Sechs Richtige an der Klarinette

  • 11.01.2016
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

In den 80er Jahren war die improvisierte Musik ein wahres Schlaraffenland für Bläser. Saxofonisten zum Beispiel rotteten sich damals regelmäßig in großen und kleinen Horden zusammen und stürmten die Konzertsäle und Festivalbühnen. Aber auch andere Blasinstrumente wollten nicht zurückstehen, sondern fanden zu den wildesten Kombinationen.

Gipfeltreffen für Klarinettisten

Für die Klarinette war das 1980 erschienene Album »Clarinet Summit – Live: You Better Fly Away« eine Art Startschuss zum großen Abenteuer. Sechs Jazz-Klarinettisten aus vier Ländern (USA, Italien, BRD, DDR) hatten sich zu einem Gipfeltreffen zusammengefunden – live aufgenommen in Baden-Baden und Mainz. Der Ruhm dieser Produktion lebt noch heute.

Anfang Oktober 2015 wurde das Projekt sogar wiederbelebt beim sogenannten Multiphonics Festival, das in Köln, Stuttgart und Frankfurt mit großem Erfolg gastierte. Eine gefeierte »Reunion« nach immerhin 36 (!) Jahren, auch wenn zwei der Hauptakteure leider nicht mehr dabei sein konnten. John Carter ist viel zu früh verstorben (1991), Ernst-Ludwig Petrowsky (82) fühlt sich gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe. Ende 1979, als die Plattenaufnahme entstand, lag das Durchschnittsalter der sechs Klarinettisten bei 39 Jahren.

Klarinettenkombinationen: vom Solo bis zur Bigband

»Es war unser Ziel, Klarinetten in so vielen Kombinationen wie möglich zu präsentieren«, schrieb damals der Produzent Joachim E. Berendt. In der angeregten Atmosphäre eines fünftägigen Workshops sollen mehr als 20 Stücke entstanden sein, einschließlich vieler Duos und Trios. Am Ende fanden insgesamt sechs Stücke den Weg aufs Album, darunter ein Stück für sechs Klarinetten und Klaviertrio – Bernd Konrads »Handwork« – und eines für vier unbegleitete Klarinetten – John Carters »Scenes From The Black Forest«.

Die kleinste Besetzung hier ist eine Solonummer für die Bassklarinette – Gianluigi Trovesis »Piccolo Processione«. Die größte Besetzung, das 13-köpfige Gesamtpersonal des Workshops, hört man im Titelstück »You Better Fly Away« von Bernd Konrad. Diese »Bigband« besteht aus sechs Klarinetten, einer fünfköpfigen Rhythmusgruppe und zwei weiteren Melodieinstrumenten, Violine und Posaune. »Diese beiden Instrumente sind für Kombinationen mit Klarinetten besonders geeignet«, meinte Berendt, »nicht nur im Jazz, sondern auch in der klassischen Musik.«

Die Klarinette im Jazz

Etwa bis 1945 hatte die Klarinette im Jazz eine wichtige Rolle gespielt. Das endete aber mit dem Modern Jazz, in dem sie zum Exoten wurde – deutlich geschlagen vom Saxofon. Erst mit den Umwälzungen der 1960er Jahre eröffneten sich den Jazz-Klarinettisten neue, individuelle Wege durch ein verändertes Gelände.

Sowohl John Carter wie Perry Robinson, die beiden amerikanischen Teilnehmer beim »Clarinet Summit«, waren einst Pioniere im frühen Free Jazz. Insofern gab dieses Album 1980 ein wichtiges Signal: Die Klarinette ist zurück im Jazz – und zwar so lebendig und vielseitig wie nie!

Clarinet Summit: »Das Größte, was uns Klarinettenspielern passieren konnte«

Eigenwillige Klanglandschaften, abenteuerliche Themen und exaltierte Klarinettensoli erinnern uns daran, dass die Jazzwelt von 1980 experimentierfreudiger und dissonanter war als sie es heute ist. Besonders die zweite Plattenseite verblüfft mit teilweise extremen Klangerkundungen zwischen frei improvisierter und neutönerischer Musik, ganz ohne einen durchgängigen Beat.

Leichter zugänglich ist die erste Plattenseite. Die beiden Stücke von Bernd Konrad erforschen fantasievoll und verspielt die Grenzen zwischen rhythmischem und freiem Jazz. Da gibt es spannende Themen, originelle Zusammenklänge und packende Improvisationen.

Auch Trovesis fünfminütiges Solostück auf der Bassklarinette ist eine fesselnde Etüde in Sound- und Motivarbeit. Sechs Klarinettisten, sechs Stücke, sechs verschiedene stilistische Statements – Perry Robinson bilanzierte den »Clarinet Summit« so: »Das war das Größte, was uns Klarinettenspielern passieren konnte. Wir hatten es noch nie so gut!«

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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