Personalentwicklung im Verein - vom traditionellen zum modernen Ehrenamt (1)

  • 24.01.2013
  • Spezial
  • Jessica Gießer

Die Gesellschaft ändert sich – mein Verein auch?

Vereine sind ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Sie selbst sind wahrscheinlich in einem Musikverein aktives oder förderndes Mitglied. Wir sind gerne ehrenamtlich tätig. Aber einmal Hand aufs Herz: Wäre es nicht doch schöner, wenn mehr Jungmusiker aktiv wären oder wenn mehr helfende Hände beim Festzeltaufbau und auch -abbau da wären? Wie sieht es denn mit den Ämtern im Verein aus? So eine große Auswahl an Freiwilligen gibt es doch in Wirklichkeit gar nicht, oder? Nicht immer schreien alle „Hier!“, wenn es um Funktionen im Verein geht.

Dieser Gedanke brachte mich dazu, mich intensiver mit dem Vereinswesen auseinanderzusetzen und meine Masterarbeit im Fernstudiengang Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen an der Technischen Universität Kaiserslautern in diesem Bereich zu verfassen. Der Titel lautet: „Personalentwicklung im Verein - Der Vorstand im Spannungsverhältnis zwischen Ehrenamt und Professionalität“.

Insgesamt greife ich in dieser Online-Serie drei Teilaspekte heraus: In diesem Artikel geht es um die Änderungen in der Gesellschaft und deren Auswirkungen auf das Vereinswesen. Der zweite Artikel wird einen Überblick über die systematische Personalentwicklung und Personalentwicklungsinstrumente geben. Der dritte Artikel wird sich intensiv mit dem Thema Zielvereinbarungen im Verein beschäftigten.

In diesem ersten Artikel möchte ich Sie mitnehmen auf eine Zeitreise von der Entstehung der Vereine bis hin zum heutigen Vereinswesen, immer auch im Hinblick darauf, wie sich die Vereine mit der Gesellschaft verändert haben. Vereine müssen sich genau jetzt oder in naher Zukunft wieder ändern, um weiterhin ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft zu sein.

In der Hamburger Armenverordnung von 1788 wurden erstmals ehrenamtliche Helfer erwähnt. Um 1808 wurde in der preußischen Städteverordnung das bürgerliche Ehrenamt festgeschrieben. Der aufbegehrenden Stadtbevölkerung wurde dies vom absolutistischen Staat als Angebot zu mehr Selbstverwaltung unterbreitet. In lokalen Angelegenheiten konnte die Stadtbevölkerung auf ehrenamtlicher Basis mitentscheiden. Kulturhistorisch war die Armenhilfe ein selbstverständlicher Bestandteil des Katholizismus. Es war die ethische Verpflichtung der Bürger, sich um Arme zu kümmern. Die Einstellung der Gesellschaft änderte sich mit dem Einzug des Protestantismus und des wirtschaftlichen Liberalismus. Die Industrialisierung begann und die damit verbundene Landflucht. Armut galt als selbstverschuldet und die Armenhilfe nicht mehr als religiöse Aufgabe. Bereits um 1893 schloss sich eine Gruppe von Frauen zusammen, die das Ehrenamt vom Dilettantismus befreien wollte. Das Ehrenamt sollte sinnvoll organisiert werden. Um dies zu erreichen, wurden bereits damals Schulungen für die Frauen veranstaltet.

Hingegen sind die Anfänge des Vereinswesens Mitte des 18. Jahrhunderts zu datieren. Damals waren Vereine eine neuartige und soziale Organisationsform. Die Organisationsform war durch freiwilligen Ein- und Austritt gekennzeichnet. Vereine machten ein Zusammenwirken von Menschen, unabhängig von Herkunft und Status, möglich – für das 18. Jahrhundert eine revolutionäre Entwicklung. Die Weimarer Republik war eine Hochzeit der Vereine im Gegensatz zum klassischen Ehrenamt, welches durch Wohlfahrtsverbände, also staatlich organisiert, abgelöst wurde.

