Theinerts Thema: Wie wichtig ist der Dirigent?

Braucht man eigentlich einen Dirigenten? Der Unwissende wird sich diese Frage möglicherweise schon mal gestellt haben? Und die Frage »Was macht der denn da bloß!?« geht auch dem Kenner schon mal durch den Kopf. Was würde eigentlich passieren, wenn »da vorne« vor dem Orchester mal niemand stehen würde? Wir geben diese Frage hiermit weiter…

Herr Theinert, was würde eigentlich passieren, wenn »da vorne« vor dem Orchester mal niemand stehen würde?

Jemand müsste zunächst die Funktion des Initialimpulses übernehmen. Dieser Jemand ergreift also die Initiative und beginnt mit dem Klang, führt das Orchester damit zum Anfang. Auch wenn kein Dirigent vor dem Orchester steht, ist also immer jemand da – das könnte der Konzertmeister sein oder der Solo-Klarinettist im Blasorchester –, der den ersten Auftakt gibt.

Aber das ist ja nur die landläufige Auffassung von der Funktion des Dirigenten. Wie wir alle wissen, ist das lediglich ein kleiner Teil der Wahrheit. Die wesentliche und essenzielle Funktion dagegen liegt in der notwendigen Vereinheitlichung der musikalischen Richtung begründet: Die Parameter im Klang müssen also so zusammengebracht werden, dass eine Richtung überhaupt erst entsteht und diese dann auch der Intention des Komponisten entspricht.

Derjenige, der am Anfang noch die Auftaktfunktion für das Ensemble übernehmen konnte, wird im Verlauf des Geschehens mit seiner eigenen Stimme so beschäftigt sein, dass er nicht in der Lage ist, alle Stimmen in ihrer komplexen Vielfalt aufzunehmen und entsprechend auch zu vereinheitlichen, wie das einer kann, der nicht selbst am klanggebenden Prozess beteiligt ist.

Insofern müsste also derjenige Musiker, welcher quasi an die Stelle des Dirigenten tritt, von seinem eigenen instrumentalen Musizieren ablassen, um sich auf alles einzulassen, was klanglich im Raum geschieht.

Das heißt, eine »Führung« ist nötig, durch einen »mitspielenden« Musiker aber nicht machbar?

Es ist ein Missverständnis, wenn man hierbei nur über Tempo oder rhythmisches Zusammenspiel redet. Das ist eine Ebene von vielen. Die Funktion des Dirigenten hierauf zu beschränken, entspringt vollständiger Ignoranz. Jeder, der ein bisschen tiefer einsteigt, wird aber feststellen: Wenn dort keine Vereinheitlichung stattfindet, keine Richtung vorhanden ist, dann wird jeder im Orchester so phrasieren, so gestalten, wie er es aus seiner Stimme heraus im Moment empfindet.

Das bedeutet aber nicht, dass er die übergeordnete formale Struktur der Komposition verstanden hat und dass er sich in diesem Sinne so engagiert, dass aus der Vielfalt im Orchester eine Eins entsteht. Dass kann nur unter der Gestaltung eines einzigen Bewusstseins entstehen.

Das Experiment könnte lauten: »1-2-3-4 und dann geht’s los«. Jeder kennt seine Stimme, jeder ist ein hervorragender Musiker, spielt mit wunderschönem Klang, achtet auf alle Eintragungen in der Partitur. Doch warum führt das dennoch nur zu musikalischem Chaos? Weil aus der Perspektive des Einzelnen nichts entstehen kann, was zu einer musikalischen Form, zu einem musikalischen Erleben führen kann. Das Resultat solcher Bemühungen ist höchstens eine Serie von klanglichen Eindrücken.

Aber es gab in den 1980er Jahren durchaus Diskussionen und Experimente, die quasi basisdemokratisch agierten und den Verzicht auf einen Dirigenten befürworteten. Das würden Sie demnach zum Scheitern verurteilen?

Das ist absolut hoffnungslos. Natürlich ist das Bedürfnis verständlich und aus dem Zusammenhang der Zeit auch nachvollziehbar. Denn die Orchester haben auch gemerkt, dass das, was sie als Dirigenten vorgesetzt bekommen, in keiner Weise zufriedenstellend war.

