Oliver Waespi hat das letzte Wort

  • 22.08.2012
  • Das letzte Wort

Die clarino-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich über die Interpretation eines Ihrer Werke so richtig gefreut haben?

Highlights der letzten Zeit waren sicher die packenden Aufführungen von »Audivi Media Nocte« durch die Brassbands Manger und Schoonhoven beim Europäischen Brassband-Wettbewerb in Rotterdam. Freude haben mir auch die wunderbar musikalische und klangschöne Umsetzung meines Tubakonzerts »SONAR« durch den Tubisten Perry Hoogendijk sowie die Uraufführung meines Stücks »La Partenza« für Sinfonieorchester durch den Eidgenössischen Orchesterverband bereitet. Es kommt aber auch sonst recht oft vor, dass ich mich über Interpretationen meiner Werke freue. Ich habe keine allzu starren Vorstellungen, wie ein Stück zu interpretieren ist. Deshalb ­lasse ich mich gerne überraschen und entdecke bei verschiedenen Aufführungen jeweils neue Facetten meiner Musik. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie etwas Verbotenes getan haben?

In der Stadt kommt man am schnellsten mit dem Fahrrad voran, allerdings nur, wenn man die Verkehrsregeln kreativ handhabt… 

Wann war das letzte Mal, dass Sie wegen Ihres Schweizer Dialekts nicht verstanden wurden?

Es gibt nicht nur einen Schweizer Dialekt, sondern viele verschiedene. Und so kann es vorkommen, dass man im eigenen Land Verständigungsprobleme hat. So gelang es mir in diesen Winterferien im Wallis nicht immer auf Anhieb, im Restaurant das Richtige zu bestellen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, in einer anderen Zeit/Epoche geboren worden zu sein?

Bin nicht sicher, ob ich mir das je wünschte. Als Romantiker hätte ich mich vermutlich in jeder Zeit deplaziert gefühlt, denn der Romantiker hat Mühe, in der Gegenwart zu leben. Eher bedauert er eine Vergangenheit, die nicht mehr da ist, und sehnt sich nach einer Zukunft, die noch nicht existiert. Allerdings bin ich in den letzten Jahren wesentlich gegenwartsbezogener geworden, musikalisch vor allem durch die Rhythmik. Denn Harmonik überwindet Raum und Zeit, Rhythmus aber findet im Hier und Jetzt statt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie gemerkt haben, dass die Deutschen besser Fußball spielen als die Schweizer?

Nun ja, gerade neulich hat die Schweizer Nati die Deutsche Nationalmannschaft 5:3 besiegt – allerdings nur in einem Testspiel. Bei der EM waren die Schweizer leider nicht dabei.

Wann war das letzte Mal, dass Sie jemanden überzeugen mussten, dass Bläsermusik auch hochwertige Musik ist?

Das kommt immer wieder mal vor, beispielsweise im Gespräch mit Musikern aus dem Bereich der Klassik oder des Jazz. Das letzte Mal war die Überzeugungsarbeit erfolgreich, da die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia mein Tubakonzert unter­stützte. Wir spüren gegenwärtig auch wieder eine größere Offenheit des schweize­rischen Klassikradios DRS 2, sinfonische Musik für Blasorchester und Brassband zu senden. Vielleicht sind dies Zeichen für eine wachsende Wertschätzung sinfonischer Bläsermusik.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich mit einem Dirigenten gestritten haben? 

Mit Dirigentinnen und Dirigenten gehe ich meist diplomatisch um, schließlich verkörpern sie meine Musik vor dem Orchester. Bei unterschiedlichen Auffassungen ver­suche ich eher, Überzeugungsarbeit zu leisten, ein Streit bringt da kaum etwas.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich als Schweizer gewünscht hätten, den Euro zu haben"

Der tiefe Eurokurs gegenüber dem Franken in den letzten Jahren war auch für mich schmerzhaft, da ich verschiedentlich Workshops in der »Euro-Zone« gebe und mit Verlagen aus Belgien und den Niederlanden zusammenarbeite.

Wann war das letzte Mal, dass Sie über einen Musiker-Witz gelacht haben?

Ich lese hin und wieder in Arthur Honeggers Autobiografie »Ich bin Komponist« – sehr amüsant und auch für die heutige Zeit noch treffend. »Der Komponist zeitgenössischer Musik ist wie der Besucher eines Banketts, zu dem er nicht eingeladen wurde« – wie zu Honeggers Zeit setzen auch heute noch viele Veranstalter auf Musik aus früheren Zeiten, weil sie Angst haben, dem Publikum etwas Neues, Ungewohntes vorzusetzen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie das nicht gerade kalorienarme Berner Dessert »Meringue« gegessen haben?

Diesen Frühling bei einem Nachtessen mit meiner Partnerin in der Josephine’s Bar im Hotel Innere Enge Bern, wo auch das Berner Jazzfestival stattfindet.

Wann war das letzte Mal, dass Sie am Zürichsee bzw. in Ihrer Geburtsstadt Zürich waren?

In den Raum Zürich komme ich regel­mäßig, da ich dort Freunde und Verwandte habe. Beim letzten Besuch war ich in der Bar zuoberst auf dem neuen Prime Tower in 100 Meter Höhe, wo man die ganze Stadt überblickt. Obschon Bern ein reiches Kulturangebot hat, reisen wir auch hie und da auch zu Konzerten nach Zürich, etwa in die Tonhalle, die Oper oder das Jazzlokal »Moods«.

Oliver Waespi

wurde 1971 in Zürich geboren und studierte Komposition an der Musikhochschule Zürich und der Royal Academy of Music in London. Zu seinen Lehrern ­gehörten Simon Bainbridge, Gerald Bennett, Sylvia Caduff, Peter Maxwell Davies, Brian Elias, Klaus ­Huber, Andreas Nick und Alfred Reed. Zu den zahlreichen Interpreten seiner Werke gehörten in neuerer Zeit das BBC Philharmonic Orchestra, die BBC-Singers aus London, das Brodsky-Quartett, das ­Ensemble TaG, die Kymi Sin­fonietta, das Orchestra della Svizzera Italiana, das Berner Kammerorchester, die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz sowie zahlreiche renommierte Bläserensembles wie etwa das Swiss Brass Consort, die Deutsche Bläserphilharmonie, das Landesblas­orchester Baden-Württemberg, die Ithaca College Band, das Schweizer Armeespiel, die Osaka Municipal Symphonic Band und viele weitere. Angesichts des Interpreten­kreises wird deutlich, dass Oliver Waespi vielfältige musikalische Interessen pflegt. Er kommt regel­mäßig als Experte bei Musikwettbewerben zum Einsatz und ist Lehrbeauftragter an der Hochschule der Künste Bern.

« zurück