Verbrechen in der Welt der Musik - Motiv: unbekannt

  • 05.07.2017
  • Praxis
  • Christine Engel
  • Ausgabe: 7-8/2017
  • Seite 16-18

Bei einem Instrumentenklau stiehlt der Verbrecher weit mehr als nur den Gegenstand. Aber welches Motiv steckt dahinter? Autos, Schmuck oder Bargeld – Wenn Langfinger am Werk waren, schmerzt das die Bestohlenen immer. Versicherungen halten monetäre Schäden im Rahmen, aber mit einem Einbruch oder dem Verlust eines persönlichen Gegenstands haben Betroffene mental zu kämpfen.

So auch bei einem Instrumentendiebstahl. Für Musiker ist es besonders schlimm, wenn ihr individuell angepasstes, emotionales und meist berufliches Sprachrohr weg ist. Aber anders als bei Geld oder Schmuck bringt dem Kriminellen das Diebesgut nichts.

Instrumentenklau als Trend?

Es entsteht das Gefühl, es passiere immer häufiger: der Diebstahl eines Instruments. Fast monatlich liest man in sozialen Netzwerken den Aufruf, die Augen offen zu halten, da wieder einem Musiker das Instrument entwendet wurde. Auch der Blick auf die Listen gestohlener Instrumente wie von der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) erzeugt das unruhige Gefühl, dieses Delikt geschehe immer häufiger.

Gefühle sind die eine, Fakten die andere Seite: »Es gibt keine signifikante Steigerung von Instrumentendiebstählen. Die Zahl stagniert«, sagt Susanne Leuthner, Leiterin von SINFONIMA, der Instrumentenversicherung der Mannheimer Versicherung. Man nehme es heute, eben durch Internet und soziale Netzwerke, nur anders und schneller wahr.

Auch Instrumentenbauer Philipp Alexander aus Mainz ist dieser Meinung: »Gefühlt haben die Diebstähle zugenommen. Allerdings wissen wir jetzt öfter davon. Vor 20 Jahren haben wir von einem Diebstahl seltener erfahren.«

Bei der Diebstahlliste der DOV, bei der Profimusiker ihre gestohlenen Instrumente melden können, wurden seit 2010 jährlich zwischen sechs und 41 Diebstähle eingetragen. Insgesamt führt die Liste mittlerweile 139 verschwundene Instrumente auf. »Davon sind 64 Blasinstrumente«, erläutert DOV-Pressesprecherin Uli Müller. Gerade handliche Instrumente wie Flöten oder Klarinetten kommen oft weg. Tuben oder Celli sind dem Anschein nach allein durch ihre Größe besser geschützt.

Diebesgut Musikinstrument

Was aber machen Diebe mit den Instrumenten? Verkaufen lassen sich hochwertige Instrumente für den Preis, den sie wert sind, schlecht. Amateurmusiker oder Eltern kaufen kaum ein Profiinstrument auf dem Schwarzmarkt, da es im Niedrig- und Mittelpreissegment eine große Auswahl gibt. Und Profis suchen Instrumente, die sie testen, die sie fühlen, in die sie sich verlieben wollen, vermutlich auch nicht bei einem zwielichtigen Nichtmusiker.

Eine Vermutung hinter vorgehaltener Hand ist, dass einige Instrumente manchmal nach Osteuropa gehen. Aber das ist reine Spekulation. Die Polizei kennt keine organisierten Verbrecherringe für gestohlene Instrumente.

Es gibt keine Statistik darüber, wie viele Instrumente jährlich geklaut werden, da die Polizei nicht nach Diebesgut – außer bei Kfz, Schusswaffen und Be­täubungsmitteln –, sondern nach Tatort unterscheidet. Sie behandelt ein Instrument nach der Meldung bei einer Polizeidienststelle genauso als »Diebesgut« wie einen gestohlenen Sonnenschirm von der Terrasse.

Es gebe noch die Klassifizierung »Diebstahl von Antiquitäten, Kunst und sakralen Gegenständen«, heißt es von der Pressestelle des Landeskriminalamtes Bayern. Aber darunter fallen Instrumente nur, wenn sie aus einem Museum oder einer Kirche gestohlen wurden. Insgesamt gab es laut polizeilicher Kriminalstatistik 2016 über 2,3 Millionen gemeldete Diebstähle in Deutschland. Aufgeklärt wurden 27,2 Prozent der Fälle.