Während des Nationalsozialismus ging die Zahl der Vereine deutlich zurück, stieg aber erfreulicherweise sofort nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wieder an. Ein weiterer Einbruch bei den Vereinen war in den 1960er und 1970er Jahren zu verzeichnen. Dies wird auf den Beginn der Bürgerbewegungen zurückgeführt. Außerdem galten Vereine als kleinbürgerlich und verstaubt. Mitte der 1970er Jahre nahmen die Gründungen wieder zu. Historisch betrachtet gab es immer Auf- und Abwärtsbewegungen im Vereinswesen. Die Frage ist: Wie können wir es erreichen, dass wir uns nicht in einer Abwärtsbewegung befinden?

Vom traditionellen zum modernen Ehrenamt

Experten weisen in der Literatur darauf hin, dass es immer schwieriger wird, neue und jüngere Mitglieder zu finden. Die heutige „normale“ Form des langfristig angelegten Zusammentreffens einer Gruppe mit einem Mindestmaß an Organisation (= Definition Verein) wird als traditionelles Ehrenamt verstanden. Ist es dann nicht an der Zeit, vom traditionellen in das moderne Ehrenamt überzugehen?

Ich bezeichne mich selbst als ein Kind des traditionellen Ehrenamts. Es war und ist für mich ganz selbstverständlich, dass ich Zeit in den Verein investiere. Allerdings gibt es auch Zeiten, da fällt es mir schwer, mich zu motivieren. Ich glaube, so geht es wahrscheinlich allen Ehreamtlichen von Zeit zu Zeit. Was ist dann aber die Motivation, die uns beflügelt, trotzdem die Zeit für den Verein aufzubringen?

Früher ging es um das Helfen und das Miteinander an sich. Man unterstellte altruistische (selbstlose) Motive als Beweggrund. Seit einiger Zeit dürfen auch nicht-altruistische Motive offen genannt werden. Der Individualismus hat in die Vereine Einzug gehalten. Es geht auch um Anerkennung und/oder Selbstverwirklichung. Es wird laut und zu Recht gefragt, was einem der Verein zurückgibt.

In der Literatur findet man öfters die Aussagen, dass es nicht nur ein Motiv, sondern eine Mehrzahl an Motiven gibt, warum sich Menschen im Verein engagieren. Ich möchte Ihnen kurz einen Überblick geben über die zehn Motive nach Auerbach , abgedruckt in „Jugend ohne Amt und Ehre" von Auerbach und Wiedemann aus dem Jahr 1996. Außerdem habe ich möglichst kurze Aussagen von Ehrenamtlichen zum Verständnis hinzugefügt.

Und welche Motive passen auf Sie? Welche Motivbefriedigung kann Ihr Verein Ihnen bieten? Allein die geänderten Motive zu betrachten, um den Strukturwandel des Ehrenamts zu verstehen, reicht nicht aus. Die gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnisse haben sich außerdem geändert.

Während meiner Recherche traf ich auf die Unterscheidung zum einen in „Lebenslagen“, zum anderen in „Settings“. Mit „Lebenslagen“ ist gemeint, dass das Ehrenamt neben der grundsätzlichen Motivation auch in die momentane Lebenslage des Ehrenamtlichen passen muss. Als Beispiel kann ein ehrenamtlich Tätiger herangezogen werden, welcher sich momentan auf dem Weg zum Abitur befindet und plant, danach eine Weltreise zu machen. Er befindet sich in einer nicht konstanten Lebenslage. Für die Übertragung einer mittel- bis langfristigen Funktion innerhalb des Vereins ist er nicht geeignet. Ein anderes Beispiel sind Personen, welche in den Ruhestand eingetreten sind. Sie sind von den beruflichen Verpflichtungen befreit und somit grundsätzlich geeignet, ein Ehrenamt anzunehmen.

Ein zweiter Bezugspunkt ist das „institutionelle Setting“. Neben der Motivation und der Lebenslage müssen sich auch der Verein und die „organisatorische Verfasstheit“ mit der ehrenamtlich arbeitenden Person ineinander fügen. Es ist zu lesen, dass diese neuen Modifikationen des Ehrenamts sich auf die Inhalte und Arbeitsformen auswirken. Das Themenspektrum hat sich ausgedehnt, z. B. auf den Umweltschutz. Somit gibt es mehr Gebiete, die des Engagements der Menschen bedürfen, aber die gleiche Anzahl von Freiwilligen.

