Thomas Clamor hat das letzte Wort

Die clarino-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich gewünscht haben, einen »ordentlichen Beruf« gewählt zu haben?

Ich habe in meinen Leben unglaublich großes Glück gehabt, einen der wohl schönsten Berufe ausüben zu dürfen. Entgegen der Befürchtung meines Vaters, der meinte: »Wenn du Profimusiker wirst, dann musst du immer Musik machen und irgendwann geht dir vielleicht der Spaß verloren.« Nach weit über 30 Berufsjahren war noch nicht eine Sekunde dabei, wo mir der Spaß verlorengegangen wäre.

Wann war das letzte Mal, dass Sie über einen Musiker-Witz gelacht haben?

Man hört sehr, sehr viele Musiker-Witze, fast täglich. Doch leider vergesse ich die sehr schnell wieder.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit Musikern diskutiert haben?

Ich suche permanent den Dialog mit Musikern, weil ich es wichtig finde, in einem Team zu arbeiten. Ein Austausch, auch hitzige Diskussionen befürworte ich, weil ich glaube, dass sich durch diese Art von Gesprächen Dinge entwickeln, die dem Ganzen dienlich sind.

Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, in einer anderen Zeit ge­boren worden zu sein?

Noch nie. Ich lebe im Jetzt und Hier. Manchmal wünsche ich mir, dass der Tag mehr als 24 Stunden hätte, weil man nicht alles schafft, was man tun möchte.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit jemandem darüber gestritten haben, dass Blasmusik sehr wohl auch ernstzunehmende Musik ist?

Darüber muss ich nicht streiten. Das ist so.

Wann war das letzte Mal, dass Sie in Venezuela waren?

Im Oktober. Ich habe verschiedene Pro­jekte betreut. Ich bin an der Gründung des großen sinfonischen Blasorchesters beteiligt. Hier habe ich eine Arbeitsphase geleitet und ein Konzertprogramm erarbeitet. Mit dem Venezuelan Brass Ensemble habe ich zum Tag der Deutschen Einheit beim deutschen Botschafter gespielt und die US-Tour mit dem Ensemble vorbereitet. Und das sitzt mir immer noch in den Knochen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie so richtig Urlaub gemacht haben?

Im Sommer. Wenn ich arbeite, dann ar­beite ich sehr intensiv und dann brauche ich Phasen, in denen ich die Batterie wieder auflade. Wir haben ein Sommerhaus im Nationalpark Mecklenburgische Seen­platte direkt an der Müritz, wo wir mit der Familie unsere Sommerferien verbringen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie ein westfälisches Bier genossen haben?

Sie glauben mir das vielleicht nicht, aber das war im August in Peking. Dort habe ich in einem Resaturant ein Herforder Pils getrunken. Das schmeckt dann natürlich doppelt gut.

Wann war das letzte Mal, dass Sie bei einem Live-Fußballspiel waren?

Als ich vor ein paar Jahren mit dem Blechbläserensemble der Berliner Philharmoniker im Berliner Olympiastadion die Nationalhymne gespielt habe.

Wann war das letzte Mal, dass Sie geweint haben?

Es gibt Situationen, die sehr bewegend sind. Wenn ich etwa in Venezuela bin und mit Situationen konfrontiert werde, die kaum nachvollziehbar sind. Wenn man sieht, mit welchem Mut die Menschen dort ihren Alltag bewältigen, in welchen Verhältnissen die Kinder dort leben – und das mit unseren Verhältnissen vergleicht, dann wird man sehr schwermütig. Freuden­tränen weine ich, wenn meine Kinder mich überraschen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich selbst gegoogelt haben?

Ich tu das nicht. Je weniger ich da über mich lese, desto besser (lacht).

Wann war das letzte Mal, dass Sie gedacht haben, Heinrich Heines Zitat über die Westfalen trifft es ziemlich gut: »Sie fechten gut, sie trinken gut; und wenn sie die Hand dir reichen; zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; sind sentimentale Eichen.«?

Stimmt! Würde ich unterschreiben. Ich bin überzeugter Westfale. Ostwestfale. Ich mag die offene, ehrliche Art. Bei Westfalen weiß man, woran man ist!

Thomas Clamor

ist Chefdirigent der Sächsischen Bläserphilharmonie und Künstlerischer Leiter der Deutschen Bläserakademie. Er studierte an der Hochschule für Musik Detmold Trompete und Schlagzeug. 1986 wurde er als jüngstes Mitglied von den Berliner Philharmonikern aufgenommen; zudem profilierte er sich als Solist und Kammermusiker in namhaften Ensembles. 1987 beginnen seine Lehrtätigkeiten und Gastprofessuren an deutschen Hochschulen (Detmold, Weimar, Berlin) und an der Herbert-von-Karajan-Stiftung. Ein Höhepunkt seiner pädagogischen Arbeit ist das inzwischen legendäre »El Sistema« von Venezuela: Hier entsteht unter seiner Mitwirkung die erste lateinamerikanische Brassakademie, an deren Spitze das von ihm gegründete Venezuelan Brass Ensemble steht.

Infos: www.saechsische-blaeserphilharmonie.de

  • 20.12.2011
  • Das letzte Wort

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