Trompeter Ludwig Güttler im Gespräch über Martin Luther

  • 31.10.2017
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 11/2017
  • Seite 30-32

Für den protestantisch geprägten Trompeter und Dirigenten Ludwig Güttler ist Luther ein Fixpunkt: "Ein Mann wie Martin Luther, der trotz aller Anfechtungen einen Weg, eben seinen Weg geht, mit diesem Gottvertrauen, dieser Kraft, mit dieser Furchtlosigkeit, Bildung und Standhaftigkeit, und der dabei nicht müde wird, nach der Theologie die Musik zu rühmen, sich ihrer bedient und sich als durch und durch musischer Mensch zu erkennen gibt, ist für uns nicht nur Vorbild und Anreger, sondern ein starker Verbündeter."

Herr Güttler, was meinen Sie, wäre die Reformation ohne die Musik überhaupt möglich gewesen?

Die Aussagen, die Martin Luther über die Musik getätigt hat und die deren Wertschätzung zeigen, sind ein eindeutiges Zeugnis, wie wir es stärker gar nicht hätten haben können. Er sagt nämlich, für ihn komme die Musik gleich nach der Theologie!

Er selbst hat sich ja auch mit der Laute musizierend abbilden lassen. Wir wissen auch, wie sehr er die Musik gefördert hat. Ihm erschien Musik gemeinsam mit der Botschaft und den Sakramenten, mit der Predigt als eine Einheit. Das schlägt sich beispielsweise auch in der Bauweise der Torgauer Schlosskirche nieder: Dort haben wir eine Erlebnisachse – den Altar, die Kanzel und die Orgel.

Für Johann Walter – es gibt eine Plakette für Persönlichkeiten, die sich um das sächsische Musikleben verdient gemacht haben – ging das Ganze einen Schritt weiter. Er sagte, dass die Musik der Theologie gleichwertig sei. Eine höhere Wertschätzung ist schlechterdings nicht vorstellbar. Insofern beantworte ich Ihre Frage mit nein.

War denn die Musik für Luther und die anderen Reformatoren politischer Natur? Waren das »Protestlieder«, die die Reformation vorantreiben sollten?

Wir müssen das auseinanderhalten. Luther protestierte ja nicht grundsätzlich gegen die katholische Kirche, sondern gegen das seiner Meinung nach missbräuchliche Deuten des Theologischen und der Bibelinhalte.

Er wollte ja gar nicht spalten, er wollte das Vorgefundene reformieren und auf den wahren Kern zurückführen. Er hat Volkslieder in Choräle umgewandelt und meinte dazu: Warum soll der Teufel alle schönen Melodien haben? Die können wir doch selber gut gebrauchen! Er war sehr konstruktiv und auch sehr optimistisch.

Wenn Sie sich den Spruch auf der Zunge zergehen lassen: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen." Und unser aller Aufgabe sollte es sein, mindestens einen Apfelbaum zu pflanzen.

Die Musik ist also kein Mittel zum Zweck, sondern Luther ohne Musik schlicht nicht denkbar.

Musik war ein essenzieller Bestandteil und kein Mittel zum Zweck. Musik bedeutete auch kein Mittel der Unterordnung oder mit der praktischen Verwendbarkeit. Luther selbst – und so hat er sich bezeichnet – war Musiker, deshalb war ihm die Musik natürlich wichtig.

Er hat gesagt: "Einen Schulmeister, der nicht singen kann, den sehe ich nicht für einen solchen an." Wo keine musische Bildung ist, ist überhaupt keine Bildung!

Warum hat denn die Verwendung von Musik überhaupt für solche Kontroversen gesorgt? Was war der Stein des Anstoßes für oder gegen bestimmte Arten von Musik?

Zu Lebzeiten von Palestrina (1525 bis 1594) hat es in der katholischen Kirche Meinungen gegeben, die die Strahlkraft, die Aussage und den Ausdruck der Musik infrage stellten oder sie ihr gar ganz abgesprochen haben. Palestrina hat das gerettet. Wenn Sie kämpferisch agierende Menschen haben, werden sie immer verschiedene, variable Ausprägungen haben. Es ist da unter Musikern und Theologen nicht anders.

Ich habe damals nicht gelebt, ich kann das nur aus der Überlieferung schlussfolgern. Die Bibelübersetzung, die Lehre und eben die Musik hat Luther auf eine einzigartige Weise auf sich – mit den anderen Reformatoren zusammen – vereinigt. Es gab ja auch Reformations-, Reinigungs- oder Umkehrbestrebungen in der katholischen Kirche selbst. Es ist ja nicht so, dass sich das wie ein Block gegenüberstand.