Durch unfähige Vertreter dieser Gattung, unfähig in Bezug auf die eigentliche Funktion des Dirigenten, entsteht natürlich ein Vakuum. Die Orchestermusiker kommen so zur berechtigten Einstellung, dass sich das, was musikalisch passiert oder eben nicht passiert, ohne Dirigent genauso gut, wenn nicht sogar besser abspielt. Zumindest gibt es dann niemanden mehr, der den Ablauf des Stücks oder den Fluss des Klangs stört.

Das Fehlen eines negativen Einflusses führt allerdings nicht automatisch zur Entdeckung musikalischer Strukturen. Das Lesen in der Partitur ist ja nicht der einzige Vorteil, den der Dirigent hat. Jeder im Orchester kann die Partitur ebenfalls in ihrer Gänze studieren. Da braucht es ein größeres Format, damit das Orchester akzeptiert, da steht einer vorne, der uns nicht nur zusammenhält, sondern der Höhen und Tiefen, Richtungen und Stimmungswechsel der Komposition verinnerlicht, also sich im wahrsten phänomenologischen Sinne angeeignet hat. Aber für dieses Niveau dirigentischer Persönlichkeiten gibt es leider viel zu wenig gute Beispiele.

Es würde also nicht nur bedeuten, dass die einzelnen Musiker besser zuhören müssten, sondern es ist schlichtweg eine Tatsache, dass es nicht möglich ist? Der Musiker hinten rechts wird beispielsweise nicht beurteilen können, was der vorne links macht?

Absolut. Das haben wir alle doch schon selbst erlebt. Schaut man sich ein Fußballspiel im Fernsehen an, dann heißt es oft: »Mensch, was macht denn der da? Das hätte ich aber anders gemacht!« Wenn man dann selber auf dem Platz steht, stellt man schnell fest, dass dies nur mit körperlicher Höchstleistung und ausgefeilter Technik zu bewerkstelligen ist. So einfach ist das »besser machen« also gar nicht.

Und das ist beim Musizieren ähnlich. Aus dem Orchester heraus werden viele sogenannte Dirigenten geboren. Da sagt man aus lauter Verzweiflung über die Unfähigkeit eines Dirigenten: Das kann ich auch! In vielen Fällen hat das seine Berechtigung. Die musikalische Intelligenz und der natürliche Instinkt des Instrumentalisten erzielen oft auf Anhieb bessere Resultate.

Dann fallen die Vorbehalte gegenüber einer dirigentischen Ausbildung weg. Denn was hat der Dirigent schon gelernt? Viele haben sich ja nicht einmal mit einer soliden Schlagtechnik beschäftigt. Sie verfügen vielleicht über eine gewisse Führungspersönlichkeit oder besitzen einfach nur die Arroganz, sich vor das Orchester zu stellen und für sich zu beanspruchen, dass sie die musikalische Weisheit mit Löffeln gegessen haben. Kompetente Autorität verdient sich nur einer, der uns alle mit auf die musikalische Reise nimmt, nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Pultnachbarn, unsere musikalischen Gegenspieler im Orchester und zuletzt natürlich das Publikum.

Hat das auch mit Eitelkeiten zu tun? Dass es einfacher für einen Musiker ist, auf jemanden »da vorne« zu achten als auf jemanden »unter sich«?

Selbstverständlich können persönliche Befindlichkeiten hier eine große Rolle spielen und dem musikalischen Leiter im Wege stehen. Dennoch ist dies nicht der eigentliche Grund, warum das Experiment daneben gehen muss. Es geht nicht nur um den Respekt gegenüber dem anderen. Wer wirklich interessiert ist an der Musik, wird jede Wahrnehmung von außen als wichtigen und hilfreichen Hinweis für sich selber anwenden und ins eigene Spiel mit einbeziehen.

Diese sensible Qualität ist gut aufeinander abgestimmten Kammermusikensembles zu eigen. Hier wirkt das demokratische Prinzip durchaus. Aber es ist nicht demokratisch in dem Sinne, dass jeder in jedem Augenblick die gleiche Berechtigung hat. Gerade das Gegenteil ist der Fall: Die Prioritäten in den Stimmen wechseln je nach Situation, je nachdem, wo gerade eine Modulation stattfindet, je nachdem, wer gerade die Hauptstimme spielt.

