Rhythmus-Workshop von Wolfgang Schüler (3)

Ich hoffe, Sie hatten vielleicht schon das eine oder andere Aha-Erlebnis? In dieser Folge werden wir erstens die binären Akzentübungen abschließen, zweitens selbige anhand eines bekannten Beispiels anwenden lernen und drittens eine unterhaltsame und sehr nützliche Ensembleübung kennenlernen.

Zunächst ein paar beruhigende und weihevolle Worte – denn ich bekomme in meinen »realen« Workshops immer wieder diese Frage ge­stellt:

Gitter = Gefängnis?

Falls Sie sich Sorgen machen, dass Ihr Timing durch diese Übungen »maschinell und tot« klingt, kann ich Sie beruhigen: nein – egal wie gut Ihr Timing ist oder wird, Sie werden als Mensch niemals die Genauigkeit einer Maschine, eines Computers erreichen. Es wird Ihnen nicht ergehen wie den Musikern Anfang der 80er Jahre, als MIDI und Sequenzer die Bühne betraten. Stellen Sie sich vor: ein Drumcomputer, der beliebig lange Stücke spielen kann, 100 000-mal ohne einen einzigen Fehler, ohne die winzigste Temposchwankung und der einfach ALLES spielen kann! (Gleiches ließ sich natürlich auch mit synthetischen Bläsersounds, Klaviersounds machen...) Die Euphorie war groß, bis die große Enttäuschung kam: Die Schlagzeugparts der Stücke klangen merkwürdig nervig, seelenlos – und das Verrückteste: es groovte nicht! Bald musste man erkennen, dass das Timing der Maschinen ZU perfekt war. Man stelle sich vor: Die Notenplatzierung wurde nicht nur viermal pro Viertel (bei Sechzehntel-Noten) »überprüft«, sondern pro Sekunde anfangs rund 750-mal und bald 40 000-mal und mehr! Das schafft einfach kein Mensch – also keine Sorgen bitte. Das Problem wurde übrigens teilweise dadurch gelöst, dass man eine sogenannte »Humanize«-Funktion entwickelte, die ein beliebig wählbares Maß an winzigen Ungenauigkeiten einstreute. Und auf der Bühne wollten die Fans einfach einen echten Schlagzeuger sehen und nicht eine mickrige schwarze Schuhschachtel – gleiches gilt natürlich für Bläsersections.

Ein anderes Argument mag sein: »Miles Davis oder Frank Sinatra sind ja wohl oft sowas von ungenau und neben dem Takt – warum soll ausgerechnet ICH so genau spielen?« Die Antwort lautet: Die beiden Genannten konnten sehr wohl absolut genau auf den Punkt spielen bzw. singen – was sie besonders bei den durcharrangierten Teilen zeigten. Ihr »schlampiges« Timing dagegen stellten sie ganz in den Dienst der Expressivität, zum Beispiel um eine traurige Melodie noch verlorener, noch zerrissener darzustellen. Aber sie selber verloren nie die Time, den Puls – ihre Freiheit basiert auf hohem, hart erarbeitetem Können. Fazit: Da hilft kein Jammern und kein Beten, wer aufs Radl steigt, muss treten.

  • 25.03.2015
  • Tipps & Praxis
  • Wolfgang Schüler
  • Ausgabe: 4/2015
  • Seite 16-19

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