der kleinen Gemeinde Stanzach weist ein Schild zur Firma CoolTech.

Coole Verfahren für Instrumente

Auf deren Website werden "Coole Verfahren für Werkzeuge, Instrumente und Menschen" angepriesen. Das CoolTech-Gebäude ist kleiner, als man es erwartet hätte. Ein großer Stickstofftank steht davor. Die "heilige Halle" der Tieftemperaturbehandlung gleicht einer Werkstatt.

Hier wird offensichtlich nicht im Akkord möglichst viel produziert, hier wird sorgfältig und genau getüftelt und gearbeitet. An den Wänden hängen Blechblasinstrumente, auf der Werkbank liegt ein S-Bogen. E-Gitarren-Korpusse schlummern im Regal.

Wolfgang Lausecker, der Gründer von CoolTech, zeigt bereitwillig seinen Arbeitsplatz und erklärt fachlich und geduldig, doch genauso euphorisch und überzeugend sein Verfahren. Geheimnisse hat er nicht. Nur die exakte, computergesteuerte Prozesskurve der Temperatur mag er dann doch nicht verraten. Ein Kopierschutz sozusagen...

Die Firma CoolTech in Stanzach

Die Firma existiert seit mittlerweile fast zehn Jahren in Stanzach. Die Idee zur Tieftemperaturbehandlung ist natürlich viel älter. Wolfgang Lausecker, vornehmlich hobbymäßig als Musiker unterwegs, hatte und hat von Berufs wegen viel mit Metallen zu tun (unter anderem bei der Plansee Group).

Es muss "irgendwann Anfang der 90er" gewesen sein, als auf dem Discovery Channel eine Dokumentation zur Tieftemperaturbehandlung von Metallen lief. Es ging da unter anderem um Werkzeuge, die hohem Verschleiß ausgesetzt waren und die durch die Behandlung eine höhere Lebensdauer erhalten sollten.

Lauseckers Kollegen und die Chefmetallurgen waren nicht nur skeptisch, sie waren ablehnend: "Das bringt nichts!" Lausecker hingegen ließ der Gedanke an dieses Verfahren nicht mehr los, "ich war infiziert mit dem Tiefkühlvirus". Der Österreicher grinst verschmitzt.

Versuche, sich mit der Idee selbstständig zu machen, waren zunächst nicht von Erfolg gekrönt. Zwischenzeitlich lieferte Lausecker Teile für den Formel-1-Rennsport. Ein gutes Geschäft, bis Max Mosley und Bernie Ecclestone das Reglement mal wieder änderten und seine Teile nicht mehr erlaubten. Die Firma wurde nach Deutschland verkauft.

Als der Standortwechsel von Füssen nach Thüringen bevorstand, winkte Lausecker ab. Er schaut aus dem Fenster – in der Ferne erahnt man den Hausberg, den Neerenkopf – und seufzt: "Na, wirklich ned..." Er lacht schallend. Ad acta gelegt waren die Pläne, sich selbstständig zu machen nie, allenfalls – im wahrsten Sinne des Wortes – auf Eis.

"Noch einmal probiere ich es", sagte sich Wolfgang Lausecker. 2008 ging er in die Vollen. "Ich hab mich international vernetzt, viel Werbung gemacht, Firmen gewonnen. Dann habe ich mitbekommen, dass ein US-Amerikaner sein Saxofon hat behandeln lassen und daraufhin behauptete, man merke etwas."

Auswirkungen auf die Instrumente

Die Neugierde war geweckt. "Ich habe das selbst mit einer Trompete ausprobiert. Die Tester bescheinigten dem Instrument, der Ton sei schärfer geworden. Das aber war für mich Bigband und Jazz." Eine Nische also, nichts wirklich Profitables.

Lausecker legte seinen Fokus also weiter auf Industrieprodukte und probierte ab und an mal ein Instrument aus. Trial und Error eben. "Und plötzlich hieß es dann, das habe mit Schärfe nichts zu tun. Tonfarbe oder Klang hätten sich nicht verändert! Aber die Instrumente zeichneten sich durch ein besseres Ansprechverhalten aus."

Ab diesem Zeitpunkt habe ich "Dinge ausprobiert, Werbung gemacht, mit der Musikschule Reutte zusammengearbeitet und mit vielen Musikern Tests gemacht". Das Ergebnis: Es läuft!