Reiner Zufall?

Deprimierend wie die insgesamt niedrige Aufklärungsrate muss für Musiker die Tatsache sein, dass Instrumente den Verbrechern offenbar egal sind. Durch die französische Presse ging der Fall der Flötistin Marion Ralincourt. Einbrecher stahlen ihr bei einem Hauseinbruch, neben Modeschmuck und Kaffeemaschine, zehn – zum Teil historische – Flöten im Wert von 35 000 Euro. Die Diebe wurden nach zehn Tagen geschnappt – die Flöten lagen in der Mülltonne.

Der ambitionierte Amateurmusiker Detlef Hora hatte nicht so viel Glück. Ihm wurde tagsüber das Auto vom Parkplatz seines Arbeitsplatzes geklaut und unglücklicherweise hatte er von einem Auftritt seine Klarinette und sein Saxofon noch nicht aus dem Fahrzeug geholt.

Obwohl es sich um ein altes und rostiges Auto handelte, war sich die Polizei sicher, dass es die Diebe nur auf das Fahrzeug abgesehen hatten. »Die Polizei sagte mir, dass Autos kaum wegen des Inhalts gestohlen werden. Mein Auto war ein silberner VW-Passat, die seien sehr unauffällig und werden deshalb gerne geklaut.«

Nach der Anzeige Anfang 2016 hörte er nie wieder etwas – obwohl sein Fall Thema in einem bayernweiten Radiosender war und auf Facebook über 80 000 Mal geteilt wurde. Seine Klarinette war nicht versichert, sein Tenorsaxofon schon, ein Selmer Reference 54, ein Nachbau des legendären Mark 6, das er sich im Jahr 2004 gekauft hatte und an dem er sehr hing. Für das bekam er 40 Prozent des heutigen Neuwerts ersetzt, aber den Wehmut und den Zorn konnte das Geld nicht mindern.

»Auch Zubehör wie mein Ledergigbag war natürlich weg und noch viel ärgerlicher war das verschwundene Mundstück, nach dem ich zuvor lange gesucht und viel getestet hatte.« Nach über einem Jahr ist er über den Schmerz hinweg und macht sich keine Hoffnungen, sein altes Instrument wiederzubekommen. »Mit meinem neuen Tenorsaxofon bin ich sehr zufrieden, das ist ein bisschen ein Trostpflaster. Das läuft wie die Hex.«

Instrumentenbauer Alexander vermutet, dass Instrumentendiebstähle wie im Fall von Detlef Hora und Marion Ralincourt oft Zufallstaten seien. »Unsere traditionellen Hornkoffer schauen sehr hochwertig aus. Man könnte sie für edle, normale Koffer halten, in denen alles Mögliche ist.« Auch die modernen Gigbags ähneln Rucksäcken, in denen sich vermeintlich rentable Dinge für Diebe befinden könnten.

Versicherungsexpertin Susanne Leuthner bestätigt sogar die Hypothese der Zufallstat. Allerdings sei das Auto nicht der häufigste Tatort. »Die meisten Instrumentendiebstähle passieren in öffentlichen Gebäuden oder Schulen.«

Instrumentenversicherungen

Manchmal tauchen Instrumente wieder auf. Susanne Leuthner berichtet von einer beklauten Instrumentalistin, der die Diebe das Instrument zurückgaben, weil sie es nicht verkaufen konnten. »In so einem Fall hat der Versicherte ein Wahlrecht. Nimmt er das Instrument zurück, oder behält er die Versicherungssumme«, erklärt Leuthner den Umstand, dass manche Musiker nach einer gewissen Zeit die Beziehung zum Instrument verlieren, weil sie nicht wissen, was damit passiert ist. Jeder Musiker weiß: Hat man eine Abneigung gegen ein Instrument, kann man darauf keine gute Musik machen.

