Pflichtstücke für das Deutsche Musikfest - Grad 3

Die Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände (BDMV) richtet alle sechs Jahre das Deutsche Musikfest aus. Nach Trier (1989), Münster (1995), Friedrichshafen (2001) und Würzburg (2007) findet das 5. Musikfest von 9. bis 12. Mai 2013 in Chemnitz statt. Für die Wertungsspiele wurden in den Stufen 2 bis 6 je drei Wahlpflichtstücke (eine der drei Kompositionen muss als Pflichtstück vorgetragen werden) bestimmt.

Schwierigkeitsgrad 3

Die Wahlpflichtstücke der Stufe 3 stammen von Komponisten aus drei verschiedenen Regionen: 

a) Renaissance Suite (Franco Cesarini)

Der Tessiner Komponist und Dirigent, der in Blasorchesterkreisen nicht mehr vorgestellt zu werden braucht, hat vier Stücke von unbekannten Renaissance-Komponisten in das Klanggewand des modernen Blasorchesters gekleidet. Rein spiel- und notentechnisch bietet die gesamte Suite nicht allzu viele problematische Stellen. Wer sich als Dirigent jedoch bisher noch nicht mit der Musik der Renaissance beschäftigt hat, sollte dies vor der Beschäftigung mit Cesarinis Suite nachholen, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Aufnahmen von Werken der „Großmeister“ dieser Epoche (Palestrina, Lassus u.a.) findet man problemlos in Online-Musikbörsen.

Der erste Satz „Vive Henri IV“ (Original aus der Zeit um 1590) ist im Stil einer Pavane gehalten und beginnt mit einem achttaktigen Solo auf der Tenortrommel. Man kann hierzu die Stand-Tom eines Drumsets benutzen, aber auch eine Spielmannstrommel oder ein anderes historisches Instrument kämen hier in Frage. Beherrscht wird der Satz von einem achttaktigen Thema, das zuerst im vollen Blech erklingt (Notenbeispiel 1).

Ab Takt 25 übernehmen die Holzbläser das Thema. Cesarini setzt die Basslinie in Bassklarinette, Fagott, Baritonsaxofon und – eine Oktave tiefer – den Kontrabass. Die Kontrabassstimme ist in Form von Stichnoten in der Tuba notiert – falls weder ein tiefes Holzblasinstrument noch ein Streichbass vorhanden sein sollte. Je nach Besetzung gilt es hier auszuprobieren. Nachdem das Thema insgesamt sechs Mal in verschiedenen Instrumentationen erklungen ist, folgt eine kurze Coda (Meno mosso), die, wie in der Musik dieser Zeit üblich, in Dur endet (Notenbeispiel 2).

„Kemp’s Jig“ heißt der zweite Satz, beruhend auf einer Melodie, die um 1600 entstanden ist. Er wird ebenfalls von nur einem Thema dominiert, zunächst in sehr dünner Instrumentation (3 Bläser plus Schlagzeug; Notenbeispiel 3). Die Oboe in der Oberstimme sollte wenn irgend möglich besetzt werden, um den historisierenden Charakter der Musik zu wahren. Das Alternativ-Instrument Klarinette ist hier wirklich nur eine Notlösung. Nach einem Zwischenspiel (Takt 17 bis 20) instrumentiert Cesarini das Thema in parallelen Quinten und Oktaven in Piccolo, Flöte und gestopfter 1. Trompete. Ab Takt 37 folgt eine quasi impressionistische Version in parallelen Dreiklängen, die nach einem kurzen Accelerando (Takt 46 f.) zu einer Stretta  mit Temposteigerung von 116 auf 132 führt.

Das älteste der vier Stücke bildet die Grundlage des dritten Satzes: „Canario“ erklingt nach einer langsamen Einleitung im Gigue-artigen 6/8-Takt. Über einer rhythmisch pointierten Begleitung in den Fagotten (gekoppelt mit Euphonium und Tuba) und dem Schlagzeug erklingt das Thema zunächst in der Oboe (Stichnoten in Klarinette 1), dann in Flöten und Trompete 1 (Notenbeispiel 4).