Die führende Stimme wandert durchs Quartett hindurch. Auf kleinem, kammermusikalischem Raum ist das umsetzbar, da die Unterschiedlichkeit der klanglichen Wahrnehmung wesentlich geringer ist als aus den zahlreichen Perspektiven innerhalb eines großen Orchesterapparats.

Der Dirigent, wie wir ihn heute kennen, ist ein relativ junger Beruf, der sich erst in der Hälfte des 19. Jahrhunderts etabliert hat – Mendelssohn Bartholdy war wohl der erste, den man als Dirigent bezeichnen kann. Was hat man denn vorher gemacht?

Die Entwicklung hat genau mit dem eben erwähnten Aspekt zu tun, dass die Orchester immer größer geworden sind. Aus rudimentär besetzten Kammermusikensembles haben sich Besetzungen mit mehreren Instrumentengruppen und Stimmverdopplungen herauskristallisiert, wodurch zwangsläufig auch die Entfernungen auf der Bühne immer weiter geworden sind. Den »Dirigent« in seiner Funktion der Vereinheitlichung hat es auch zuvor gegeben.

Das mag derjenige gewesen sein, der am Basso Continuo nur die Akkorde zum Generalbass gespielt hat und dadurch dem Ensemble wichtige Impulse im harmonischen, aber auch im metrischen und rhythmischen Sinne geben konnte. In seiner Arbeit mit den Musikern hat er die Partitur entdeckt. Oft war es aber auch der Komponist selbst, der vom Cembalo aus die Aufführung geleitet hat.

Die musikgeschichtliche Entwicklung aus der Mannheimer Schule heraus bis zu den großen Sinfonieorchestern der romantischen oder der modernen Zeit hat es erforderlich gemacht, dass sich einer auf den privilegierten Platz des Podiums begeben hat. Hier besteht letztlich die einzige Chance, die Bemühungen der einzelnen Musiker als Gesamtresultat wahrzunehmen.

War das anfangs in der Regel der Komponist der Werke?

Mit der enormen Zeitspanne, die uns inzwischen von den großen Meistern trennt, ist der Dirigent natürlich derjenige, der die Kompositionen noch in die Realität umsetzen kann, da sich der Komponist selbst ja nicht mehr an der Einstudierung beteiligen kann. Bei Aufführungen zeitgenössischer Werke ist das sicherlich anders.

Leider sind die erforderlichen Talente allerdings nicht immer gleichermaßen gepaart. Nicht alle guten Dirigenten können komponieren und nicht alle guten Komponisten besitzen eine adäquate Begabung als Dirigent. Wir erwarten ja auch nicht, dass ein fantastischer Klarinettist gleichzeitig auch hervorragend Waldhorn spielt. Es gibt unterschiedliche Begabungen, die die Menschen entwickelt haben.

In der Zeit der Klassik und vor allem während des Barock war es gang und gäbe, dass die Komponisten selbst spielerisch im Ensemble mitgewirkt und die Aufführungen geleitet haben. Ohne einen wie Mendelssohn wäre die Bach-Tradition aber unter Umständen gar nicht aufrechterhalten worden. Nur dadurch, dass einer, der nicht selbst Johann Sebastian Bach heißt, aber die Musik Bachs für die Nachwelt zugänglich gemacht hat, indem er sich mit dem Komponisten und seinen Partituren intensiv auseinandergesetzt hat, wurde das erreicht.

Das führte fast zwangsläufig zur Existenz des Dirigentenberufs. So können wir auch heute noch in die Welt Bachs, Beethovens, Mozarts nicht nur hineinschauen, sondern sie tatsächlich auch am eigenen Leibe erleben.

Wie hat sich in dem Zusammenhang die Ausbildung des Dirigenten entwickelt? Anfangs war das ja kein Ausbildungsberuf.