Entscheidet sich der Musiker für die Versicherungssumme, fällt das Instrument der Versicherung zu. »Die Instrumente werden dann im Rahmen der Musikmesse versteigert«, sagt Susanne Leuthner. »Die Einnahmen fallen in den Topf der Schadensausgaben, so können wir die Versicherungsbeiträge niedrig halten.«

Der Beitrag beträgt bei Susanne Leuthners Versicherung 45 Euro im Jahr bei einem Instrumentenwert bis 3000 Euro. Ist das Instrument über 3000 Euro wert, gibt es unterschiedliche Tarife. Da Instrumente vielfältigen Gefahren ausgesetzt sind, sind sie nicht nur gegen Diebstahl versichert, sondern auch gegen Schäden beim Transport oder gegen Schäden durch Ausleihe an dritte Personen. Nicht enthalten ist der emotionale Wert. »Einen ideellen Wert versichern wir nicht. Das könnten wir gar nicht bemessen«, sagt die Versicherungsexpertin.

Eine emotionale Angelegenheit

So etwas hätte Johanna Groß gebraucht. Wenn sie von ihren gestohlenen Instrumenten spricht, sind viele Gefühle im Spiel. Ihr wurden vor über einem Jahr die Wurlitzer B-Klarinette und ihr hoher Satz (Es- und D-Klarinette) Kronthaler-Klarinetten aus einem Auto gestohlen.

Sie hatte die Instrumente in einem Rucksack, in dem auch ein Notebook hätte sein können. Im Auto waren auch Instrumente ihrer Kollegen – alle in typischen Instrumentenkoffern. Sie blieben unberührt. Wieder ein Indiz für die Zufallstat.

Der Kaufwert der Klarinetten ist längst beglichen, was bleibt, ist der Schmerz. »Gerade der hohe Satz war auf mich zugeschnitten. In der Bauphase war ich jede Woche bei der Instrumentenbauerin und wir haben immer wieder was verändert. Johanna Kronthaler, die Ehefrau von Klarinettist Otto Kronthaler, hat nur sehr wenige Es-Klarinetten gebaut, eine davon war meine«, erzählt die Orchestermusikerin und Musikschulleiterin.

»Wie man es dreht und wendet, die Instrumente sind für einen Nichtmusiker quasi wertlos. Sie können nicht verkauft worden sein und nicht werden.« Dafür spricht, dass Kronthaler-Klarinetten wegen der langen Wartezeit extrem selten sind und dass Klarinetten mit deutschem System nur in Deutschland und Österreich gespielt werden.

Hinzu kommt die Individualität der Instrumente. Die Instrumentenbauerin Johanna Kronthaler betont: »Wegen der auf den Kunden zugeschnittenen Fertigungstechnik sind die Instrumente selbst wenige Tage vor Abholung noch nahezu unbrauchbar.«

Zwei Monate ist Johanna Groß jeden Morgen aufgestanden und konnte es nicht fassen. »Das macht einen verbittert.« Mit ihrer Ersatz-Es-Klarinette, die sie solange hat, bis ihre neue Klarinette fertig ist, freundete sie sich zunächst nur wenig an, auch wenn das ebenfalls ein sehr gutes Instrument ist. »Man hat das Gefühl, sein Handwerkszeug ist weg, wie soll man das musikalisch überleben? Ich dachte, dass ich diesen Ton, meine Klangvorstellung, nur auf meinem Instrument erzeugen kann.«

Ab Herbst wurde es besser, erzählt sie. Bei einem Konzert sei der Knoten geplatzt. »Irgendwann entdeckt man, dass es da etwas gibt, was einem keiner nehmen kann. Die eigene Musikalität und die individuelle Klangvorstellung, die man trotz allem dann doch auf einem anderen Instrument interpretieren kann.« Trotzdem ist sie überzeugt: »Ein Instrument kann das andere Instrument nicht ersetzen.«

Und manchmal findet sich doch noch eine Spur

Das Perfide an Johanna Groß’ Geschichte: Nach einiger Zeit tauchte eine Spur auf. Die Instrumente müssen noch irgendwo sein. Die Polizei geht diesem Hinweis nach – bislang kam nichts dabei heraus. Eine heiße Spur? Oder nur jemand, der sich wichtigmachen will? Johanna Groß weiß es nicht – ein weiterer Schnitt in ihre Musikerseele, die nicht zur Ruhe kommt.

