Pflichtstücke für das Deutsche Musikfest - Grad 4

  • 30.10.2012
  • Werkvorstellungen
  • Joachim Buch

Die Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände (BDMV) richtet alle sechs Jahre das Deutsche Musikfest aus. Nach Trier (1989), Münster (1995), Friedrichshafen (2001) und Würzburg (2007) findet das 5. Musikfest von 9. bis 12. Mai 2013 in Chemnitz statt. Für die Wertungsspiele wurden in den Stufen 2 bis 6 je drei Wahlpflichtstücke (eine der drei Kompositionen muss als Pflichtstück vorgetragen werden) bestimmt.

Schwierigkeitsgrad 4

Für die Stufe 4 wurden drei stilistisch sehr unterschiedliche Wahlpflichtstücke bestimmt:

a) A City’s Inspiration von Andrew Noah Cap

Andrew Noah Cap wurde als Nachkomme deutscher Einwanderer 1969 in Südafrika geboren. Bedingt durch eine berufliche Veränderung des Vaters zog die Familie 1973 an die Mosel. Nach mehrmaligem Pendeln zwischen Deutschland und Südafrika und verschiedenen Ausbildungen als Musiker und Tontechniker arbeitet er seit 2004 als Trompetenlehrer an der Musikschule Meckenheim-Rheinbach-Swisttal in der Nähe von Bonn.

Bonn und seine inspirierende Innenstadt gaben der Komposition denn auch ihren Namen. Die sehr launig geschriebene Werkeinführung weckt Erwartungen auf ein sehr originelles und witziges Werk ... und diese Erwartungen werden durchweg erfüllt. Ein Auszug:

„Ausgerechnet an einem sonnigen Samstagvormittag, an dem ein zur Gänze unschuldiger Komponist vom Vorhaben getrieben, einen Cappuccino zu trinken, sich einen Weg durch die Bonner Innenstadt bahnt, versammeln sich Schnell- und Langsamgeher an eben diesem Ort, um ein Kräftemessen der wahrlich absonderlichen Art zu veranstalten.“

Entsprechend quirlig beginnt das Stück. Das Hauptthema, in dessen Begleitung sich immer wieder Reminiszenzen an George Gershwins „Amerikaner in Paris“ einschleichen, erklingt zunächst weitgehend Unisono in Klarinetten und Altsaxofonen (Notenbeispiel 1).

Cap verarbeitet das Thema auf vielfältige Weise und erzeugt dabei durch außergewöhnliche Kopplungen von Instrumenten immer wieder neue Klangfarben. Auch rhythmisch ist er sehr kreativ und sorgt beispielsweise durch kurze Akzentuierungen in 3 + 3 + 2 ab Takt 87 für einen Hauch von Polyrhythmik, wenn in den Klarinetten ein wenig Walzer-Rhythmus durchscheint (Notenbeispiel 2).

Der Komponist spielt weiter sehr kreativ mit dem motivischen Material. Ab Takt 228 wird das Tempo ein wenig aus der Musik herausgenommen und die Vortragsbezeichnung „lightly“ spricht hier für sich. Hier werden zweifellos die in der Einführung erwähnten „Langsamgeher“ in den Mittelpunkt gerückt und ein gemütliches Schlendern beschrieben. Statt einen Posaunisten mit lässigem Glissando in den Vordergrund zu stellen, schreibt Cap ein kurzes Solo für Fagott, das schon seit jeher auch für ironisch-spöttische Momente in der Musik eingesetzt wurde (Notenbeispiel 3, ab Takt 230; man beachte im 3. Takt den „Stolperer“ in der Bassklarinette).

Ab Takt 253 erfolgt eine Temposteigerung auf 144 mit motorischen Achtel-Bewegungen, die an entsprechende Stellen aus der Musik zu „Das Dschungelbuch“ erinnern. Die Fußgängerzone als teil des Großstadt-Dschungels wäre hier jedenfalls keine allzu abwegige Assoziation. Nach einer Art Stretta folgt in Takt 300 als Höhepunkt des Stücks das in der Einleitung erwähnte Solo für „Tuba d’amore“, was natürlich von einem höhensicheren Es-Tubisten gespielt werden sollte. Vielleicht tut es auch ein Eufonium, aber das möge jeder Dirigent für sich selbst entscheiden (Notenbeispiel 4).

Der Cappuccino scheint beruhigend zu wirken, denn es geht mit der Vortragsbezeichnung „peacefully“ weiter. Ab Takt 331 ist das hektische Treiben der Fußgängerzone musikalisch wieder präsent. Andrew Noah Cap lässt sein Stück jedoch nicht  so ausklingen und bremst kurz vor Schluss noch einmal ab auf Termpo 76. In den letzten beiden Takten erklingt in der ersten Flöte als besondere Verfremdung das Kopfmotiv aus Luigi Boccherinis berühmtem Menuett (Notenbeispiel 5).

