Prof. Nicholas J. Childs hat das letzte Wort

  • 31.12.2017
  • Das letzte Wort
  • Klaus Härtel

Das letzte Wort im Jahr 2017 hat Prof. Nicholas J. Childs. Im Interview sprach er mit uns über Geschwister-Rivalität, die unterschiedlichen Mentalitäten in Großbritannien und der Schweiz sowie die Gemeinsamkeiten von Fußball und Brassbands.

Wann war das letzte Mal, dass Sie gedacht haben: Hätte ich mal lieber »was Ordentliches« gelernt?

Als ich die Schule verlassen habe, hat mein Vater zu mir gesagt, ich könnte kein Musiker sein, bevor ich nicht einen »richtigen« Job getan hätte. Also wurde ich, als ich die Schule verließ, Bergmann. Und als ich vier Jahre in einem Kohlebergwerk gearbeitet hatte, konnte ich endlich Musiker werden.

Das war aber doch sehr ungewöhnlich – wenngleich die Brassbands und die Bergwerke traditionell zusammengehörten. Die Black Dyke Band wurde ja auch als Black Dyke Mills Band gegründet. Aber das ist 200 Jahre her. Ich wohnte damals in einem kleinen Dorf, in dem der Kohlebergbau betrieben wurde. Ein besonders schöner Job war’s nicht...

Wann war das letzte Mal, dass Sie über die unterschiedlichen Mentalitäten in Großbritannien und der Schweiz nachgedacht haben?

Die Schweizer sind sehr freundliche Menschen. Und die Schweiz ist mein absolutes Lieblingsland auf der ganzen Welt. Wenn ich England verlassen müsste, würde ich nicht lange zögern. Die Musiker hier in der Schweiz sind interessiert und haben ein sehr gutes Herz!

Damit meine ich, dass sie sehr emotional spielen. Wenn ich in die Schweiz komme, habe ich überhaupt keine Probleme, Musik zu machen. Das Verständnis ist auch ohne große Worte sofort da! Das ist aber vermutlich in ganz Europa so. In Japan ist das ein wenig anders, weil dort die Sprache ein Problem sein kann.

Wann war das letzte Mal, dass Sie Ihre zahlreichen Trophäen poliert haben?

Das ist sehr lange her. Aber es gibt tatsächlich einen Raum, in dem viele meiner Trophäen aus meiner Jugendzeit ausgestellt sind. Unter anderem den Pokal, den ich mit 16 Jahren als Eufonium-Champion von Großbritannien gewonnen habe. Das ist schier ewig her... Aber letztendlich bist du ja nur so gut wie bei deinem letzten Wettbewerb.

Im Moment arbeite ich wieder sehr hart. Ich bin niemand, für den Dabeisein alles ist. Die Wettbewerbe sind die sportliche Seite des Musikmachens. Die Konzerte sind das Leben. Doch wenn ich an einem Wettbewerb teilnehme, gebe ich ­immer alles. Ich dirigiere die erfolgreichste Band der Geschichte – doch wenn du 100 Mal gut bist, werden sich die Leute an das eine Mal erinnern, an denen du nicht so gut warst...

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich mit ihrem Bruder Robert Childs gestritten haben?

Mein Bruder ist mein bester Freund. Er ist fünf Jahre älter als ich. Als er schon 20 war, war ich also gerade mal 15 Jahre alt. Damals war das vielleicht nicht immer so. Doch schon fünf Jahre später – als ich dann 20 war – waren wir Freunde. Wir haben als die »Childs Brothers« viele Duette gespielt.

Damals gab es schon mal Situationen, in denen ich etwas sagen wollte, aber alle haben nur auf meinen älteren Bruder geachtet. Rivalität ist und war immer. Als ich anfing, Eufonium zu spielen, wollte ich immer so gut werden wie er. Und als er anfing zu dirigieren, hat er fantastische Preise abgeräumt – was ich natürlich auch anstrebte. Aber wann wir uns das letzte Mal gestritten haben, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Muss lange her sein...

