Ray Anderson und seine Chamäleon-Band

  • 16.05.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 5/2017
  • Seite 45

Im postmodernen Jazz der 1980er Jahre war Ray Anderson der Posaunist Nummer eins. Wenn er improvisierte – und zwar mit Vorliebe frech, rotzig, laut und lustig –, ­waren Oldtime und Free Jazz keine Widersprüche mehr. Seine Ausdrucksmittel, so schrieb der Kritiker Michael Bourne, reichten vom "kippenden Legato zum halsbrecherischen Staccato, von den schmutzigsten Growls zum feinsten Gewimmer".

Die spirituelle Heimat: New Orleans

Ray Anderson schien auf seiner Posaune zu sprechen, ach was: Er stöhnte, heulte, schrie und flüsterte durch sein Instrument. Traditionelle Jazzposaunisten wie Vic Dickenson und Trummy Young, die experimentelle AACM-Szene von Chicago und die elektrische Soul- und Rockmusik hatten ihn gleichermaßen geprägt.

Wenn er loslegte, gepusht von einer guten Rhythmsection, assoziierte man eine leicht beschwipste Südstaaten-Brassband. "Ich bin nicht aus New Orleans", sagte er einmal, "aber ich scheine dort eine spirituelle Heimat zu haben. Mit acht Jahren wählte ich die Posaune – schuld waren die Dixieland-Platten meines Vaters. Ich liebe diesen Sound immer noch und den Sound der New-Orleans-Brassbands."

Ray Anderson hat Dutzende von Platten gemacht und einige bemerkenswert originelle Formationen gegründet, bei denen Blues, Funk, Jungle, Free und Dixie wild zusammenschießen – etwa die Funk-Rap-Band "Slickaphonics" oder das Posaunenquartett "Slideride". Seit mehr als 20 Jahren leitet er auch seine vergnügliche "Pocket Brass Band", die nur aus drei Blechbläsern und einem Schlagzeuger besteht und das Publikum immer wieder zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

Vorläufer der "Pocket Brass Band"

Ein bemerkenswerter Vorläufer dieser Band war Ray Andersons Album "It Just So Happens" von 1987. Auf dieser Platte ist bereits die Instrumentierung der späteren "Pocket Brass Band" zu hören (Trompete, Posaune, Tuba und Drums), jedoch erweitert um einen Bassisten und einen Klarinettisten.

Was sich liest wie eine unvollständige Jazzbesetzung – es fehlen zum Beispiel Saxofone und Harmonie-Instrumente –, entpuppt sich als eine Wundertüte, in der ganz verschiedene Ensembles und Stilistiken stecken. Ein Ray Anderson kann mit vier Bläsern (und einem flexiblen Rhythmusteam) Unglaubliches anstellen – und der Schalk sitzt ihm immer im Nacken. Seine Stil-Hommagen und Sound-Parodien sind gespickt mit modernen Verfremdungen und riskanten Improvisationen.

Das Album "It Just So Happens"

Gleich im ersten Stück demonstriert Ray Anderson auf humorvolle Art die lyrisch-weiche Facette seiner Posaunenkunst. "Once In A While", eine sentimentale Swingballade von 1937, wird hier mit einem Reggae-Rhythmus unterlegt, und Ray Anderson verwandelt sich in einen Tommy Dorsey auf Cannabis.

Wenn es dazu noch eine Steigerung gibt, folgt sie später in "La Vie En Rose", der Chanson-Schnulze von 1945, die mit neckischen Ska-Riffs der anderen Bläser begleitet wird. Ein wenig angerockt klingt der Rhythmus dagegen im witzig-schrägen Titelstück "It Just So Happens", das zweifellos von der Thelonious-Monk-Mode der 1980er Jahre inspiriert wurde – auch mit der "Pocket Brass Band" spielte Anderson später Monkisches.

"Ross The Boss" wiederum lässt den süßlich-schwülen 20er-Jahre-Jungle-Sound von Duke Ellington anklingen – mit der "Pocket Brass Band" nahm Ray Anderson dann auch Ellingtons "The Mooche" ins Programm.

"Elegy For Joe Scott" ist ein bluesiger Funeral March, mit meisterlicher Freiheit und kollektiver Improvisation in die Gegenwart übersetzt. In "Raven’s Jolly Jump-Up" scheint eine New-Orleans-Brassband einen Kalypso zu spielen, während "Fishin’ With Gramps" an die Rag-Stücke der frühen Jazzkapellen denken lässt – die Klarinette (Perry Robinson) sorgt für zusätzliche Klang-"Echtheit".

Eine Chamäleon-Band wie diese garantiert musikalische Späße und Aha-Effekte auf mehreren Ebenen.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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