Der Finalsatz „Bransle de Chevaux“ ist ebenfalls von nur einem Thema dominiert. Cesarini gestaltet die Begleitung hier harmonisch wieder etwas „moderner“. Über „Hörnerquinten“, die nach unten oktaviert in Fagotten, Euphonium und Tuba erklingen, spielen die Klarinetten in parallelen Dreiklängen, bevor das Thema des Satzes im Englischhorn (alternativ: Altsaxofon) erklingt (Notenbeispiel 5). In einer sich zunehmend verdichtenden Instrumentation wird das Thema zu einer furiosen Stretta geführt, in der vor allem die Hörner Gelegenheit zum Brillieren haben. Der 1. Hornist sollte allerdings sehr höhenfest sein: Das notierte g’’ ist fast Standard, dreimal wird auch das a’’ verlangt.

b) Divertimento Veneziano (Reinhard Summerer)

Der 1971 geborene Steirer Reinhard Summerer hat sowohl eine klassische als auch eine Jazzausbildung. Seit Ende der neunziger Jahre hat er sich nach und nach einen Platz in der internationalen Blasmusikszene erobert. Das 2008 entstandene und im Verlag Kliment erschienene „Divertimento Veneziano“ wirft einen Blick auf das heutige Venedig, das man allerdings nicht losgelöst von seiner Geschichte betrachten kann. Vorzutragen sind in Chemnitz die beiden Ecksätze 1 und 6 sowie zwei weitere Sätze nach Wahl.

Im ersten Satz „Ouvertüre“ soll ein Vorgeschmack auf die italienische Leichtigkeit gegeben werden. Nach einer markanten, vom hohen Blech dominierten Einleitung (Notenbeispiel 6) erklingt dann auch eine Passage, die durchaus aus einem italienischen Konzertmarsch stammen könnte (Notenbeispiel 7). Nach einer Wiederholung der Einleitung erscheint ab Takt 66 bzw. Buchstabe D in der 1. Klarinette ein neues Thema, das – würde es sich hier um einen Marsch handeln – durchaus in einem Trio Platz hätte. Mit einer Reprise des Einleitungsthemas klingt der Satz kraftvoll aus.

Durch den zweiten Satz „Masquerade“ weht ein Hauch von Melancholie. Das dominierende Walzerthema erinnert in seinem Gestus an die beiden Walzer aus der „Suite für Promenadenorchester“ von Schostakowitsch. Die Erinnerung wäre wohl noch stärker, wenn das Thema (Notenbeispiel 8) statt vom Flügelhorn vom Altsaxofon gespielt werden würde. Kurz vor Ende des Satzes ist es jedoch so weit: Ab Buchstabe F (Takt 45) erklingt das Thema im Altsaxofon.

In zwei kontrastierende Abschnitte gliedert sich Satz Nr. 3 „Canale Grande“. Ein Moderato maestoso in den tiefen Instrumenten beschreibt ab Takt 2 das imposante Erscheinungsbild. Nicht vergessen werden soll laut Komponist in diesem Zusammenhang der Schiffsverkehr auf diesem Kanal. Ab Buchstabe A wechselt das Tempo auf Alla marcia und ab Buchstabe B erklingt in den Holzbläsern ein Marschthema (Notenbeispiel 9). Nach einem Seitenthema in der Dominante G-Dur wird das erste Thema ab Buchstabe F wiederholt.

Tonmalerisch geht es weiter im 4. Satz, in dem der Sonnenuntergang mit dem Blick in Richtung Lido dargestellt wird. Nach einer zweitaktigen Einleitung wandert ein Motiv aus vier Achteln und zwei Vierteln durch verschiedene Instrumente, unterlegt mit einer sehr romantischen Harmonisierung (Notenbeispiel 10). Orchester, denen Klangarbeit wichtig ist, können sich mit diesem Satz sehr gut in Szene setzen.