Die dirigentische Ausbildung ist auch heutzutage noch viel zu statisch. Der Beruf des Dirigenten wird oft als rein »exekutiv« angesehen, jemand, der den Takt schlägt, das Orchester zu Höchstleistungen motivieren kann, der sich die Partituren mithilfe bereits existierender Aufnahmen aneignet und dann nach seinem Gusto reproduziert. Nur an wenigen Ausbildungsinstituten wird den jungen Studenten oder Aspiranten der dynamische Prozess in der Musik mit auf den Weg gegeben.

Es wird kaum noch gelehrt, dass die eindeutige Direktive ausschließlich aus der Partitur, also vom kreativen Geist des Komponisten kommt. Wenn ich hier Interpretation und persönliche Präferenzen ins Spiel bringe, wenn nicht das herauskommt, was geschrieben ist, was habe ich dann noch für eine Berechtigung als Dirigent? Darüber hinaus fühlen sich viele Dirigenten ja geradezu dazu ermutigt, sich nicht mehr auf das einzulassen, was der Komponist wollte, sondern quasi eine eigene Komposition mit persönlichem Stempel daraus zu machen.

Da wird aus einem Berg ein Tal gemacht und aus einem Tal ein Berg – obwohl es der Komponist in seiner melodischen Führung, im Verlauf der harmonischen Spannung einer Modulation genau andersherum konzipiert hat. Das hat mit Interpretation gar nichts zu tun, sondern mit Ignoranz und Egozentrik der Dirigenten.

Ist das etwas, was man von den »alten Meistern« lernen kann. Dass man sich tatsächlich auf die Ursprünge zurückbesinnt?

Ja, aber was bleibt schon übrig von den alten Meistern außer ein paar Zitate oder Aufnahmen? In einigen Fällen können diese vielleicht noch aufzeigen, ob musikalische Kompetenz vorhanden war oder nicht. Wir müssen uns aber im Orchester auf alle Individuen einstellen. Wir wollen doch etwas zusammen erreichen!

Kein Klang kommt vom Dirigenten. Der Dirigent ist machtlos, wenn er sich nicht auf jeden einzelnen Musiker im Ensemble einlässt. Er muss mit jedem einzelnen gemeinsam den Weg der Partitur beschreiten. Er muss sich vollständig auf das einlassen, was im Sinne des Komponisten geschaffen wurde. Wir sind doch nicht die Kreativen, sondern lediglich Nachschaffende. Die Direktion kommt nicht vom Dirigenten, sondern vom Komponisten!

Würden Sie sich von manchem Dirigenten mehr Demut wünschen?

Nicht nur Demut und Respekt erwarte ich, sondern absoluten Einsatz. Der Dirigent muss im Grunde in dem Moment die Beziehungen der Klänge zueinander wahrnehmen, wie es der Komponist empfunden hat. Er muss sich von den musikalischen Funktionen in derselben Weise aufs Neue inspirieren lassen, sodass er schlussendlich begreift, was den Komponisten in dem Augenblick bewegt hat, als er es so aufgeschrieben hat.

Wenn ich das nicht verstehe – nicht in einem intellektuellen Sinne, sondern in einem klanglichen –, dann bleiben alle Türen und Tore verschlossen. Ich werde nie zu einem musikalischen Erlebnis kommen können.

Ist die große mediale Aufmerksamkeit, die die großen Maestros heute bekommen, dahingehend hinderlich? Ich möchte keinem Sir Simon Rattle unterstellen, dass es an Respekt mangelt, aber Nachahmer könnten auf Dinge abfahren, die nichts mit der Musik zu tun haben.

Die mediale Vermarktung ist ein Trend, der aus der Rock- und Popmusik wieder in die klassische Szene zurückgeschwappt ist. Wir benötigen diese Star-Figuren, damit sich junge Menschen überhaupt noch für Musik interessieren. Ohne das Personifizierte, ohne das Star-Bild werden viele gar nicht mehr hinter dem Ofen hervorgelockt.

Das ist natürlich tragisch für die Situation des echten menschlichen Interesses an der Musik, war aber auch zu Zeiten eines Franz Liszt oder Hans von Bülow nicht viel anders. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen einzuwenden, glaube allerdings nicht, dass dies eine Quelle der musikalischen Inspiration oder des musikalischen Lernens ist.

