Voll auf die Zwölf: Das World Saxophone Orchestra

  • 13.11.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 11/2017
  • Seite 38

Schon der Erfinder des Saxofons förderte die Bildung reiner Saxofonbesetzungen. Jean-Baptiste Singelée (1857), Jérome Savari (1861), Émile Jonas (1861), noch einmal Singelée (1862) und Jean-Baptiste Victor Mohr (1864) komponierten in Adolphe Sax' Auftrag die frühesten Werke für vier Saxofone.

Die Geschichte des Saxofonquartetts

1878 gründete Edouard Lefèbvre in den USA das wahrscheinlich erste feste Saxofonquartett-Ensemble, den New York Saxophone Club, der später Conn Wonder Quartette hieß. In den 1930er Jahren wurde das Quartett-Ensemble des Franzosen Marcel Mule berühmt, das fast 40 Jahre lang bestand und das Format Saxofonquartett als eine dem Streichquartett ebenbürtige Kunstform etablierte.

Für Mules Quartett entstanden zahlreiche, heute "klassische" Kompositionen, darunter Quartettstücke von Bozza, Françaix, Glasunov, Pierné und Rivier. Sigurd Raschèr, der andere große klassische Saxofonist der 1930er Jahre, gründete 1969 ebenfalls ein Saxofonquartett, das weltbekannt wurde.

In den 1970er Jahren tauchte die Besetzung mit vier Saxofonen ohne Begleitinstrumente auch im Jazz auf und machte dort schnell Schule. Seitdem sind Saxofonquartette in vielen Musikgenres zu Hause.

Das Saxofonorchester

Aber müssen es immer Quartette sein? Jérome Savari (siehe oben) schrieb auch Werke für drei, fünf, sechs, sieben oder acht Saxofone. Andere Komponisten fertigten in den 1860er Jahren ebenfalls Saxofontrios, -quintette oder -sextette an.

Bei verschiedenen Militärkapellen in Frankreich und den USA wurde es im 19. Jahrhundert bereits üblich, dass die Saxofon-Sektion des Orchesters, die oft aus acht oder neun Musikern bestand, einen separaten Auftritt bekam.

Im Lauf der Jahrzehnte setzte sich eine "seriöse" Besetzung aus zwölf Saxofonen durch: Sopranino (1), Sopran (2), Alt (3), Tenor (3), Bariton (2), Bass (1). Besonders Jean-Marie Londeix, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als "treibende Kraft" und "König" des klassischen Saxofons galt, hat sich um dieses Zwölf-Saxofone-Orchester verdient gemacht. Für sein 1977 in Bordeaux gegründetes "Ensemble International de Saxophones" hat er zahlreiche Werke für diese Besetzung arrangiert.

Das World Saxophone Orchestra und die Komponisten

Auf Londeix’ Arrangements griff 1989 auch das World Saxophone Orchestra zurück. Die zwölf Musikerinnen und Musiker sind Absolventen des Sweelinck-Konservatoriums in Amsterdam.

Der Schwerpunkt ihres Albums liegt auf der klassischen französischen Musik des 20. Jahrhunderts, wobei einige der hier gehörten Werke im "Original" bereits die Mitwirkung eines Saxofons vorsahen, so Pierre Vellones' "Ballade" oder die Stücke von Darius Milhaud.

Andere der hier vertretenen Komponisten – Debussy, Ravel, Poulenc – haben zumindest gelegentlich auch fürs Saxofon komponiert.

Etwas aus dem Rahmen fällt die "Canzona XV" des italienischen Barockkomponisten Giovanni Gabrieli, der aber immerhin ein ausgewiesener Fachmann für Bläser-Ensembles war.

Ein Spezialfall ist Hector Berlioz' "Hymne Sacré", im Original für Vokalchor geschrieben. Diese Komposition soll – in Berlioz' eigener Bearbeitung für Bläsersextett – das erste Stück überhaupt gewesen sein, das ein Saxofon in der Besetzung vorsah: Berlioz war der erste Fan des neuen Instruments. 1844 wurde das Sextett aufgeführt, Adolphe Sax selbst spielte das Saxofon, die Noten sind verschollen. Londeix’ Bearbeitung basiert auf dem Chorwerk. 

Fazit: Ein vollwertiges Orchester

Das Album des WSO beweist, dass zwölf Saxofone ein vollwertiges Orchester sein können. (In zwei Stücken kommen zudem Klavier bzw. Perkussion dazu.) Die klangfarbliche und dynamische Flexibilität des Saxofons suggeriert dem Ohr hier Flöten und Streicher, Blech und Oboen.

Fanfarenartiges funktioniert dabei genauso wie die Umsetzung träumerischer Klavierstücke. Für die gelegentlichen Ragtime- und Jazz-Anklänge bei Debussy, Milhaud, Poulenc oder Ravel ist der Saxofonklang natürlich ohnehin ideal.

Auch der Kritiker Thom Jurek kam da einst ins Schwärmen: "It´s breath­taking and so subtle, so finely shaded..."

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