Über die Verflechtung von Musik und Essen: Du bist, was du isst

  • 28.06.2017
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 7-8/2017
  • Seite 22-23

Der italienische Komponist Gioacchino Rossini hat einmal gesagt: »Ich gebe zu, dreimal in meinem Leben geweint zu haben: als meine erste Oper durchfiel, als ich Paganini die Violine spielen hörte und als bei einem Bootspicknick ein getrüffelter Truthahn über Bord fiel.« Musik und Essen bilden einen vitalen Zweiklang, sind eng miteinander verwoben. Schon immer.

Dass Musik nämlich durchaus appetitanregend wirken kann, haben nicht erst findige Marketingstrategen entdeckt, die mit Till Brönner den Verkauf von Speisen und Getränken ankurbeln wollen. Auch nicht die University of Oxford, die in einer Studie nachgewiesen haben will, dass die »richtige« Musik Essen 10 Prozent leckerer macht. Und auch nicht Leonard Bernstein, der aus Platons »Gastmahl« in seiner »Serenade« aus einer Gaumen eine »Ohrenfreude« machte.

Die Verflechtung von Musik- und Esskultur in der Vergangenheit

Apropos Platon. Bei der Spurensuche ist man da schon auf dem richtigen Weg. Denn bereits die alten Griechen und vor allem Römer haben die Verflechtungen von Musik- und Esskultur bis zur Perfektion zelebriert. Davon zeugen unter anderem die Aufzeichnungen von Lucius Licinius Lucullus (117 bis 56 v. Chr.), der zwar auch als römischer Senator, Konsul und Feldherr erfolgreich war, berühmt aber wurde er für seine grandiosen Gastmähler. Und bei eben diesen Gelagen mussten Kellnerinnen und Kellner nicht nur die Speisen und Getränke reichen, sondern auch zur Untermalung tanzen, singen und musizieren.

Im Mittelalter galt Esskultur neben der bloßen Nahrungsaufnahme als Medizin für den Körper, während Musik als Gottesdienst und als Medizin für den Geist galt. Doch Minnesänger und vor allem Hildegard von Bingen – Komponistin, Dichterin und Köchin – haben eine andere Wahrheit besungen: die selbstverständliche Zusammengehörigkeit von Essen und Musik.

In der Renaissance und spätestens in der Barockzeit wurde das erfunden, was heutzutage »hip« ist und als »Palazzo« verkauft wird. Palazzo, heißt es auf der zugehörigen Webseite, sei »eine einzigartige Mischung aus Haute Cuisine und erstklassiger Unterhaltung«. Doch die kulinarisch-musikalische Einheit ist nicht neu. Schon damals hatten Hofkapellmeister oft zugleich Haushofmeister zu sein – zuständig für Festgestaltung, Musik und Esskultur. Am Wiener Hof war das Beherrschen mindestens eines Musikinstruments Voraussetzung dafür, als Kellner oder Koch eingestellt zu werden.

Tafelmusik

Das rückt die Tafelmusik ins rechte Licht. Das allgemein bekannteste Beispiel dafür ist die »Tafelmusik« von Georg Philipp Telemann aus dem 18. Jahrhundert, wenngleich man bereits im 16. und 17. Jahrhundert die Hintergrundmusik für Feste, Bankette und ähnliche Gelegenheiten als Tafelmusik bezeichnete. Tafelmusik konnte instrumental oder vokal sein, meist war sie aus naheliegenden Gründen oft etwas leichter als Musik für andere Gelegenheiten.

Esser und Trinker in der Oper

Vorzeigekulinariker waren offenbar die großen Opernkomponisten, die in ihren Werken den lukullischen Genüssen reichlich huldigten. Verdis Säufer »Falstaff«, Rossinis Spaghettiessender »Il turco in Italia«, Mozarts Wein preisender »Don Giovanni« sind da nur die Spitze des Speiseeisbergs.

Verdis Trinklieder sind legendär, wie etwa das »Libiamo ne’ lieti calici« aus »La Traviata«. Und es steht zu vermuten, dass die Herren diese Genüsse nicht nur vom Hörensagen vertonten. Die Biografien bestätigen die Ess- und Trinklust von Wagner, Puccini, Bach, Händel und Co.

