Trombone Summit

  • 29.09.2015
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Wo kommen vier Posaunisten zusammen? Natürlich in einer Bigband! Doch so unentbehrlich sie dort als Posaunensatz sind, so selten dürfen sie in der Bigband als Solisten in den Vordergrund treten. Ausnahmen von der Regel sind Legende geworden – zum Beispiel jenes Stück, das Jimmy Giuffre 1953 für den Posaunensatz im Woody Herman Orchestra komponierte.

Posaunisten als Solisten

Sechs Jahre zuvor hatte Giuffre die vier jungen Saxofonisten der Band (im Satz und solistisch) als »Four Brothers« vorgestellt – das Stück wurde ein Hit. Nun gab er den Bitten nach und schrieb auch für sie ein besonderes Feature: »Four Others«, ein kühles Bebop-Thema von 44 Takten Länge (12+12+8+12).

Der Posaunensatz stellt hier ganz allein die Melodie vor, kommentiert von der restlichen Band. Danach solieren alle vier Posaunisten – und nur sie: Kai Winding, Frank Rehak, Vernon Friley und Urbie Green.

Vor allem Kai Winding wusste sehr genau, dass man mit Posaunen viel mehr anstellen kann als sie nur im Satz spielen zu lassen. Winding hatte damals schon ein phänomenales Zwei-Posaunen-Quintett zusammen mit J.J. Johnson, das viele Jahre bestand und unter dem Namen »Jay & Kai« ziemlich berühmt wurde.

Posaunen-Gipfel mit vier großartigen Jazz-Posaunisten

Daher war Kai Winding auch gleich zur Stelle, als 1980 die Plattenfirma MPS zum »Trombone Summit« nach Villingen rief. Vier großartige Jazzposaunisten und eine dreiköpfige Rhythmusgruppe sollten im Schwarzwälder MPS-Studio zeigen, wozu Posaunen wirklich fähig sind. Das ist ihnen gelungen.

Winding, Mangeldsdorff, Watrous und Whigham

Kai Winding (1922 bis 1983) brachte gleich drei seiner wunderbaren, Cool-Jazz-getönten Nummern mit, darunter zwei erdige, langsame, bluesgefärbte Schleicher (»Ides« und »Slow Grind«). Er spielt die Stücke im Zwei-Posaunen-Team oder im kompletten Posaunen-Vierer (»Slow Grind«) und steuert außerdem noch zwei Themen zur »Blues Suite« bei.

Der zweite Star im Bund, Albert Mangelsdorff (1928 bis 2005), hatte ebenfalls drei Stücke im Gepäck, allerdings von ganz anderer, modernerer Machart, darunter sein »Rip Off«, das er auch mit dem United Jazz & Rock Ensemble spielte, und »Mississippi Mud«, eine seiner unbegleiteten Solonummern, die er hier im (vokalisierten) Duo mit Bill Watrous interpretiert.

Watrous (geb. 1936) ist ein Ausnahme-Posaunist und routinierter Bigband- und Studiomusiker, der seit den 1970er Jahren eigene Orchester leitet. Der Vierte des Kreises war Jiggs Whigham (geb. 1943), der jahrelang die Jazzausbildung in Berlin geprägt hat, einer der bekanntesten Jazzpädagogen weltweit.

»Trombone Summit«: Von Swing bis Free

In einem Programm, das von Swing bis Free reicht, demonstrieren diese vier Super-Posaunisten, dass ihr Instrument jeder Herausforderung gewachsen ist. Ob im Satz oder in Gegenstimmen, ob in A-cappella-Episoden oder im swingenden Solo mit Rhythmustrio, ob mit Blech- oder Gummidämpfer, ob im Zweier-, Dreier- oder Viererteam: Die Posaune wird hier zur Königin der Instrumente.

Zu den Höhepunkten der Platte gehört die choralartige Einleitung zu Whighams »The Infernal Triangle«, später folgen hier noch abenteuerliche »Fours«. Wie lyrisch weich Posaunen klingen können, zeigt besonders die Basie-Ballade »Blue And Sentimental«. Und was soll man zu den unbegleiteten, vierstimmigen Simultan-Improvisationen in »Rip Off« und »Blues Suite« sagen?

In den einzigen Fremdstücken auf dem Album – »Blue And Sentimental« und »Blues Suite« – mutiert das Posaunen-Kleeblatt dann auch noch zum vollgültigen Swing-Ensemble mit Bigband-Touch und einschlägigen Orchesterriffs. Alle vier Virtuosen haben auf dieser Platte viel Raum, um in den Improvisationen ihre individuellen Solostile zu entfalten.

Da tun sich wunderbare Vergleichsmöglichkeiten zwischen ihnen auf und die detaillierten Angaben auf dem Cover helfen bei der Zuordnung. Auch 35 Jahre nach seiner Entstehung ist der »Trombone Summit« eine vitale und anregende Werbung fürs Posaunen-Ensemble.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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