Zur Ruhe gekommen ist Herwig Schaffner. Auf dem Bardentreffen im August 2016 in Nürnberg wurden dem österreichischen Geiger beim Einladen des Autos eine Violine und eine Bratsche gestohlen. Völlig unerwartet fand ein Nürnberger im Februar im Kellerabteil seiner Mutter die beiden Instrumente neben anderem Diebesgut.

Durch den Lebensgefährten der Mutter, der zu diesem Zeitpunkt schon wegen diverser Drogendelikte im Gefängnis saß, kamen die Instrumente dorthin. In seinem Blog berichtet der Musiker, der unter dem Künstlernamen »Herwigos« auftritt, über seine Erlebnisse.

Instrumentendiebstahl aus Herstellersicht

Viele Anekdoten über Diebstahl kann Philipp Alexander von der Herstellerseite berichten. Da seien zum einen die Diebstähle von Handelsware in seinem Musikgeschäft, die sogar bis zu einem dreisten Einbruch eines ehemaligen Praktikanten gehen.

Die andere Sache sind die Diebstähle seiner gebauten Hörner. »Für uns als Instrumentenbauer bedeutet das meist Stress.« Wenn so etwas passiert, rufen die Instrumentalisten bei der Firma Alexander in Mainz an und wollen schnell wieder ein neues Horn. »Manchmal heißt es dann, man habe in zwei Wochen Vorspiel. Da wollen wir natürlich helfen.«

Allerdings sei es sehr schwierig, so schnell ein passendes Horn zu finden. »Hornisten sind sehr wählerisch«, sagt Alexander mit einem Augenzwinkern. »Und man will ihnen schließlich vier bis fünf Hörner zur Auswahl bereitstellen. Aber die Instrumente wachsen ja nicht auf den Bäumen, sondern sind auftragsbezogene Handwerksarbeiten.«

Den sonderbarsten Fall erfuhr Philipp Alexander, als er viele Handwerker im Haus hatte. Ein Paket mit acht Hörnern wurde in diesen Tagen nach Japan verschickt. Die Japaner meldeten sich nach der Ankunft: Im Paket waren nur sieben Hörner, der Platz des achten Horns war fein säuberlich mit Zeitungen ausgestopft.

Wieder einige Zeit später stand ein Mann mit dem gleichen Modell, das verschwunden war, bei einem Händler der Firma und bot es zum Verkauf an. Unglücklicherweise reichte die Zeit nicht, um die Polizei zu rufen und die Seriennummer zu überprüfen. Der mysteriöse Mann roch Lunte und verschwand unerkannt.

Empfehlungen für Instrumentenkäufer

Für potenzielle Instrumentenkäufer gilt deshalb: Instrumente nur bei einem Händler oder Instrumentenbauer kaufen. Erwirbt man ein Instrument auf dem Gebrauchtmarkt, empfiehlt Susanne Leuthner: »Unbedingt die Seriennummer beim Instrumentenbauer überprüfen lassen.« Sei diese manipuliert, könne das ein Instrumentenbauer feststellen.

Manipulation sei bei seinen Instrumenten allerdings relativ schwierig, sagt Philipp Alexander. »Jemand, der keine Ahnung hat, weiß gar nicht, wo sich die Seriennummer an unseren Instrumenten befindet. Sollte sie jemand fälschen, ist das sofort sichtbar.« Außerdem seien potenzielle Käufer von gebrauchten Hörnern sofort hellhörig, wenn der Verkäufer selbst kein Hornist ist.

Fazit

Tipps zur Vorbeugung von Instrumentendiebstählen kann man somit an dieser Stelle kaum geben. Eine Instrumentenversicherung ist für Besitzer von hochwertigen Instrumenten wahrscheinlich eine Selbstverständlichkeit. Und der Rat, auf sein Instrument aufzupassen wie auf seinen eigenen Augapfel, würde hier wohl einem unnötig erhobenen Zeigefinger gleichen.

Das Motiv für Instrumentendiebstahl bleibt weiterhin unklar. Fest steht: Ein geklautes Instrument bringt einem Dieb genauso wenig wie eine gestohlene Zahnprothese. Beide sind wertvoll – aber nur für eine einzige Person.

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