Um noch einmal den bedeutenden Komponisten, »guten Esser« und Sprücheklopper Giacchino Rossini zu zitieren: »Der Magen ist der Kapellmeister, der das große Orchester unserer Leidenschaften dirigiert. Essen, Lieben, Singen, Verdauen sind die vier Akte der komischen Oper, die Leben heißt.« Und das vergehe wie Champagnerschaum auf der Zunge. Wer es dahinschwinden lasse, ohne es genossen zu haben, sei ein Erznarr.

Was essen Musiker heute?

Was aber essen Musiker heute? Du bist, was du isst? »Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was verzehren«, kalauert Edi Graf im Vorwort des »Egerländer«-Kochbuchs »Kannst du Knödel kochen?«. Klischees sind auch hier weit verbreitet. Ein deftiger Schweinsbraten und eine zünftige Blasmusik? Passt zusammen? Der »Klassiker« isst eher »low carb« und vegan? Und der »Jazzer« isst eher weniger? Wir haben uns mal umgehört.

Die Egerländer Musikanten vs. Moop Mama

Martin Hutter und Peter Laib etwa kennen sowohl die traditionsreiche Blasmusik der »Egerländer Musikanten« als auch die angesagte »Urban Brass«-Combo »Moop Mama«. »Wenn du bei den Egerländern im Bus bist«, erzählt Martin Hutter augenzwinkernd, »gleicht das manchmal wirklich einer Metzgerei. Da geht es um die Gemeinschaft. Letztens sind wir zehn Stunden gefahren, da habe ich sicher achtmal gegessen: dreimal Frühstück, Mittag, zweimal Kaffee, Häppchen zwischendurch. Auf der Speisekarte: Kartoffelpuffer, Schweinebraten mit Knödel – da geht niemand mit leerem Magen auf die Bühne. Nach drei Tagen Egerländern kommst du gefühlt mit sooo einem Bauch heim.«

Peter Laib erzählt von »früher«: »Ich wusste vor Moop Mama gar nicht, was vegan oder vegetarisch heißt. Dann bin ich in die Band gekommen, dann waren da zwei Veganer! Ich hab mit dem Jan in einer WG gewohnt. Situation beim Frühstück: Ich richtig deftig – typisch Musiker eben. Und Jan legt irgend so ein braunes Teil auf den Tisch… Ich: Was ist denn das? Das war eine Avocado und ich hab ihn gefragt: Und was bringt dir das? Was macht das mit deinem Körper? Ich konnte mir nicht vorstellen, das zum Frühstück zu essen...«

Bei Moop Mama dürfe man nicht vollgegessen sein. Leicht muss es sein. »Bei Moop Mama achten wir mittlerweile wirklich auf gutes und vor allem gesundes und leichtes Essen beim Catering. Sonst könnten wir die Show gar nicht so spielen«, erklärt Hutter.

Ernährung: (K)ein Thema für Musiker?

Sportler sind bekannt dafür, dass sie auf ihre Ernährung achten bzw. achten müssen. Von Musikern bekommt man es zumindest nicht öffentlichkeitswirksam mit. Saxofonist Thorsten Skringer und Hornist Ulrich Haider bestätigen, dass da Nachholbedarf besteht. »In meiner Wahrnehmung ist das Thema Ernährung bei Musikern kein großes Thema«, findet Skringer. Es sei denn, es gehe um Diäten bei Gewichtsproblemen.

Auch Haider hat erkannt, dass »Ernährung bei uns Musikern bei weitem kein so großes Thema ist wie im Sport«. Musiker seien da eher Spiegel der Gesellschaft – manche ernähren sich bewusst, andere nicht, manche ernähren sich gesund, an­dere nicht. Und doch setzen sich viele Musiker mit ihrer Ernährung auseinander. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten, viele Tage unterwegs sein – das zehrt.