Ich gehe davon aus, dass die langfristige Mitgliedschaft an Attraktivität verloren hat, das Engagement der Freiwilligen ist zeitlich befristet und die Freiwilligen möchten sich jederzeit wieder herausnehmen können. Eine langjährige Verpflichtung möchte man nicht eingehen, da Veränderungen im eigenen Leben nicht vorhersehbar sind.

Eine meines Erachtens nach recht negative Auflistung über unsere Gesellschaft habe ich in der Literatur ( Notz, R. „Die neuen Freiwilligen. Das Ehrenamt – Eine Antwort auf die Krise?“ aus dem Jahr 1999 gefunden. Trotzdem möchte ich Ihnen diese Auflistung nicht vorenthalten: Dort werden für die Abwehr gegen das traditionelle Ehrenamt und die Zuwendung zum modernisierten Ehrenamt folgende Trends verantwortlich gemacht:

  • zunehmende Individualisierung
  • veränderte Ansprüche der Fun-Generation
  • einen Wertewandel hin zu „hedonistischen Moralen“
  • ein Bedeutungsverlust traditioneller Gemeinschaften wie Familie, Nachbarschaft, Kirchengemeinde, Verbände und Vereine und damit einhergehend
  • ein Zerfall gewachsener sozialer Netzwerke

Jedoch sind diese Punkte nicht alleinschuldig. Wir müssen begreifen, dass sich die Gesellschaft geändert hat, um den Verein auf diese veränderte Gesellschaft anzupassen.

Seit den 1950er Jahren gab es drei wesentliche Faktoren, die ursächlich für die soziostrukturellen Veränderungen sind, die sich auch auf das Ehrenamt auswirken.

  • Neuer Freizeitkonsum, Urlaub und Konsumgüter sind aufgrund des überproportional steigenden Einkommens und steigendem Lebensstandard realisierbar. Es ergeben sich wesentlich mehr Spielräume und Freizeitaktivitäten.
  • Ansteigende geografische und soziale Mobilisierung. Individuen lösen sich von ihrem klassen- und konfessionsbezogenen Lebensmilieu.
  • Motor der Individualität ist die Bildungsexpansion. Durch höhere Bildung werden Reflexions- und Selbstfindungsprozesse ausgelöst.

Ich bin der Meinung, dass einige Vereine den Wandel vom traditionellen zum neuen Ehrenamt noch nicht vollzogen haben. Es gibt einen Aufklärungsbedarf und es müssen neue Möglichkeiten aufgezeigt und entwickelt werden. Die Vereine müssen neue Strukturen schaffen und auf die Motivlage der Ehrenamtliche eingehen, um sich der Gesellschaft anpassen.

Jetzt denken Sie eventuell: „Alles ganz nett, aber leichter gesagt als getan!“ Ja, da haben Sie recht! Es ist nicht einfach, mit der Gesellschaft mitzuhalten. Aber es gibt Wege. Viele sind wahrscheinlich noch gar nicht erfunden, aber einige schon. Und da hilft es auch mal über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich dann intern im Verein zu fragen, wohin es es denn in Zukunft gehen soll.

Ich glaube fest daran, dass Menschen grundsätzlich – aus welchen Motiven heraus auch immer – gerne Zeit in Vereine investieren. Sei es als aktive Musiker, bei der Jugendausbildung oder in der Vereinsverwaltung. Die Gesellschaft wendet sich nicht grundsätzlich vom Vereinswesen ab, jedoch sollte das Prinzip des Gebens und Nehmens gelebt werden.

Vereine müssen sich mit der Gesellschaft ändern, um in der Gesellschaft verwurzelt zu bleiben. Es gibt sicherlich Vereine, welche sich bereits auf die veränderten Bedingungen eingestellt haben und als gutes Vorbild vorangehen können. Für alle anderen würde es mich sehr freuen, wenn Sie den Artikel als Initialzündung ansehen, um langsam und behutsam Ihren Verein in das moderne Vereinswesen zu führen. 

Diese Serie ist ein Auschnitt aus dem E-Book "Personalentwicklung im Verein - Der Vorstand im Spannungsverhältnis zwischen Ehrenamt und Professionalität" von Jessica Gießer.

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