Trio di Clarone - Das Geburtstags-Trio

  • 12.04.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 4/2017

Eigentlich sollte es eine einmalige Sache sein – eine Geburtstagsüberraschung. 1983 tat sich Sabine Meyer mit ihrem Bruder und ihrem Ehemann zusammen, um ihrer Mutter ein Ständchen zu spielen. Die drei Gratulanten – Sabine Meyer, Wolfgang Meyer, Reiner Wehle – sind Klarinettisten der obersten Kategorie. Deshalb konnten sie es sich leisten, etwas ganz Verrücktes zu tun:

Sie wechselten für dieses Ständchen von der Klarinette aufs Bassetthorn – und zwar alle drei. Ja, gibt es denn Musik für drei Bassetthörner? Wer könnte auf die Idee kommen, so etwas zu komponieren? – Niemand Geringerer als Wolfgang Amadé Mozart.

Mozart und die Altklarinette

Der nämlich hatte ausgerechnet diese seltsame Altklarinette zu seinem Lieblingsinstrument erklärt, ungeachtet ihres störrischen Intonationsverhaltens. In mehreren seiner Werke setzte Mozart das Bassetthorn an prominenter Stelle ein. Und ganz »pur« in den »Fünf Divertimenti KV 439b« – 25 kleinen Triostücken für drei Bassetthörner.

Wahrscheinlich niemand, der 1983 am Leben war, hatte diese Originalbesetzung jemals zuvor gehört. Gewöhnlich spielte man die Trios, wenn überhaupt, mit Sopranklarinetten, Oboen, Fagotten oder Celli.

Das Trio di Clarone

Sabine Meyers Mutter Ella war sicherlich von dem besonderen Ständchen begeistert. Das internationale Konzertpublikum – in Europa, Amerika, Asien, Afrika – war es auch. So wurde aus dem Überraschungstrio eine feste Formation: das Trio di Clarone, eines der wunderbarsten Kammerensembles unserer Zeit.

Allerdings stellte sich gleich auch die Frage: Was spielen die drei Klarinettisten denn, wenn sie mit dem Mozart fertig sind? Antwort: noch mehr Mozart. Zum Beispiel die Notturni für drei Gesangsstimmen und drei Bassetthörner (KV 436-439) – da lud man sich eben drei singende Gäste ein. Oder Bearbeitungen von Mozarts Streichtrios und Opernarien – da kamen dann auch Klarinette und Bassklarinette zum Zuge.

Stücke von Bach, Schumann und Bruch wurden ebenfalls fürs Trio di Clarone eingerichtet. Es gab Projekte mit einem Pianisten (Kalle Randalu), einem vierten Klarinettisten (Michael Riessler), einem Drehorgelspieler (Pierre Charial) oder einer kubanischen Band (Paquito D’Rivera). Die Kritiker jubelten zu Recht über "klarinettenverrückte Freudenfeste" und "Ereignisse atemberaubend virtuoser Instrumentalmagie". Die Geburtstagslaune wurde zum Dauerbrenner.

Das Album "Blues for Sabine"

Zum zehnjährigen Jubiläum von Trio di Clarone entstand 1993 das Album "Blues for Sabine". Neben Sabine Meyer (Klarinette), ihrem Bruder Wolfgang Meyer (Klarinette, Bassetthorn, Bassklarinette) und ihrem Ehemann Reiner Wehle (Klarinette, Bassklarinette) war als vierter Klarinettist Peter Handsworth mit im Bunde, ein Lieblingsstudent von Wolfgang Meyer.

Der Gaststar auf dem Album allerdings ist Eddie Daniels, der renommierte amerikanische Jazz- und Klassikmusiker – er gibt hier als Co-Leader den fünften Klarinettisten und den improvisierenden Jazzsolisten.

Was man mit fünf Klarinetten alles anstellen kann, hat dieses Projekt eindrucksvoll demonstriert. Das Spektrum reicht von Solostücken (Strawinsky), Klarinettenduos (Poulenc, Cech) und der Bearbeitung eines Saxofonquartetts (Françaix) bis hin zu einer für fünf Klarinettenstimmen arrangierten Jazzballade (Strayhorn).

Die Höhepunkte des Albums jedoch sind atemberaubende Originalwerke, die speziell für dieses CD-Projekt komponiert wurden. Der Klarinettist Rolf Kühn und die Arrangeure Torrie Zito und Steve Gray schrieben fantastische Quintettstücke zwischen Jazz und Kammermusik – natürlich mit ausreichend Räumen für Daniels’ Improvisation.

"Blues for Sabine" ist das umfassendste, das vielseitigste – ach was, es ist das perfekte moderne Klarinettenalbum.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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