Rainer Tempel hat das letzte Wort

Die CLARINO-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie Ihre Brüder mit den »Ersatzbrüdern« verglichen haben?

Das habe ich noch nie gemacht. Meine ­echten Brüder sind Familie und wir haben wohl zuletzt vor 30 Jahren zusammen an Weihnachten musiziert. Die Tschopps sind Kollegen, die mich wegen ihrer musikalischen Extraklasse zu einer Band inspiriert haben. »Die Ersatzbrüder« ist einfach ein sehr griffiger Bandname, der auch der ­wahren Tatsache geschuldet ist, dass wir jeweils drei Brüder sind. Hm, jetzt habe ich es doch gerade verglichen!

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich wünschten, in einer anderen Zeit/Epoche geboren worden zu sein?

Gestern, als ich las, wer alles bei der Uraufführung vom Sacre Du Printemps zugegen war. Nämlich nicht nur Coco Chanel. Da wäre ich gern gewesen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie geweint haben?

So richtig: Als ich aus einer Band nach 160 Konzerten ausgestiegen bin. Bin dann nach einem Jahr Pause wieder eingestiegen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie über einen Musiker-Witz gelacht haben?

Ist sicher nicht lange her. Ich kann mir aber keine Witze merken, also auch nicht den Zeitpunkt ihrer Erzählung. Vermutlich irgendwas mit Bratsche.

Wann war das letzte Mal, dass Sie als Dirigent mit Musikern diskutiert haben?

Lange her. Wir stellen uns nur gelegentlich Detailfragen. Diskussionen kann es nur ­geben, wenn eine Seite schlechter als die andere vorbereitet ist. Außerdem entscheide ich gelegentlich einfach, und das scheint mir auch erwünscht.

Wann war das letzte Mal, dass Sie eine Schreibblockade hatten?

Das ist, denke ich, über 20 Jahre her. Ich brauche glücklicherweise keinen bestimmten Wochentag oder ein bestimmtes Wetter oder gar den Kuss der Muse. Ich habe Phasen, die ich für das Komponieren frei halte. Ich habe dann meist viel Zeit für konzeptionelle Überlegungen ohne Noten­papier, bevor ich anfange.

Wann war das letzte Mal, dass Ihnen die Unterschiede von Deutschen und Schweizern deutlich wurden?

Vorgestern. Meine Nachfolge beim Zürich Jazz Orchestra wird basisdemokratisch ­geregelt. Das ist aber viel mehr als eine ­Abstimmung, die Konsensdemokratie der Schweiz bringt oft längere Debatten, will keine Minderheit einfach überstimmen und zeigt sich deswegen beeindruckend kompromissfähig. Das schätze ich sehr. Die ­Regeln sind irgendwo ähnlich, deren Umsetzung hat aber eine ganz eigene Kultur.

Wann war das letzte Mal, dass Sie an Johann Sebastian Bach gedacht haben?

Heute. Ich habe errechnet, dass 1985 ein Bach-Jahr war wie auch das Jahr 2000. 300 minus 250 plus die Differenz beider Jahre gibt Bachs Gesamtalter. Darauf kam ich, weil ich über Kenton und Wagner im jetzigen Wagner-Jahr las.

Wann war das letzte Mal, dass Sie etwas Verbotenes getan haben?

Vorgestern. Ich hätte die CDs im Kofferraum vermutlich verzollen müssen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie über die tiefere Bedeutung eines »Heimat­liedes« sinniert haben?

Als ich selbst eines schrieb. Ist sonst nicht meine primäre Musikgattung, aber mit der Art, wie meines entstand, kann ich dazu stehen (es ist eine grafische Umsetzung des Höhenprofils der Schwäbischen Alb).

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich gewünscht haben, einen »ordentlichen Beruf« gewählt zu haben?

Als ich noch versucht habe, einen vermeintlich solchen zu erlernen während des kurzen Jurastudiums 1992. Hab ich dann ja auch gemacht.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich wünschten, statt des Klaviers ein Blas­instrument gewählt zu haben? 

Das nie, denn ich übe so unregelmäßig, dass ich total platt wäre. Das geht nur am Klavier so. Ich spiele ein wenig Klarinette. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie im Stadion ein Fußballspiel angeschaut haben? 

Samstag, 9.2.2013, VfB – Werder Bremen

Wann war das letzte Mal, dass Sie gedacht haben, sie müssten nun aber endlich in der Liste »Berühmte Söhne und Töchter der Stadt Tübingen« auftauchen?

Gibt es eine solche Liste? Wenn ja, dann dürfte sie recht lang sein, bevor ich da drauf müsste, angesichts der großen universitären Tradition dieser Stadt.

Wann war das letzte Mal, dass es Ihnen so richtig die Laune verdorben hat? 

Samstag, 9.2.2013

Rainer Tempel (geboren 1971 in Tübingen) ist seit fast 20 Jahren eine der kreativsten musikalischen Erscheinungen der deutschen Musik­szene. Seine Mischung aus kompositorischer Intelligenz und musikalischer Griffigkeit erlaubt es ihm, mit der ersten Garde des deutschen Jazz zusammen­zuarbeiten. Tempel begegnet dem Hörer als begeisternder Dirigent mit umfassender Kenntnis des Bigband-Repertoires ebenso wie als vielseitiger Pianist, Keyboarder und Organist (dabei fast ­immer musikalisch verantwortlich), als Auftragskomponist und Arrangeur. Er ist überzeugter Lehrer, dessen Methodik sich mit seiner Begeisterungsfähigkeit zu einer eigenen Vermittlungsart ent­wickelt hat. Rainer Tempel kennt die deutschen Jazzclubs, aber stand ebenso auf großen deutschen Rock-´n´-Roll-Bühnen, er weiß um die Gepflogenheiten am Theater und dirigierte auch klassische Orchester.

Die aktuelle CD »Polyphonic« hat er mit den »Ersatzbrüdern«, die Posaune und Baritonsaxofon spielen, eingespielt. Poly­phone Kammermusik ist es, was Rainer Tempel (Sandwichkind, dessen Brüder nicht mehr musizieren) und das Zürcher Bruderpaar Tschopp (deren mittlerer Bruder nicht mehr musiziert) zusammen machen. Musik von Rainer Tempel im Spiegel der West-Coast-Tradition und doch im Heute. Gegründet 2011. Ein Grenzgänger-Trio im doppelten Sinne.

Infos: www.rainertempel.de

  • 27.03.2013
  • Das letzte Wort

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