Wann war das letzte Mal, dass Sie ein »Chicken Tikka Masala« hatten?

Das muss Donnerstagabend gewesen sein. Also vorgestern. Indisches Essen ist unglaublich beliebt in England. »Chicken Tikka Masala« ist eine meiner Lieblingsspeisen und es kam mit Pilaw-Reis und Onion Bhaji. »Chicken Tikka Masala« ist dabei eher ein beliebtes englisches Gericht. In der Schweiz habe ich es beim Inder noch nicht so oft gesehen. In der Schweiz aber schaue ich immer, dass ich Käsefondue bekomme. Ich liebe es!

Wann war das letzte Mal, dass Sie in Ihrem Geburtsort Usk in Südwales waren?

Usk liegt in der Nähe von Cardiff. Dass ich das letzte Mal dort war, dürfte sicherlich 30 Jahre her sein. Denn als ich ein Teenager war, sagte mein Vater beim Lunch zu meiner Mutter: »Wir werden Wales verlassen und in den Norden Englands gehen – denn dort gibt es die besten Brassbands.« Meine Mutter stimmte zu. Das war an einem Montag – am Mittwoch zogen wir um.

Wann war das letzte Mal, dass Sie eine Nacht durchgefeiert haben?

Habe ich noch nie! Ich war noch nie in einem Nachtclub! Ich habe noch nie gewettet – bei Pferderennen etwa. Ich bin eine langweilige Person. Ich stehe sehr früh am Morgen auf und ich gehe normalerweise sehr früh ins Bett. Ich bin auch nicht sehr gut auf sozialen Veranstaltungen – denn wenn ich müde werde, haue ich immer ab.

Wann war das letzte Mal, dass Sie einen Kollegen beneidet haben?

Ich beneide eine Menge Leute! Wenn beispielsweise mein Bruder gewinnt und nicht ich – dann beneide ich ihn. Wenn ich angestrebte Dinge nicht erreiche, werde ich nicht verbittert oder ärgerlich – aber ein bisschen neidisch schon.

Wann war das letzte Mal, dass Sie ein Fußballspiel angesehen haben?

Das dürfte zwei Monate her sein. Ich bin ein großer Fan von Manchester United. Das liegt vor allem an Alex Ferguson, dem ehemaligen Trainer. Es gab einmal einen Fernsehbeitrag in England, in dem die Musiker der Black Dyke Band mich als den »Alex Ferguson of Music« nannten. Und Alex Ferguson hat das zufällig gesehen – und er rief mich an: »Du bist der Alex Ferguson der Musik? Ich würde dich gerne treffen!«

Ich habe dann tatsächlich mit ihm zu Abend gegessen und es war faszinierend, zu erkennen, wie viele Übereinstimmungen es gab, wie er die größte Fußballmannschaft der Welt vorbereitet und wie ich die größte Brassband der Welt vorbereite. Manchmal ist nicht einfach nur Training. Das hat viel mit Psychologie zu tun, wie man das beste aus den Spielern herausholt. Manchmal ist es einfach zu sagen, was man will – den Unterschied aber macht die Art und Weise aus, wie man es sagt.

Nicholas Childs

erlangte als Solist, Lehrer, Dirigent und Musikproduzent höchste internationale Anerkennung. Sein aktuelles Engagement als Dirigent der Black Dyke Band zeichnet sich sowohl durch konstante Erfolge an Wettbewerben als auch durch eine Reihe von innovativen Konzerten aus. Auch die CD-Aufnahmen der Black Dyke Band zählen zu den besten ihrer Art und erhalten regelmäßig Auszeichnungen.

Als Eufoniumspieler tourte er erfolgreich mit seinem Bruder Robert. Als Dirigent gewann er die National Brass Band Championships of Great Britain sechs Mal: 1999, 2001, 2004, 2008, 2009 und 2014. 2005, 2012 und 2015 führte er die Black Dyke Band zum ersten Rang beim Europäischen Brassband-Wettbewerb. Wir trafen Nick Childs beim World Band Festival in Luzern.

www.blackdykeband.co.uk

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