Musikalische Kooperation zwischen Schule und Musikverein (2)

Praxisbeispiel einer Kooperation in Japan

Das nächste Kapitel befasst sich mit der Neagari Junior High School Symphonic Band (vgl. Tanaka, Kazuhiro: Building a Great Junior High Band, Hiroshima (Japan) 2006, DVD). Der erstaunliche Orchesterklang findet weltweit immer mehr Beachtung. Im japanischen Bildungssystem nach dem 2. Weltkrieg wurden die Freizeit-Aktivitäten in den sogenannten „Clubs“, wie zum Beispiel einem Schul-Blasorchester, immer wichtiger. Die Blasorchester-„Clubs“ haben fast unbegrenzte Möglichkeiten, gute Musiker auszubilden. Wie diese Kinder so schnell lernen, ein Instrument zu spielen und welche Schlüsselqualifikationen und Sozialkompetenz sie dabei erlernen, wird im Folgenden aufgezeigt.

Kazuhiro Tanaka, 40 Jahre alt und in der Stadt Nomi, im Bezirk Ishikawa, auf der Halbinsel Noto in Japan geboren, unterrichtet seit 17 Jahren Japanisch an der „Neagari Junior High School“. Er hat als Dirigent eines der besten japanischen Blasorchester aufgebaut, den Neagari Blasorchester-„Club“. Dieses Orchester, in dem die japanischen Kinder im Durchschnitt 13 Jahre alt sind, hat bereits fünfmal beim Finale des „All Japan Band Wettbewerbs“ teilgenommen und gehört unter den 6000 Orchestern in Japan zur absoluten Spitze.

Die Auswahl der Instrumente

Die Auswahl der Instrumente erfolgt in der 7. Klasse. Der Dirigent prüft hierbei einige körperliche Voraussetzungen anhand eines Luftballonwettbewerbs. Hierbei sollen die Schüler versuchen, kleine Luftballons aufzublasen. Dadurch kann der Luftfluss und der Blasdruck der Schüler überprüft werden. Im Hinblick auf den Körperbau der jungen Schüler zeigt sich beim Aufblasen der Luftballons in der Regel immer, wer einen guten Blasdruck hat. Die mit einem guten Blasdruck werden auf der Trompete oder Oboe auch hohe Töne spielen können. Des Weiteren werden einige körperliche Voraussetzungen, wie zum Beispiel die Handgröße, Mund, Lippen, Zähne, aber auch die musikalischen Kenntnisse geprüft. Die Schüler haben drei Jahre lang Zeit, um das Instrument zu erlernen.

Im ersten Monat probieren die Siebtklässler alle Instrumente. Sie lernen die Instrumenten-Namen, den Charakter und das Klangspektrum. Die jüngeren Schüler werden von den älteren Schülern unterrichtet. Die Schüler sollen hierbei erkennen, dass ein schöner Orchesterklang aus dem harmonischen Zusammenspiel der einzelnen Instrumentenklänge entsteht.

Zwar stellen die Schüler eine Auswahlliste mit ihren Wunschinstrumenten zusammen, dennoch weist der Dirigent den Kindern das Instrument zu. Falls das Instrument nicht klappt, kann in der 8. Klasse ein Wechsel in Betracht gezogen werden. Jedoch soll jeder sein Instrument ein Jahr lang probieren. Neben den körperlichen Voraussetzungen ist der Grund für die Zuweisung der Instrumente eine ausgewogene Besetzung des Orchesters.

Solo-Konzert in der Schule

Schon einige Tage nach der Instrumentenauswahl findet der erste Solo-Vortrag der Schüler statt. Zusammen mit den Siebtklässlern gibt es 53 Mitglieder (Stand: 2005) im Blasorchester der Neagari Junior High School. Alle Mitglieder spielen beim Solo-Vortrag für ihre Eltern. Jeder Solo-Spieler arbeitet hierbei eng mit einem Pianisten zusammen. Das Ensemblespiel soll den musikalischen Ausdruck der Kinder fördern. Dies ist auch eine der wenigen Möglichkeiten, die Mitglieder des Orchesters solistisch zu hören, weil sonst immer 50 bis 60 Musiker spielen. Bei diesen Solo-Vorträgen kann dann auch auf die individuellen Schwächen der Schüler hingewiesen werden. Nach dem Solo-Konzert werden die Kinder mit ihren neuen Instrumenten in das Orchester integriert.

Gesamtprobe

Das Stimmen des Orchesters wird von den Registerführern der Holz- und Blechbläser durchgeführt. Sie verwenden dabei den Yamaha „Harmony Director“. Es wird hierbei nicht nur der Klang kontrolliert, sondern auch die Körperhaltung der einzelnen Spieler. Jeden Tag vor der Gesamtprobe prüfen die Schüler verschiedene Details ohne den Lehrer.

Im Japanischen besteht das Wort „Ensemble“ laut Herrn Tanaka aus zwei chinesischen Schriftzeichen. Sie stehen für „Zusammensein“ und „Musizieren“. Stimmung und die Lautstärke muss den anderen angepasst sein, es muss ein Gesamtklang gefunden werden und der Rhythmus muss zusammenpassen.

