Nicole Johänntgen hat das letzte Wort

Wann war das letzte Mal, dass du dir gewünscht hast, statt des Saxofons die Tuba gewählt zu haben?
Noch nie! Ein zusätzliches Instrument könnte ich mir vielleicht noch vorstellen. Aber statt? Saxofon ist mein Sprachrohr. 

Wann war das letzte Mal, dass du in einem Blasorchester mitgespielt hast?
Warte mal… ein reines Blasorchester? Das muss im ersten Jahr gewesen sein, als ich angefangen habe, Saxofon zu spielen. Da kam nämlich ein Orchester aus Österreich in unsere Schule. In einem Musikverein habe ich nie gespielt. 

Wann war das letzte Mal, dass du geweint hast?
Beim letzten Gig. Und nein, es war überhaupt nicht schlimm. Ich weiß manchmal nicht, ob das Saxofonspielen auf die Drüsen drückt – weil dann die Tränen fließen. Ich bin ein emotionaler Mensch und sowohl mit fröhlicher als auch melancholischer Stimmung leicht zu beeindrucken. Ich will das ja gar nicht. Es passiert einfach. Da reicht dann einfach auch eine Geschichte, die mir jemand erzählt. Wenn die mich berührt, habe ich Tränen in den Augen. 

Wann war das letzte Mal, dass du ohne Facebook warst?
Ich hatte im Oktober eine Woche lang kein Internet. Überraschenderweise war das überhaupt kein Problem. Als ich in Bordeaux angekommen bin, hab ich nicht mehr aufs Handy geschaut. Das war mir völlig egal. Ich hatte mit Entzugserscheinungen gerechnet – aber es gab überhaupt keine! Aber man ist schon schnell wieder in der digitalen Welt zurück.

Wann war das letzte Mal, dass du so richtig Urlaub gemacht hast?
Genau in dieser Woche in Bordeaux. Ich war in einem Kloster. Das war Urlaub. Allerdings mussten wir manchmal um fünf Uhr aufstehen, weil die Mönche auch um fünf Uhr aufgestanden sind. Es war schön, einfach mal die Tür zum Businessbereich zuzumachen. Weg vom Computer und die Möglichkeit zu haben, über anderes nach­zu­denken, zu lesen und zu leben. Spazieren gehen, mehr auf sich selbst achten. Im Speisesaal beispielsweise durfte man nicht reden. Stell dir mal 80 Leute in einem Raum vor, die nichts sagen und einfach essen. Grandios. 

Wann war das letzte Mal, dass dir die Unter­schiede von Deutschland und der Schweiz deutlich wurden?
Gestern zum Beispiel bin ich mit dem Zug gefahren – und alles war pünktlich wie eine Schweizer Uhr. In Deutschland gibt es Verspätungen, Zugausfälle oder Lokführerstreiks... Sonst: Der Schweizer ist eher in sich gekehrt, während der Deutsche schon ein wenig offener zu sein scheint. Aber so ganz kann man das auch nicht pauschalisieren. Denn sobald du im französischen Teil der Schweiz bist, sind die Leute wieder ganz anders. Ich bin sehr glücklich, dass ich in Zürich lebe und bin gern dort.

Wann war das letzte Mal, dass du im Kunsthaus Zürich warst?
Das ist eine ganze Weile her. Ich habe dort eine Picasso-Ausstellung besucht. 

Wann war das letzte Mal, dass du etwas Verbotenes getan hast?
Was ist schon verboten...? 

Wann war das letzte Mal, dass du dich mit deinem Bruder gestritten hast?
Vor der Tour. Oder war es während der Tour? Wobei Streit wohl zu hoch gegriffen ist. Man hat mal Meinungsverschiedenheiten, ist mal gereizt. Es ist schon ein Vorteil, wenn der Bruder Mitglied der eigenen Band ist. Manche Reibereien entstehen ja auch, weil man einfach Lust drauf hat, seine Meinung durchzuboxen. 

Wann war das letzte Mal, dass du Ka­raoke gesungen hast?
Das war in Shanghai vor zwei Jahren. Abgefahren! Da gibt es ein Riesengebäude mit so einer Art Gummizelle. In diesen Zellen hängt vorne ein Riesenbildschirm, du hast ein schreckliches Mikro mit einer schreck­lichen Anlage, du bekommst Chips und Getränke hingestellt und dann singst du zwei Stunden lang. Mit anderen Musikern trinkend Karaoke singen: Es war göttlich. 

Wann war das letzte Mal, dass du dir gewünscht hast, einen »ordentlichen Beruf« gewählt zu haben?
Noch nie eigentlich. Zumal ich auch zwei Tage in der Woche unterrichte, was ja schon ein bisschen »Normalität« ist. Das ist mein Brotjob und mein »Erdungsjob«. Wenn ich die Schnauze voll hab, geh ich zu meinen Kiddies. 

Wann war das letzte Mal, dass du dir ­gewünscht hast, in einer anderen Zeit geboren worden zu sein?
Das habe ich mir eigentlich noch nie gewünscht, aber ich würde gerne mal mit einer Zeitmaschine zu den Wurzeln des Jazz reisen oder noch weiter zurück. Ich würde gerne sehen, wie die Musiker im klassischen Umfeld gearbeitet haben. Ich beschäftige mich gerade mit Händel, wegen des Auftritts bei den Festspielen im Mai. Welche Werke der innerhalb kürzester Zeit geschaffen hat und wie er dann mit der Kutsche rumgereist ist... Das wäre spannend.

Wann war das letzte Mal, dass du dir gewünscht hast, in einem Spielfilm mitzuspielen?
Wenn man einen guten Film sieht, projiziert man sich doch auf eine bestimmte Persönlichkeit. Das kann eine weibliche oder eine männliche sein. Oder ein Hund. Luke Skywalker find ich toll! Oder Angelina Jolie als Lara Croft. Das sind Rollen, die Stärke zeigen!

Derzeit befindet sich die 33-jährige gebürtige Saar­län­derin Nicole Johänntgen auf der Release-Tour der neuen Scheibe »Colours«, die sie mit ihrer Band »NicoleJo« eingespielt hat. Farben – das ist nicht nur der Name der CD, das ist wohl das Lebensmotto der Saxofonistin. Denn bunt ist das, was sie macht, eigentlich immer. 2015 startet sie weiter durch: Gastsolistin in Indonesien, künst­lerische Leitung des »Ladies Power«-Projekts auf Island, Masterclass in der St. Louis Washington University und Teilnahme an den Händel-Festspielen in Halle.

www.nicolejo.de

  • 16.12.2014
  • Das letzte Wort

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