Ist Luther durch seine Art und seine Lehre und vor allem die Musik volksnaher geworden als es die damalige katholische Kirche war?

Das könnte man so schlussfolgern. Wobei ich vorsichtig bin, Schubladen aufzumachen und jemanden hineinzustecken. Natürlich hat er seine Volksnähe durch eine eindeutige und klare Sprache gesucht. Nicht nur durch seine Übersetzungen vom Lateinischen ins Deutsche, womit er die Bibel den Menschen unmittelbar nahegebracht hat.

Ihm war ja auch wichtig, dass jeder Mensch den direkten Zugang zu Gott hat, ohne eines Mittlers, sprich: Priesters oder Pfarrers, zu bedürfen. Er war dort sehr radikal und hat das "allgemeine Priestertum" propagiert.

Und mit der Musik kommt man Gott näher als durch eine Predigt?

Das möchte ich nicht gegeneinander halten. Wenn jemand Musiker ist oder musisch ist, stellt sich diese Frage eigentlich nicht.

Also hat Luther so gehandelt, weil er war wie er war?

Luther hat dies, wie so oft, in einem kurzen und knackigen Satz gesagt: Ich bin nicht streitsüchtig, aber ich bin streitbar. Er meinte: Ich vertrete das, was ich vertrete bis zur letzten Konsequenz.

Was macht die Musik Luthers so besonders? Was war anders als vorher?

Vor allem die Texte, die er geschrieben hat. Nicht nur die eigenen, denn man darf nicht vergessen, dass ihm auch die Messtexte und beispielsweise das Te Deum und das Magnificat wichtig waren. Er hat diese eingedeutscht.

So wie er es vertreten hat und auch wie zahlreiche Liedverse die Komponisten bis in unsere heutigen Tage anregen, so ist diese prägende Gestaltungskraft schon aus der Substanz dessen, was er angestoßen hat, erklärt.

Luther soll, so ist es zu lesen, Pauken und Trompeten nicht sehr gemocht haben. Diese vollbrächten "scheußliches Gottes-Ehr schreien". Was sagen Sie als Trompeter dazu?

Ich habe dieses Zitat von Luther nicht gehört. Ich weiß aber, welche Meinung Heinrich Schütz hatte. Der war Luther ja zeitlich viel näher und er hat beim 100-jährigen Reformationsjubiläum in Dresden alle Musiker, alle Sänger und alle Pauken und Trompeten, die im Hof zur Verfügung standen, bei der Aufführung des 136. Dankpsalms eingesetzt.

Laut Hoftagebuch waren das unter anderem 19 Trompeten und drei Kesselpauken – neben allen anderen Instrumenten. Ich glaube behaupten zu dürfen, dass jemand wie Schütz, der Luther noch so nahe war, dies nicht eingesetzt hätte, wenn es stimmen würde, dass Luther Trompeten nicht mochte.

Luther gilt als der "Erfinder" des deutschen Psalmliedes. Wie stehen überhaupt Musik und Text zueinander? "Funktioniert" die Musik ohne die Texte?

Das kommt darauf an, wie kenntnisreich der jeweilige Hörer ist. Die Assoziationsebenen sind sehr vielfältig und different. Dass er diese alten Texte alle übersetzt hat, heißt, dass er sie wertgeschätzt hat. Er hat gesagt: Musik macht die Worte eingängiger und besser aufnehmbar.

Das Wort hat meist eine rationale Bedeutung, eine Erkenntnis und eine Aussage. Sobald Musik dabei ist, gibt es einen Ausdruck, es gibt einen Rhythmus, es gibt eine Melodie. Es ist schlicht eingängiger. Und es ist eine Steigerung des Gesagten.

Was reizt Sie an der Musik Luthers?

Da muss ich kurz unterscheiden: Luther hat zwar auch selbst komponiert, doch was wir heute unter Musik Luthers verstehen, sind die von anderen Komponisten vertonten Texte. Das sind Komponisten von Weltrang wie Johann Sebastian Bach oder Heinrich Schütz. Wie die diese Texte hergenommen haben und daraus eine unvergleichlich herrliche Musik geschaffen haben – das konnte Luther ja gar nicht vorausdenken.

Insofern ist die Musik über das Reformatorische, über das Glaubensbekenntnis hinaus Weltkultur. Und an dieser Musik reizt mich, was mich an jeder Musik reizt: Ich dringe in sie ein, ich führe sie mir zu Gehör und zu Gemüte. In der Reflexion, im eigenen Hören, im Kräftesammeln, in der Aufnahme von Energie – wofür das Ohr ja auch zuständig ist – mache ich mich selbst zu einem Teil dieses Ausdrucks, dieser Aussage. Ich fühle mich dann als winziges Staubkorn innerhalb eines unglaublichen Kosmos, wie ihn die Musik darstellt. Und ich finde, ich fühle mich da zu Recht beheimatet.