Die Aufmerksamkeit kann durch moderne Medien geweckt werden und den jungen Menschen unter Umständen dazu motivieren, mehr über das Geheimnis der Musik zu erfahren. Auf diesem Wege könnte ein solcher »medialer Erstkontakt« mit Sir Simon Rattle und den Berlinern also durchaus irgendwann zu einem tiefen musikalischen Erlebnis führen.

Um alle Missverständnisse zu vermeiden, auch die Leser der CLARINO werden sich fragen, was ich mit »musikalischem Erleben« denn meine: Ich spreche nicht von den Impressionen, ich spreche nicht von den wunderbaren Aufführungen, den schönen Klängen, der ausgewogenen Balance, der sauberen Intonation oder präzisen Rhythmik.

Das alles sind Fassaden und bestenfalls ein Köder, haben aber mit der musikalischen These eines Stücks oder dem Wesentlichen einer Partitur nichts gemeinsam. Sie sind lediglich Voraussetzungen, Konditionen, die wir schaffen müssen, damit Transzendenz entstehen kann. Der innere Zusammenhang, die Relationen zwischen den einzelnen Klängen, zwischen den einzelnen Harmonien, zwischen den einzelnen Teilen einer Komposition – das sind alles Bestandteile des musikalischen Erlebens.

Es tritt ein besonders glücklicher Fall ein, wenn ich alles zusammenführen und ein Ganzes entstehen lassen kann, mit dem sich mein Bewusstsein als »Eins« identifizieren kann. Alles andere sind oberflächliche Freuden, Schönheiten, die eine Stufe auf dem Weg zur Wahrheit, zur Befreiung unserer Seele sein können. Ich spreche von einem Wiederbeleben, von einem Nachschaffen dieser Eins, wie sie der Komponist empfunden hat.

Ist dieses Erleben von Musik erlernbar? Die Voraussetzungen sicherlich – aber alles andere ist vermutlich nicht mit dem Umlegen eines Schalters zu bewerkstelligen.

Musik ist nicht erlernbar. Sie ist erfahrbar. Wenn ich in einer Aufführung einen glücklichen Moment erleben darf, in dem ich mehr bekomme als nur serielle Klänge, schöne Phrasen, eingängige Melodien – dann realisiere ich genau in diesem Moment, dass ich nichts anderes mehr dazu sagen kann als »Ja, so ist es!«.

Wer dies einmal erfahren hat, wird zwangsläufig wieder danach suchen. Diese Erfahrung mit tiefem musikalischem Erleben ist einmalig in einer Weise, wie wir es vorher noch nie erlebt haben. Und diese Einmaligkeit der musikalischen Wahrheit bleibt uns ein Leben lang als Referenzsystem erhalten. Es kann sein, dass wir in unserer musikalischen Laufbahn unter Umständen 100 oder mehr Aufführungen vorbereiten müssen, bevor uns vielleicht ein Konzert in diesem Sinne gelingt.

Nun fragt man sich natürlich: Sind ein Prozent Erfolgsquote die Anstrengung überhaupt wert? Für mich persönlich würde es sich schon lohnen, wenn ich 5000 Konzerte geben müsste, um diese eine Perle zu finden. Es ist eben das wunderbare Geschenk eines solchen musikalischen Erlebnisses, dass es nicht messbar ist.

Um dahin zu kommen, muss ich mich jedoch kompromisslos auf die Komposition und ihre Strukturen einlassen und nicht als Diktator vor dem Orchester agieren. Der Komponist selbst diktiert, wo es lang geht. Die einzelnen Elemente der Komposition werden doch nicht vom Dirigenten ins Spiel gebracht. Das sind geschaffene Fakten, die der Komponist vor 100 Jahren oder auch erst vor zwei Monaten zu Papier gebracht hat. In diesem Sinne hat der Dirigent keinerlei Recht, sich auf etwas anderes einzulassen als auf dieses Testament, das wir Partitur nennen.

Das PDF enthält alle vier Artikel des Schwerpunktthemas »Der Dirigent: Lenker, Leiter, Steuermann«:

  • 09.10.2018
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2018
  • Seite 29-31

« zurück