Erwartungsgemäß in einem sehr bewegten Tempo ist der 5. Satz „Piazza San Marco“ gestaltet. Das pulsierende Leben auf diesem touristisch wohn bedeutendsten Platz Venedigs wird durch zwei Themen geprägt: ein Ostinato, das im Tenorblech beginnt und nach und nach durch alle Register wandert sowie ein zwischen Dur und Moll wechselndes Thema, das nach der Einleitung des Satzes erstmals im Altsaxofon erklingt (Notenbeispiel 11).

Dem letzten Satz im Allegro vivace mag man in anderem Zusammenhang gerne als „Rausschmeißer“ bezeichnen, da er jedoch den Titel „Labirinto“ (Labyrinth) trägt, weist er eher auf einen gegenteiligen Effekt hin: Man kann von der Stadt so fasziniert sein, dass man die Orientierung verliert und gar nicht mehr hinaus findet. Nach einem hektischen Thema im hohen Holz und hohen Blech (Notenbeispiel 12) tauchen verschiedene Themen aus früheren Sätzen wieder auf. Mit dem Kopfthema der Ouvertüre schließt der Satz und das ganze Werk.

c) The Chase through Albemarle! (Barry Kopetz)

Der 1951 geborene Barry Kopetz ist seit 2001 Professor an der Capital University in Columbus im US-Bundesstaat Ohio. Er wurde vielfach ausgezeichnet für seine pädagogisch orientierten und für Jugendorchester geeigneten Kompositionen. Sein bekanntestes Werk ist „The Raven“ (nach der Erzählung von Edgar Allen Poe).

„The Chase through Albemarle!“ (erschienen bei Ludwig Music) liegt vom Schwierigkeitsgrad her über dem Niveau vieler Jugendblasorchester. Das Thema der Stücks hat jedoch viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun, so dass es sich auch für spezielle Themenkonzerte sehr gut eignet. Anders als beispielsweise beim „Great Locomotive Chase“ von Robert W. Smith“ geht es hier um Jugenderinnerungen: unbeschwertes Spielen und Herumtollen von Kindern in der freien Natur. Albemarle ist ein landschaftlich sehr reizvoller District im Bundesstaat Virginia.

Beim ersten Durchschauen wirkt das Stück wie hunderte anderer Mittelstufenwerke aus den USA mit stereotyper schnell-langsam-schnell-Gliederung. Es ist jedoch um einiges differenzierter gestaltet. Nach der Einleitung übernimmt die 1. Klarinette das Thema, begleitet von Alt- und Tenorsaxofonen.  Fagott und Baritonsaxofon haben im diesem Abschnitt immer wieder Achtelbewegungen in Oktaven zu spielen, parallel dazu eines der Stabspiele. Welches eingesetzt wird, lässt der Komponist offen, aber wenn man weder die genannten tiefen Hölzer noch ein Stabspiel besetzt hat, könnten im Orchesterklang einige „Löcher“ entstehen.

Intonationssicherheit ist im Grave ab Takt 31 gefragt, wo in Flöten, Klarinetten und Hörnern in Cluster aufgebaut wird. Nur wenig später nutzt Kopetz eine auf komplementären Rhythmen aufbauende Kompositionstechnik. In der Art eines mittelalterlichen Hoquetus spielen Flöten und Klarinetten ab Takt 52 gegeneinander.

Ein kurzes Lento, basierend auf dem Begleitrhythmus der Saxofone aus Notenbeispiel 14, gewinnt schnell wieder an Fahrt und macht ab Takt 95 Platz für eine groß angelegte Reprise.

Die Notenbeispiele veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Verlage Mitropa Music im Vertrieb von De Haske Hal Leonard und Musikverlag Kliment.

  • 10.10.2012
  • Werkvorstellungen
  • Joachim Buch

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