Das Verfahren

Was aber läuft da genau ab? Wenn das ­keine handelsübliche Tiefkühltruhe ist, was dann? "Das Verfahren selbst ist eigentlich ganz einfach", erklärt Wolfgang Lausecker, "die Instrumente und Komponenten werden in eine super isolierte Tiefkühlkammer eingelegt und mithilfe von Stickstoff auf Temperaturen von minus 180 Grad Celsius abgekühlt."

Sehr langsam nähert man sich der Temperatur, die bei der Umwandlung vom flüssigen in gasförmigen Stickstoff entsteht (minus 196 Grad Celsius). Wichtig ist, dass die Bauteile sehr langsam abgekühlt werden.

Die Instrumente werden zudem in einer definierten Zeit/Temperatur-Kurve mehrfach erwärmt und wieder abgekühlt. "Die Kurve und die genauen Temperaturen entscheiden über die Qualität des Endergebnisses. Wir achten streng darauf, dass die Instrumente in der Kammer nie mit dem flüssigen Stickstoff in Kontakt kommen. Durch die langsame Abkühlung stellen wir auch sicher, dass das gesamte Material durchgekühlt wird.

Die Erwärmung erfolgt ebenso langsam – zum Schluss auf 35 Grad Celsius. Damit verhindern wir die Kondensationsbildung, und die Instrumente können nach 15 Stunden aus der Anlage entnommen werden."

Und um noch einmal auf die Tiefkühltruhe zu sprechen zu kommen: "In der Tiefkühlkammer herrscht ja kein 'normales Raumklima'. Hier herrscht absolut trockene Kälte mit 100 Prozent Stickstoff. Da ist keine Luftfeuchtigkeit und deshalb sieht man nichts. Kein Eis, keine gefrorenen Tröpfchen, nichts. In der hausüblichen Tiefkühltruhe würde vermutlich das Material geschädigt werden."

Kein Placebo-Effekt

Bleibt die große Frage: Was bringt das? Wolfgang Lausecker hat vollstes Verständnis für Skeptiker. "Ich hätte auch Bedenken, wenn jemand käme und mein 5000-Euro-Instrument einfrieren wollte..." Doch das Verfahren bringt Ergebnisse und wirkt nicht wie ein Placebo.

Die Instrumente zeichnen sich nach einer Tieftemperaturbehandlung durch ein besseres Ansprechverhalten aus – egal ob bei Trompeten, Posaunen, Saxofonen, Hörnern, Basstuben oder auch Flöten, Klarinetten, S-Bögen für Fagott und Englischhorn. Schwierig anzuspielende Töne lassen sich danach leichter anspielen. Instrumente klingen "offener".

Bei neuen und reparierten Instrumenten – speziell bei lokalen Beulen und neuen Lötstellen – gleichen sich die Spannungen, die bei der Reparatur im Instrument entstehen, aus und sie klingen wieder wie neu.

Reaktionen der Kunden

Was sich bisweilen wie ein Werbetext oder eine Produktbeschreibung liest, klingt aus den Mündern der Kunden erstaunt bis euphorisch. Stefan Dünser etwa jubelt: "Sonus Brass ist jetzt auf jeden Fall das coolste Brass-Quintett weit und breit! Wir sind begeistert! Die Instrumente haben wesentlich im Klangausgleich profitiert, die Behandlung hat Soundbrücken erzeugt, die früher brüchig waren, insgesamt eine wesentlich erleichtere Ansprache und das Instrument ist viel gefälliger zu spielen, der neue Spaßfaktor ist immens."

Tenorsaxofonistin Barbara Hecker stimmt ein: "Hammermäßig, butterweich und ganz klar kommen d, c, es und sogar das tiefe h und b... Ich wusste im ersten Moment gar nicht mehr, wie man das greift, solange habe ich es nicht mehr benutzt. Sogar tiefe Töne und Pianissimo, was zusammen höchst unwahrscheinlich war, funktioniert wieder."