»Ich kenne viele Musiker, die sehr auf ihre Gesundheit achten, sonst hält man das freiberufliche Dasein nicht langfristig durch«, denkt Klarinettistin Rebecca Trescher. Sarah Willis von den Berliner Philharmonikern mahnt: »Wir Musiker sollten unbedingt auf unsere Ernährung achten. Was wir machen, ist Hochleistungssport, wir sollten unseren Körper dementsprechend behandeln.«

Das findet auch Matthias Schorn (Wiener Staatsoper, MaChlast): »Wie so oft gibt es auch im Bezug auf Ernährung zwischen Sportlern und Musikern viele Gemeinsamkeiten. Wer Höchstleistungen vollbringen will, sollte sich auch Gedanken darüber machen, was er oder sie zu sich nimmt. Es sollte nicht egal sein, was man isst. Häufig denken Menschen intensiv darüber nach, ob sie für ihr Auto nicht doch das bessere und teurere Motoröl verwenden sollen. Was wir uns aber selber zuführen, darüber machen wir uns oft zu wenig Gedanken.

Das Argument, dass gutes, regional nachhaltig produziertes, biologisches Essen für viele Menschen nicht leistbar ist, lasse ich nur bedingt gelten. Früher wurde bis zu 70 Prozent des Einkommens für (gutes) Essen ausgegeben, heute sind uns unsere Nahrungsmittel aus statistischer Sicht nur noch 10 bis 20 Prozent unseres Einkommens wert...«

Ernährung unmittelbar vor dem Auftritt…

Was und wie viel vor einem Auftritt gegessen wird oder ob man gar hungrig auf die Bühne gehen sollte, da sind sich Musikerinnen und Musiker einig. »Das hängt immer von der Stimmung ab, aber in der Regel versuche ich vor den Konzerte nicht zu schwer zu essen, um nicht in diese Schwere nach einem deftigen Essen zu fallen«, erläutert Trompeter Thomas Siffling.

Vor dem Konzert verzichten viele auf Kohlenhydrate und vor allem auf große Mengen. Bananen, Käsebrot, stilles Wasser, Obst, Schokolade. Der Grund liegt auf der Hand. Mit Essen, das besonders schwer im Magen liegt, ist eine gute Atmung nicht mehr möglich. Doch auch das Gegenteil – mit leerem Magen zu spielen – empfiehlt sich keinesfalls. Wenn man schon hungrig auf die Bühne geht, dann sollte das nur der »Hunger auf Musik« sein, wie Matthias Schorn scherzt.

… und danach

Nach dem Konzert allerdings ist die Spannweite wesentlich größer. Manche essen oder trinken gar nichts mehr oder nur noch eine Kleinigkeit – und sei es ein Gin Tonic –, manche freuen sich auf die »Schlacht am kalten Büfett«.

»Nach dem Gig mit den Bandkollegen lecker essen ist der Hammer, am besten Steak!«, freut sich Rebecca Trescher. Und Sarah Willis bestätigt lachend: »Auf Tournee freuen wir uns immer, wenn es einen Empfang gibt. The way to a musician´s heart is through his/her stomach...«

Musiker essen gerne gut

Beim abschließenden Blick auf die Frühstücksteller und die Rechnungen des letzten »Auswärtsdinners« zeigt sich tatsächlich, das die Klischees, die man so über Musiker hat, selten stimmen. Dass sie gerne essen und gerne gut essen, ist längst kein Klischee mehr, sondern Fakt.

Auf den Frühstückstisch kommen Porridge mit Obst, Pain au Chocolat, zwei doppelte Espresso Machiato und ein Nutella-Brot, Eier und Müsli, Tee, Kaffee, Honigbrot, eine Breze mit Honig und eine Semmel mit Marmelade, Birchermüsli mit Beerengrütze.

Und auch »auswärts« offenbart sich die große Speiseweltkarte: Nudeln (»Nudeln gehen ja immer...«), Falafel, Spargelcremesuppe, Salat mit Hühnerstreifen, Fisch (in Trondheim!), Cheeseburger mit Pommes und eine Pizza (»Die esse ich für mein Leben gern«).

Eine der größten Schwierigkeiten des Musizierens dürfte sein, darüber sinniert der Koch und Musikliebhaber Vincent Klink im Grußwort des schon erwähnten Buches »Kannst du Knödel kochen?«, dass man nicht das Instrument spielen und gleichzeitig essen kann. »Es gab schon Versuche, doch dann hieß es: ›Gott sei Dank kommt’s selten vor, dass Knödel im Trompetenrohr.‹«

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Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Musik und Ernährung: Du bist, was du isst!":

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