Musikgeschmack: Hören in der Zerstreuung

  • 26.04.2017
  • Praxis
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 5/2017
  • Seite 16-17

Unser Musikgeschmack ist mit 18, spätestens 24 Jahren fertig ausgebildet. Das ist schade, denn in diesem Alter kann man noch kaum die ganze Welt der Musik kennengelernt haben. Zudem wird Musikgeschmack häufig später nicht gepflegt, verfeinert oder »aktualisiert«. Bei vielen unserer Mitmenschen droht das musikalische Bewusstsein im Lauf der Zeit einfach zu verwahrlosen – eine große Herausforderung für aktive Musiker.

Wie entwickelt man seinen persönlichen Musikgeschmack?

Was Musik angeht, hat jeder Mensch besondere Vorlieben und Abneigungen. Wir nennen das seinen »Musikgeschmack« – engl. musical taste, frz. goût musical, span. gusto musical. Mit dem Wort »Geschmack« setzen wir diese Präferenzen in Analogie zu Präferenzen beim Essen und Trinken.

In der Tat gilt sowohl im Kulinarischen wie im Musikalischen, dass Vorlieben nichts dem Menschen Angeborenes sind, sondern im Lauf des Lebens erworben, entwickelt und modifiziert werden. Einfluss auf die Herausbildung unseres persönlichen Musikgeschmacks nehmen dabei die Familie (auch schon vor unserer Geburt), die weitere Sozialisation in Kindergarten, Schule, Lehre, Hochschule, Beruf usw., außerdem Freunde und Lebenspartner, die Peer Group, natürlich Medien und Moden – nicht zuletzt aber auch unser Bedürfnis, uns von anderen gerade abzugrenzen und Individualität zu demonstrieren.

So unverwechselbar anders jeder einzelne Mensch ist, so unverwechselbar anders ist der Musikgeschmack, den er entwickelt und pflegt. Musikalische Vorlieben sind nichts, das uns äußerlich wäre, sondern Teil unserer Persönlichkeit.

Die frühen Phasen

Die Prägung unserer Musikvorlieben beginnt schon im Mutterleib, denn das Gehör ist der erste Sinn, der beim Embryo tätig wird. Geräusche aus dem Körper der Mutter, aber auch Geräusche von außen erreichen das Ungeborene bereits in der 20. Schwangerschaftswoche. Forscher haben nachgewiesen, dass Babys Stimmen und Melodien, die sie im Mutterleib gehört haben, nach der Geburt wiedererkennen können.

Nach Untersuchungen der kanadischen Psychologin Sandra Trehub sind Kleinkinder aber bis zum Alter von etwa zwei Jahren noch empfänglich für ganz verschiedene tonale Konzepte. Erst dann zeigen sie eine Vorliebe für die Musik des Kulturkreises, in dem sie aufwachsen – in Mitteleuropa also für diatonische Melodien.

Das intuitive Verständnis für Tonleitern und Tonfolgen und dasjenige für sprachliche Grammatik und Wörter entwickeln sich beim Kleinkind Hand in Hand. Unser Gehirn wächst mit unserer Musikalität. Das rapide sich ausdifferenzierende Kinderhirn kann von Musik gar nicht genug bekommen. Musikalisches Verhalten und Reagieren ist ein zentraler Teil in der körperlichen und psychischen Entwicklung des Kindes.

Prägend: das Teenager-Alter

Die Ausbildung eines subjektiven Musikgeschmacks findet weitgehend im Teenager-Alter statt. Die Pubertät bringt es mit sich, dass alle neuen Lebenserfahrungen mit einer Menge Emotionen aufgeladen sind.

Die Jugendlichen suchen ständig nach Orientierung und Identität. Sie wechseln häufig ihre Freunde, ihre Vorbilder, ihre Abneigungen, ihre Meinungen. Sie machen einschneidende soziale Erfahrungen, erleben ungekannte Gefühle, denken neue Gedanken, haben intensive Erlebnisse, die sie nie vergessen werden.

Im Gefühls-Chaos der Pubertät bekommt Musik eine Tiefe und Bedeutung, die sie später nicht mehr haben wird. Fast alle Jugendlichen sind Fans bestimmter Musikstile und Bands. Sie experimentieren mit ihren eigenen Vorlieben, nehmen ständig neue Anregungen aus den Medien oder von Gleichaltrigen auf, erklären durch ihren Musikgeschmack die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder eine Distanzierung von ihr. Als Jugendliche bilden wir – meist über viele Umwege – unser persönliches Musikgeschmacks-Profil aus. Wir identifizieren uns mit »unserer« Musik.

Die Konsolidierung

Die musikalische Neugier, die uns als Kinder und Jugendliche umtreibt, erlebt mit dem Beginn des Erwachsenenalters jedoch einen deutlichen Dämpfer. Der Neuropsychologe Daniel Levitin schreibt: »Die meisten Menschen haben ihren Musikgeschmack im Alter von 18 oder 20 Jahren ausgeformt. Grundsätzlich sind Menschen mit zunehmendem Alter weniger offen für neue Erfahrungen.