Auch das Singen der Melodie wird sehr häufig praktiziert. Denn singen kann man ohne zu denken. Singen ist somit eine ideale Hilfe, um das Instrumentalspiel zu verbessern. Durch das Singen lernen die Kinder die richtige Stimmung zu finden und eine Melodie oder einen Rhythmus zu spielen.

In der Band wird am Anfang sehr viel Wert auf ein eindrucksvolles Auftreten gelegt, weil dadurch häufig offensichtliche musikalische Schwächen gemildert werden können.

Struktur der Ausbildung

Die Probe wird des Öfteren von den Registerführern der Holz- und Blechbläser geleitet. Sie hören sorgfältig auf den Klang, besonders auf Intonation, Qualität und Klangfarbe. Wenn ihnen etwas auffällt, dann wird es sofort korrigiert. Ihre Rolle als Ausbilder und Registerführer ist in der gesamten Struktur enorm wichtig. Der Dirigent versucht während der Probe nicht zu unterbrechen. Er überlässt den Schülern die Verantwortung für das, was sie unterrichten. Dadurch finden sie ihren eigenen Weg sich zu motivieren und die Initiative zu ergreifen. In den japanischen Schulorchestern sind die Schüler die Hauptpersonen. Der Lehrer betreut sie lediglich und ist da, um sie zu maßregeln. Um jeden Tag musizieren zu können, müssen die Kinder die Initiative ergreifen und Verantwortung übernehmen. Das Orchester kann sich sonst nicht entwickeln, wenn der Lehrer wegen jeder Besprechung fehlen würde und die Übungen beziehungsweise Proben dadurch unterbrochen wären. Musizieren muss eine Leidenschaft sein und den Schülern immer erzählt werden: „Ich fühle die Musik so und möchte, dass ihr sie so spielt.“ Für die Schüler ist die größte Schwierigkeit, die Technik der Instrumente zu erlernen. Um diese zu lernen, ist eine vertikale Struktur erforderlich. Dazu gehört etwa, dass ältere Schüler jüngere unterrichten. Die horizontale Struktur ist für die Motivation der Schüler erforderlich. Die Registerführer erarbeiten Zeitpläne für die Registerproben. Sie üben von Montag bis Freitag jeweils 2 Stunden, samstags 4 Stunden.

Ab der Hälfte des neunten Schuljahres verlassen viele das Orchester, um sich für die Hochschul-Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Trotzdem stehen die älteren Schüler zur Verfügung, um bei den Vorbereitungen für die Wettbewerbe zu helfen.

Der Orchester-Wettbewerb

In Japan nehmen die Schulorchester regelmäßig an Orchester-Wettbewerben teil. 2005 haben 15 Neuntklässler, 19 Achtklässler und 17 Siebtklässler das Orchester der Neagari High School gebildet. Alle haben beim Orchester-Wettbewerb den 1. Preis gewonnen. In diesem Lernprozess mit Musik lernen die Siebtklässler alle Höhen und Tiefen, Probleme und Freuden beim gemeinsamen Musizieren kennen. Das Orchester wächst zusammen, mit dem gemeinsamen Ziel, dem Orchester-Wettbewerb. Sie hören aufeinander, geben sich Ratschläge und ermutigen sich gegenseitig.

Fazit

Die Blasmusik wird in jedem Land der Erde unterschiedlich interpretiert. Die Orchester-Mitglieder der japanischen Blasorchester verbringen viel Zeit miteinander, essen zusammen, lernen gemeinsam, fahren zusammen im Bus und vieles mehr. In all diesen gemeinsamen Aktivitäten steckt etwas, das ihnen hilft, großartige Musik zu machen. Es geht nicht nur darum, Musik zu unterrichten und den Schülern „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Die meisten Orchester prägen auch die Einstellung und das Leben der Schüler. Es geht um die Beziehung zwischen Schülern und Menschen, nicht nur zwischen Lehrer und Schüler. Die Interaktion zwischen der Gruppe und jedem Einzelnen lässt sie in der Musik einen lebendigen Klang schaffen. Im Dialog mit den Schülern wird der Musik ein Schliff gegeben. Dies findet jeden Tag gemeinsam statt. Das ist eine der wichtigsten Tatsachen für die Entwicklung der japanischen Blasorchester. Es geht nicht nur um Musik. Sie teilen ihr Leben. Daraus machen sie gemeinsam Musik. Nicht nur die Zeit, in der sie ein Instrument spielen, sondern auch die Zeit, die sie gemeinsam verbringen, ist sehr wichtig. Manchmal spielen die Siebtklässler besser als die Älteren. Auch wenn das so wäre, die Zeit zusammen zu verbringen und gemeinsam zu arbeiten, daraus kann wunderbare Musik entstehen.

In den sechs Monaten haben die Kinder eine bemerkenswerte geistige Disziplin erlangt. Hinter all dem steckt eine Musik-Ausbildung, die sich aus der japanischen Geschichte entwickelt hat: Eine Tradition der Weitergabe von Wissen und natürlich vom feinen und disziplinierten Geist der Kinder. Diese Kinder können von nun an von der Blasmusik träumen.

Diese Serie ist ein Auschnitt aus dem E-Book "Musikalische Kooperation mit der Schule – aus der Perspektive eines Musikvereins" von Michael Stegmaier.

  • 05.03.2013
  • Spezial
  • Michael Stegmaier

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