Spielt die Person Martin Luther dabei eine Rolle. Oder kann man das trennen?

Ich persönlich kann das schlecht voneinander trennen. Ich kann das nur als Gesamtphänomen wahrnehmen. Ich halte ein Unterscheiden in einzelne Teile – selbst wenn ich es könnte – nicht für hilfreich.

Wir feiern in diesem Jahr den 500. Jahrestag der Reformation. Was bedeutet Luther heute für die Musik?

Wir können ja nur das wahrnehmen, was wir zu Gehör bringen. Nur durch das Hören wird das Phänomen für uns überhaupt erfahrbar. Musik, die nicht gespielt, nicht musiziert wird, kann ich zwar aus der Erinnerung in mir erklingen lassen, aber sie wird nicht nach draußen dringen.

Was das im Einzelnen für Gründe hat, ist schwer zu beurteilen. Wenn Sie ein tolles Gericht kochen, ist es schwer, hinterher die einzelnen Gewürze und Zutaten auseinanderzubringen – obwohl Sie schmecken, dass sie drin sind. Sie werden von jedem Menschen eine etwas andere Antwort bekommen auf diese Frage. Und diese Antworten sind alle richtig.

Sind für Sie persönlich denn Luthers Werke "Klassiker der Kirchenmusik"?

Das darf man so sagen. Wobei wir aufpassen müssen, dass wir mit unserer heutigen Wahrnehmung nicht Maßstäbe formulieren, die bei der Entstehung dieser Musik und der Geisteshaltung von Luther keine Maßstäbe waren. Wir dürfen hier nicht der Versuchung erliegen, Dinge so einzuordnen, dass sie in unser wodurch auch immer geartetes Weltbild eingepasst werden.

Was die Musik bedeutet, erschließt jeder für sich allein. Wenn man dann Übereinstimmungen mit anderen feststellt, ist es wunderbar. Wenn man es nur für sich erschlossen hat, ist es auch wunderbar. Und wenn jemand keine Ahnung davon hat und die Musik sich ihm nicht erschließt, ist es traurig – und er hat mein herzliches Beileid.

Herr Güttler, vielen Dank für das Gespräch!

Tonträger: Luther in der Musik

Das Album "Ein feste Burg... Luther in der Musik" präsentiert eine ungewöhnlich vielfältige Musikgeschichte, die von den ersten Bearbeitungen von Luther-Chorälen im 16. Jahrhundert bis zu geistlicher Musik des 21. Jahrhunderts reicht. Der Initiator dieser Entwicklung war ein Mann des Wortes und ist bis heute einer der bekanntesten Persönlichkeiten in der deutschen Geschichte: Martin Luther.

"Ein feste Burg ist unser Gott, / ein gute Wehr und Waffen. / Er hilft uns frei aus aller Not, / die uns jetzt hat betroffen." Mit diesen Versen beginnt der Choral "Ein feste Burg ist unser Gott". Die Werkfolge des Albums "Luther in der Musik" liest sich wie die Klanggeschichte über eines der wichtigsten protestantischen Kirchenlieder. Es erscheint erstmals 1533 in Martin Luthers Buch "Geistliche lieder auffs new gebessert zu Wittemberg" (dem "Klugschen Gesangbuch").

Luther erfindet den Text, vermutlich auch die Melodie. Und viele Komponisten nach ihm finden neue Setzweisen und Arrangements. Luther hat zudem mehrere Dutzend Lieder zu allen christlichen Feiertagen geschrieben. "Vom Himmel hoch, da komm ich her" (1535) gehört zu seinen bekanntesten. Verschiedene Bearbeitungen von Eccard, Praetorius bis zu Bach (aus seinem "Weihnachtsoratorium" entnommen) sind auf der CD zu erleben.

Eine Uraufführung und Weltersteinspielung rundet das Album ab: Der Komponist, Saxofonist und Flötist Daniel Schnyder verarbeitet in seiner Auftragskomposition für die Frauenkirche Dresden Luthers "Feste Burg" zu einem Oratorium. Schnyder über den Reformator: "Mich faszinieren sein Mut, sein Anarchismus, sein Wille und seine Leistungsfähigkeit […] Luthers Zeitgenosse Huldrych Zwingli forderte: 'Tut etwas Tapferes!' Luther hat es getan!" (Berlin Classics)

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