In der Adoleszenz entwickeln und formen unsere Gehirne in explosivem Tempo neue Nervenverbindungen – aber nach unseren Teenager-Jahren kommt es da zu einer deutlichen Verlangsamung. Die Synapsen des Gehirns sind darauf programmiert, eine bestimmte Anzahl von Jahren zu wachsen und neue Verbindungen herzustellen. Danach aber steht das Aufräumen im Vordergrund, um Verbindungen, die nicht gebraucht werden, wieder loszuwerden.«

Man nennt diesen Umschwung gemeinhin das Erwachsenwerden. Für die meisten Menschen geht er einher mit einer Festigung der Lebensverhältnisse, mit Berufseinstieg oder Studienbeginn, eigener Wohnung, festen Partnerschaften, oft auch Familiengründung und Elternschaft.

Spätestens mit 24 Jahren sinkt die Bereitschaft, Experimente zu wagen und Risiken einzugehen. Ein Indiz für diese Konsolidierung des Lebens: Die tödliche Unfallquote im Straßenverkehr fällt bei 24 Jahren abrupt ab. Karriere, Familie und ernsthaft betriebene Hobbys drängen sich in den Vordergrund, die musikalische Neugier wird zur Nebensache, der musikalische Geschmack stagniert.

Der Musikpädagoge Günter Kleinen schreibt: »Offenbar bildet man für diejenige Musik, die man in einem Alter zwischen 23 und 24 Jahren besonders gemocht hat, eine stabile Präferenz über das gesamte weitere Leben. [...] Der junge Erwachsene entwickelt zumeist eine popmusikalische Identität, die sich festigt und für das weitere Leben beibehalten wird.«

Was diese Identität angeht, können Forscher die bekannten Klischees nur bestätigen: Frauen bevorzugen mehr das Melodische, Männer mehr das Rhythmische. Extrovertierte lieben es fröhlich und einfach, Introvertierte nachdenklich und komplex.

Die Stagnation

Es ist nicht so, dass sich der Musikgeschmack beim Erwachsenen überhaupt nicht mehr ändern würde. Zuweilen vertiefen sich bestimmte Vorlieben, Gewichtungen werden verschoben, Präferenzen erweitert – aber die Rahmenpunkte scheinen doch fixiert zu sein.

Es ist unwahrscheinlich, dass jemand mit 40 Jahren zum Kammermusik-Liebhaber wird, der mit 20 Jahren noch nie Kammermusik gehört hatte. Sprunghafte Umschwünge in den musikalischen Vorlieben kommen bei Erwachsenen nicht vor.

Die Erfahrung lehrt: Wenn Musik eine wichtige Rolle in unserer Berufs- oder Freizeitaktivität spielt, dann üben wir unsere Musikpräferenzen ein Leben lang aktiv aus, vertiefen, aktualisieren und erweitern sie ständig.

Doch bei den meisten Menschen droht die Pflege des Musikgeschmacks in einen weitgehenden Stillstand zu verfallen. Das musikalische Erlebnis, das beim Jugendlichen eine »Hauptsache« ist, wird für den Erwachsenen häufig ein passives und irrelevantes Randphänomen seines Lebens. Er macht sich darüber gar keine Gedanken mehr.

Der Musiksoziologe Theodor W. Adorno nennt den Erwachsenen, dem die »spezifische Beziehung« zur Musik verlorenging, den typischen »Unterhaltungshörer«. Adorno schrieb 1962: »Die Struktur dieser Art des Hörens ähnelt der des Rauchens. Sie wird eher durchs Unbehagen beim Abschalten des Radioapparats definiert als durch den [...] Lustgewinn, solange er läuft. [Dies] könnte nicht drastischer sich zeigen als im Verhalten dessen, der gleichzeitig das Radio tönen lässt und arbeitet. [...]

Die spezifische Hörweise ist die der Zerstreuung und Dekonzentration, unterbrochen wohl von jähen Augenblicken der Aufmerksamkeit und des Wiedererkennens [...] Der Unterhaltungshörer wird adäquat nur im Zusammenhang mit den Massenmedien Radio, Film und Fernsehen zu beschreiben sein.«

Leider ist es so: Die meisten Erwachsenen setzen ihre musikalischen Vorlieben nicht mehr aktiv um, sondern höchstens zufällig und marginal, weil Musik in ihrem Leben kaum noch (bewusste) Bedeutung hat. Sie vertiefen und erweitern ihre Präferenzen nicht und dehnen sie kaum auf neue Musikangebote aus.

Ihre musikalische Orientierung wird nicht gezielt gelebt, gepflegt und verfeinert, sondern verkommt zu einem Stück passiver Nostalgie und fauler Gewohnheit. Häufig werden sie zu hilflosen Beschallungsopfern. Kann man da überhaupt noch von »Musikgeschmack« sprechen? Ist das nicht vielmehr der Verlust des musikalischen Geschmacks-, Urteils- und Wahlvermögens?

Wenn man bedenkt, welchen Stellenwert die Formung der eigenen Musikalität in der Persönlichkeitsentwicklung besitzt, bedeutet die Verwahrlosung des Musikgeschmacks auch, dass wesentliche emotionale und geistige Facetten unserer Persönlichkeit vernachlässigt werden und verkümmern.

Ein reflektierter Musikgeschmack ist ja viel mehr als nur ein Indikator von Individualität. In der bewussten Auseinandersetzung mit Musik erfahren wir Komplexität und Logik im geistig-seelischen Zusammenhang. Musik ist ein Stück Lebensbewältigung.

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