 

 

b) Collage for Band (Tetsunosuke Kushida)

Der Japaner Tetsunosuke Kushida wurde 1935 in eine musikalische Familie geboren und erlernte frühzeitig den Umgang mit den traditionellen japanischen Instrumenten. Parallel zum Mathematik-Studium in Kyoto erhielt er Kompositionsunterricht. Seine Musik basiert großteils auf der Tradition der japanischen Musik. In Europa wurde er erstmals 1995 „Autum in Kyoto Palace“ bekannt, das bei den Internationalen Festlichen Musiktagen Uster uraufgeführt wurde.

Der Komponist gibt in der Partitur einige Aufführungshinweise, die hier auszugsweise wiedergegeben seien:
„Ich habe in diesem Werk Themen einiger alte Volkslieder aus dem Nordosten Japans verwendet...Das Werk besteht aus einer langsamen ersten Hälfte, schnellen tänzerischen Abschnitten in der zweiten Hälfte und einer Coda... Die Melodie des Altsaxofons ab Buchstabe B (Notenbeispiel 6) wird im Original auf einer Shakuhachi gespielt, einer traditionellen japanischen Bambusflöte.

Das Flötensolo in Abschnitt C (Notenbeispiel 7) soll ebenfalls mit viel Rubato gespielt werden.

Die Melodie beruht auf dem Volkslied ‚Nanbu ushioi uta’. Abschnitt D soll sehr romantisch interpretiert werden. Am Ende den Nachklängen (v.a. im Schlagzeug) Raum lassen (Notenbeispiel 8). Ab Buchstabe E ist ein kräftiger rhythmischer Drive nötig.“

Für den weiteren Verlauf des Stücks empfiehlt der Komponist, im Schlagzeug nach Möglichkeit japanische Trommeln zu benutzen, gibt aber auch nach Möglichkeit „westliche“ Alternativen an.

c) Toccata (Girolamo Frescobaldi / Arr. Earl Slocum)

Girolamo Frescobaldi (1583-1643) ist einer der berühmtesten italienischen Komponisten des Frühbarock. Er schrieb u.a. zahlreiche Orgeltoccaten, wobei das vorliegende Werk, das Earl Slocum 1956 für die University of North Carolina Band bearbeitete, nachweislich nicht von ihm stammt. IM Internet-Portal „Wind Repertory Project“ ist über das Werk folgendes zu lesen:

„Dieses Stück erschien zuerst als ‚Girolamo Frescobaldi’s Toccata’ in einer Sammlung von sechs Stücken für Violoncello und Klavier von Gaspar Cassado. Hans Kindler, der damalige Dirigent des National Symphony Orchestra, erkannte das Potenzial des Stücks und bearbeitete es für Orchester. Es wurde 1942 im Verlag Mills Music mit der Anmerkung veröffentlicht ‚Frei bearbeitet für Orchester von Hans Kindler.’ 14 Jahre später bearbeitete Earl Slocum das Stück für die University of North Carolina Band. In einem brief vom 3. April 1989 gab Slocum zu: ‚Ich habe schon seit Jahren gewusst, dass Frescobaldi nicht der Komponist war. Ich habe es für mich behalten und nur wenigen Freunden davon erzählt. Meinem Universitätskollegen Dr. William Newman gab ich die Erlaubnis, die wahren Tatsachen zu enthüllen.’ Über viele Jahre haben zahllose Dirigenten, Musikwissenschaftler und Arrangeure die Authentizität von Frescobaldis Toccata angezweifelt. Im Dezember 1968 eröffnete die Duke University Band ein Konzert mit diesem Werk, wobei man im Programmheft die Partitur Cassado zuschrieb. Nach vielen Jahren der Forschung sagte Robert Halseth, dass die Toccata trotz aller Diskussionen um die Autorenschaft ein reizvolles und interessantes Werk sei.“

Das Werk beginnt mit einigen vollstimmigen Akkorden im Grave. Beim angegebenen Tempo 48 wäre es dirigiertechnisch zu überlegen, die Schlagzeiten evtl. zu unterteilen. Ein Allegro giusto, acht Takte nach Buchstabe A ist der erste schnelle Abschnitt des Stückes. Das Hauptthema erklingt zunächst in den Hörnern (Stichnoten in den Saxofonstimmen), dann in den Kornetten, die man in diesem Stück durchaus auch mit Flügelhörnern besetzen kann.

Es wechseln sich mehrere langsame und schnelle Teile ab, in denen dynamischer Wechsel eine große Rolle spielt, vor allem vor dem Grave ab Buchstabe H. Diese freie Reprise der Einleitungstakte steht nun im 8/8-Takt. Hier ist also eine Unterteilung der Schlagzeiten auf jeden Fall nötig. Nach längeren 32stel-Kaskaden in Flöte und Klarinette folgt eine Reprise des Allegro giusto, die zu einem pathetischen Schluss führt. Dieser steht nicht in der Einleitungstonart c-Moll sondern im parallelen Es-Dur.

Die Notenbeispiele veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des HeBu Musikverlags sowie Brain Music im europäischen Vertrieb des Rundel Musikverlags.

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