Und eine dritte Anekdote von einer heruntergefallenen und zerbeulten Tuba erzählt Wolfgang Lausecker: "Nachdem der Schalltrichter gerichtet, ausgebeult und neu versilbert worden war, ist das Instrument trotzdem nicht gegangen. Es war unspielbar. Nach der Tieftemperaturbehandlung aber sprach das Instrument viel besser an als vor dem Unfall. Die Töne – speziell die tiefen – sprachen viel besser an und klangen viel klarer. Der Ton war voller."

Was genau passiert eigentlich?

Also offenbar kein Placebo. Und trotzdem stellt sich die drängende Nachfrage: Warum bringt das was? Was genau passiert da? Wolfgang Lausecker lächelt. Nein, er grinst. Er wusste, dass diese Frage kommen würde.

"Ja, wir sind auch wissenschaftlich am Weg. Ich bin nämlich Techniker, Analytiker – kein Bauchmensch. Ich muss wissen, warum! Das treibt mich an." Der Österreicher wird energisch: "Und es macht mich ganz narrisch, weil ich bis heute nicht draufgekommen bin, was sich im Detail verändert." Er könne es wirklich noch nicht genau sagen.

"Wir haben Untersuchungen gemacht in Tschechien, in Slowenien und in Polen. Wir waren in Innsbruck, in Zwota und Dresden..." Lausecker ringt nach Worten, hebt die Hände, zuckt mit den Schultern: Man findet nichts. Doch er weiß, irgendwann kommt der Durchbruch!

Gerade laufen Tests am ProBell-Institut in Kempten. "Die hab ich angesteckt mit dem Tiefkühlvirus", lacht er. In Kempten werden gerade Becken vermessen, behandelt, wieder vermessen. Dort soll akustisch-messtechnisch herausgefunden werden, was sich tut. "Und ich will wissen, was sich metallurgisch, werkstoffmäßig verändert!" Hineininterpretieren könne man viel. Aber (noch) nichts beweisen.

Was dort passiert, da ist sich Lausecker sicher, "hat mit Spannungen zu tun". Bei der Herstellung und der Reparatur von Blechblasinstrumenten werden Instrumente erwärmt, gelötet, gebogen. Dabei entstehen unterschiedliche lokale Materialspannungen. Durch die Tieftemperaturbehandlung werden – ähnlich wie beim Spannungsarmglühen – die Materialspannungen abgebaut.

Bei bestimmten Materialien (Stahl, aber auch beim Holz) kann man auch vom Altern des Materials sprechen. "Ich formuliere es mal positiv: Ich kann dem Kunden versichern, dass sich die Härte, die Festigkeit des Metalls bei einer Trompete nicht verändert. Und das ist doch schon mal ein gutes Gefühl." Lausecker lacht.

Für wen eignet sich die Tieftemperaturbehandlung?

Für wen sind Tieftemperaturbehandlungen sinnvoll? Für Anfänger? Für Samstag-Sonntag-Bläser? Für Profis? "Für alle!", findet der CoolTech-Chef.

"Denn jeder kann das für sich herausholen, was er braucht. Ich habe zum Beispiel das Instrument meiner Tochter, die seit einem Jahr Saxofon spielt, behandelt. Das war der Effekt. Danach hat der Musiklehrer gesagt, sie konzentriere sich endlich auf die Musik und nicht nur aufs Instrument."

Auch Profis sind nach der Behandlung in der Lage, mehr auf dem Instrument zu gestalten, mehr mit dem Ton zu machen. Sie klingen viel differenzierter.

"Würden wir die Klangfarbe des Instruments verändern, hätten wir ein Problem", weiß der Österreicher. "Wir verändern aber die Spielbarkeit. Dem Musiker wird die Tür geöffnet, sich wieder mehr auf das Gestalten des Tons zu konzentrieren."

Der letzte Kick

Und noch eines gibt Wolfgang Lausecker mit auf den Weg, vor allem den skeptischen Instrumentenbauern: "Die Instrumente sind ja vorher nicht schlecht. Ich stell mich ja nicht hin und rufe: 'Ihr machts an Scheiß und jetzt komm i!'

Im Gegenteil: Man wird mit der Tieftemperaturbehandlung kein schlechtes Instrument gut machen können. Von CoolTech gibt es den 'letzten Kick'." Und die Frage muss erlaubt sein: Wie cool ist das denn?!

www.cooltech.at

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