Schicht über Schicht

  • 05.04.2016
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

In den 1970er Jahren entwickelte sich in Manhattan eine neue Jazzszene. Ihre Musik wurde gelegentlich »Loft Jazz« getauft, denn was diese Musiker miteinander verband, war: Sie lebten, arbeiteten und konzertierten in sogenannten Lofts – leer­stehenden, günstig zu mietenden Gewerberäumen und Lagerhallen in New York City. In diesen Lofts – heute vielfach zu ­exquisiten Atelierwohnungen ausgebaut – entstanden damals alternative Galerien, Partysäle, Tanzstudios, Jazzclubs und Übungsräume.

Sam Rivers: Ein Pionier des "Loft Jazz"

Einer der Pioniere der Bewegung war der afroamerikanische Tenorsaxofonist und Flötist Sam Rivers (1923 bis 2011), ein Musiker mit einer schillernden Biografie. Rivers hat sich gleichermaßen im Blues wie im Freejazz hervorgetan, hatte 1964 im Quintett von Miles Davis gespielt ("Miles In Tokyo") und danach beim Label Blue Note Karriere gemacht. Von 1971 bis 1979 leitete er in seinem Loft (24 Bond Street) zusammen mit seiner Frau Beatrice das "Studio RivBea", das zu einem Treffpunkt der neuen Jazzszene wurde – Rivers war ihr "inoffizieller Bürgermeister".

Er selbst sagte später: "Damals gab es gerade einen großen Zustrom an Musikern. Alle beschlossen zur gleichen Zeit, nach New York zu kommen. Ich hatte diesen Veranstaltungsraum, den ich nur zum Üben benutzte, aber dann begann ich Konzerte zu organisieren, und plötzlich waren wir auf der ganzen Welt bekannt. Einer der Gründe, warum ich dieses Studio hatte, war: Ich hatte so viel Musik geschrieben und brauchte einen Ort, um sie zu üben und aufzuführen."

Der größte Teil der Musik vom Album "Colours", das erst 1982 eingespielt wurde, geisterte schon um 1973 durchs Studio RivBea. "Einige der Mitglieder des World Saxophone Quartet – Hamiet Bluiett und Julius Hemphill – gehörten zu der Gruppe, die diese Musik damals spielte. Viele Musiker spielten sie."

Winds of Manhattan: "Colours" - Saxofonmusik für ein elfköpfiges Ensemble

"Colours" ist Saxofonmusik in einem emphatischen Sinn. Die von Rivers zusammengestellten Winds Of Manhattan sind nämlich ein elfköpfiges Saxofon-Ensemble – ohne sonst etwas dabei. Es gibt keine Rhythmusgruppe, kein Klavier, keine Gitarre – nur diese Saxofone. Und doch ist die Musik durchgängig rhythmisch.

Ein Jazz-drummer könnte dazu üben, ein Congaspieler dazu solieren. Der Kritiker Ron Wynn nannte die Musik "stomping" und "swinging". Mit herkömmlichem Jazz hat sie dennoch wenig zu tun. Sam Rivers teilt sein Ensemble in einzelne Gruppen oder Sätze und führt die Gruppen poly-polyphon gegeneinander.

Manchmal legt er Schicht über Schicht. Oder er bildet hoch und tief tönende Gruppen und lässt sie einander umtanzen. Oder er bildet aus ganz tiefen und ganz hohen Stimmen bizarre Sätze. Oder er unterlegt ein Unisono-Thema plötzlich mit einem mehrstimmigen Bassfundament. Oder er verordnet dem halben Ensemble ein Zweitinstrument – Flöte, Klarinette, Oboe. Oder er bricht das Ganze ab und präsentiert als Kontrast ein völlig anders geartetes Thema. All das mit einem jazzigen, boppigen Groove: "Es gibt Orgien und Kontrapunkt", schrieb der Kritiker Lee Jeske.

"Colours" klingt zuweilen wie wild-expressionistische Orgelmusik. Da hört man durchaus auch riskante Harmonien und aggressive Dissonanzen. Sam Rivers, der einst am Bostoner Konservatorium Komposition studierte, hat mit dieser speziellen Besetzung hier vieles ausprobiert – auch Dinge, von denen er einmal gelernt hatte, dass man sie nicht machen sollte.

Hin und wieder löst er sich als Solist von seiner Saxofonorgel und spielt eine Jazz-Improvisation darüber, es gibt sogar kurze, freie improvisierte Kollektive. Aber 90 Prozent der Musik ist durchkomponiert – zwangsläufig. Denn: "Mit Improvisationen sind das sehr lange Stücke, jedes Stück könnte dann allein ein ganzes Album füllen. Deshalb haben wir die Soli herausgeschnitten. Dabei sind ja einige wirklich gute Solisten dabei."

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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