Symphonic Rock mit Jazzbläsern

  • 26.07.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 7-8/2017
  • Seite 39

Im Rockjahr 1968 war ein reines Jazz-und-Soul-Programm kaum erfolgreich zu vermarkten. Mit einer zündenden Idee und Stil-Hopping schaffte die Band "Ekseption" um Rein van den Broek und Rick van der Linden dennoch den internationalen Durchbruch: eine Symphonic-Rock-Band mit Jazzbläsern...

"Ekseption" - Die Bandgeschichte

Am Anfang stand eine Schülerband namens "The Jokers". Der Trompeter Rein van den Broek (1945 bis 2015) hatte sie mit 13 Jahren gegründet – das war 1958. Acht Jahre später hieß die Band "The In Crowd", benannt nach dem großen Soul-Jazz-Hit von Ramsey Lewis. Man spielte Bebop, Hardbop, Soul und R&B.

Über ein Konzert von "The In Crowd" im Jahr 1966 heißt es: "Rein van den Broek spielte mit einer Hand Trompete und mit der anderen die Hammondorgel. Es war also offensichtlich, dass sie dringend einen Keyboarder brauchten." Diesen fanden sie in Rick van der Linden (1946 bis 2006). Der hatte am Konservatorium in Den Haag studiert, gab klassische Klavierkonzerte und klimperte zum Spaß ein bisschen in einem Nachtklub – Swing, Boogie, Tangos.

Mit ihm an den Keyboards ging es sofort bergauf: 1968 gewann die Band, die nun "Ekseption" hieß, zwei Preise bei einem Jazzwettbewerb. Daraufhin bot das niederländische Label Phonogram einen Plattenvertrag an.

Die zündende Idee: eine Symphonic-Rock-Band mit Jazzbläsern

Doch im Rockjahr 1968 war ein reines Jazz-und-Soul-Programm kaum erfolgreich zu vermarkten. Alle Probeaufnahmen der Band wurden von der Plattenfirma abgelehnt – man brauchte dringend eine originelle Idee.

Rick van der Linden hatte sie: Er kam gerade von einem Konzert des englischen Trios "The Nice", dessen Spezialität die Übertragung klassischer Musik ins Rock-Metier war – genau das Richtige für den Grenzgänger Rick van der Linden!

"Ekseption" allerdings bot ihm noch eine besondere Herausforderung, denn es gab ja zweieinhalb Jazzbläser in der Band. Eine heikle Balance: klassische Themen, Rock-Groove und Bläsersatz. Bandkollegen und Plattenfirma waren skeptisch. Klassische Orchester verweigerten ihre Mitwirkung. Aber Rick van der Linden glaubte an sich.

Mit Beethoven, Bach und Gershwin in die Charts

Die erste Single der Band hieß "The Fifth" und beruht auf dem Kopfsatz von Beethovens 5. Sinfonie. Ein klassisches Orchester spielt die ersten Takte (mit dem Schicksalsmotiv), dann übernimmt die Band über einem klaren Rockbeat.

Melodien aus dem Sinfoniesatz wurden (leicht angejazzt) für die Bläser der Band arrangiert, dazwischen gibt es noch Klavier- und Orgelabschnitte. Diese stilistisch kapriziöse Instrumental-Single suchte zwar erst noch ihr Publikum, doch nach einigen Monaten Radioeinsatz stürmte sie in die holländischen Popcharts, erreichte Platz 3 (!) und war 17 Wochen lang notiert.

Sogar auf Platz 1 (!) stieg die "Ekseption"-Single "Air" (nach Bach): Trompete und Sopransaxofon spielen hier die Melodie, im schnellen Mittelteil gibt es ein jazziges Klavier und einen kuriosen Cembalo-Part.

Ebenfalls ein Chartfeger wurde "Rhapsody In Blue" (nach Gershwin) mit originalem Orchesteranfang, angejazzten Bläserriffs, Klavier-Episoden, einem starken Rockbass und einem psychedelischen Schluss. Der Höhepunkt des Stücks: ein improvisiertes Jazzsolo von Rein van den Broek auf der gestopften Trompete!

Mit Stil-Hopping international erfolgreich

Alle drei dieser »Hits« mit ihren innovativen Bläserlösungen fanden sich auf dem ersten "Ekseption"-Album wieder. Dazu drei weitere Klassik-Adaptionen, die durch die rhythmische Kraft ihrer Vorlagen schon ganz von selbst grooven.

Die restlichen vier Stücke der Debütplatte bewegen sich im stilistischen Grenzgebiet zwischen Rockflöte (Rob Kruisman!) und Soul-Jazz – mit humorvoll eingestreuten Barock-Miniaturen.

Das Album hat in den Niederlanden Goldstatus erreicht und machte "Ekseption" als "Symphonic-Rock-Band" international bekannt. "Wir tourten bald nonstop", erzählte Rick van der Linden, "und unser zweites Album wurde 'on the road' geschrieben."

Mit ihrem postmodernen, ganz unpathetischen Stil-Hopping war die Band ihrer Zeit weit voraus. Zwei Jahre später übrigens haben sich die Sinfonieorchester schon darum gerissen, mit "Ekseption" zu spielen. Auf dem vierten Album war das Royal Philharmonic Orchestra London mit dabei.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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