Musikalische Kooperation zwischen Schule und Musikverein (1)

  • 17.01.2013
  • Spezial
  • Michael Stegmaier

1. Einleitung

Deutschland ist das Land der Blasorchester. Über 1,3 Millionen sind aktiv in Musikvereinen, darunter 300.000 Jugendliche. Dennoch dürfen sich die Vereine darauf nicht ausruhen.

Denn mit der Entwicklung von Betreuungsangeboten an den allgemeinbildenden Schulen startet ein neues Kapitel im Verhältnis Schule und Verein. Anstelle eines Nebeneinanders tritt ein Miteinander, das sowohl der schulischen als auch der Vereinsarbeit förderlich sein soll. Für die Vereine bedeutet diese Entwicklung eine große Chance, ihre Erfahrungen und Kapazitäten in den Bildungs- und Erziehungsprozess der Schulen einzubringen. Schule allein kann heute die vielfältigen Bedürfnisse einer breiten musikalischen Bildung in der angestrebten Ganztagsbetreuung nicht mehr abdecken. Die Vereine sind gerne bereit, hier einzuspringen. Die Distanz zwischen Schul- und Vereinsarbeit wird abgebaut und das Verständnis füreinander wächst. Dies bedeutet eine Herausforderung und Neuland für alle Institutionen und kann nicht von einer alleine bewerkstelligt werden. Es braucht eine offene und vertrauensvolle Kooperation.

Der umfassenden Bedeutung, die die Kooperation zwischen Schule und Verein in den vergangen Jahren gewonnen hat, verdankt diese Arbeit ihre Entstehung. Sinn und Ziel ist es, die Fülle der Aspekte für Kooperationen in Schule und Verein zu bündeln und zu systematisieren, ohne dabei Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Gleichwohl versucht die Arbeit den Horizont von „Musikalischen Kooperationen mit der Schule“ so weit wie möglich auszuleuchten.

2. Problemstellung

2.1 Allgemeine Aspekte

Im Süden der Bundesrepublik Deutschland gibt es ein blühendes Musikvereinsleben. Etliche Musikvereine verzeichnen zwar immer höheren Zuspruch von Kindern und Jugendlichen, dennoch können das nicht alle Vereine von sich behaupten. Vereine haben Probleme, neuen Nachwuchs an den Verein heranzuführen, um das Fortbestehen des Vereins zu gewährleisten. Dennoch versuchen die Vereine, den kulturellen Auftrag in ihren Ortschaften wahrzunehmen.

Dem gegenüber stehen allgemeinbildende Schulen in fast jedem Ort mit ihren sich auf dem Vormarsch befindlichen Ganztagsschulen. Die Schulen brauchen hierfür kompetente und zuverlässige Kooperationspartner, um diesen neuen Ansprüchen einer Ganztagsschule gerecht zu werden. Denn laut Ortwin Nimczik (Bundesvorsitzender des Verbands Deutscher Schulmusiker und Musikpädagogikprofessor) war der bisherige Musikunterricht in deutschen Schulen lange Zeit sehr verkopft und analytisch.„Es wurde vor allem über Musik geredet, aber nicht Musik gemacht.“

Kooperationen zwischen allgemeinbildenden Schulen und Musikvereinen bilden Chancen, Perspektiven und Potenziale für beide Seiten, für einen Musikverein, für eine allgemein bildende Schule, aber vor allem für die Kinder und Jugendliche.

2.2 Chancen, Perspektiven und Potenziale von Kooperationen

Wenn man über die Chancen, Perspektiven und Potenziale von Kooperationen spricht, kann man ganz allgemein sagen, dass Kooperationen sowohl für Musikvereine als auch für allgemeinbildende Schulen Ressourcen- und Kompetenzbündelungen ergeben. „Mit diesen gebündelten Möglichkeiten können musikpädagogische Vorhaben eigeninitiativ realisiert werden, die eine Schule oder ein Verein alleine in aller Regel nicht realisieren könnte. Darüber hinaus kommt es zu einem beiderseitigen Wissenstransfer zwischen den beteiligten Institutionen. Die Kooperationspartner lernen voneinander.“ (vgl. Hörenberg, Erik: Die Türen für Kooperationen stehen so offen wie nie zuvor, in: Schriftenreihe der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände e.V. - Kooperation Schule/Verein, Band 4, Trossingen 2005, S. 12.)

3. Praxisbeispiel einer lokalen Kooperation

In Schechingen gibt es leider noch nicht die Möglichkeit, das Klassenmusizieren in der örtlichen Grundschule zu integrieren. Dies liegt hauptsächlich daran, da keine Musikschule im Ort oder der näheren Um­gebung von Schechingen vorhanden ist und somit die Kinder entweder von Studenten der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd oder von berufstätigen guten eigenen und auswärtigen Musikern unterrichtet werden. Deshalb gibt es keine hauptberuflichen Ausbilder im Musikverein Schechingen, die vormittags Zeit hätten, um das Klassenmusizieren zu betreuen. Ein weiterer Grund liegt wohl darin, dass die Lehr­kräfte der Grundschule nicht in diesem Bereich geschult sind. Der Musikverein Schechingen hat sich mit diesen Gegebenheiten angefreundet und dafür sein eigenes Konzept entwickelt. Als Ersatz für die Bläserklasse an der Grundschule wurde deshalb eine Jugendgruppe innerhalb des Musikvereins Schechingen neu gegründet.  

3.1 Jugendgruppe des Musikverein Schechingen

Seit dem 25. September 2009 gibt es eine Jugendgruppe im Musikverein Schechingen. Die Jugendgruppe besteht aus jungen Musikern (im Alter von 7 bis 14 Jahren), welche sich im Musikverein Schechingen in der Regel seit ein bis zwei Jahren in der Ausbildung befinden und noch nicht im Jugendorchester mitspielen. Ziel der Jugendgruppe ist es, die Kinder und Jugendlichen im Zusammenspiel zu schulen und somit auf das Jugendorchester vorzubereiten. Des Weiteren werden die Kinder in der Theorie für den späteren D1-Lehrgang geschult. Die Jugendgruppe probt freitags von 17 bis 18 Uhr im Proberaum des Musikvereins Schechingen.

Der erste Auftritt dieser neugegründeten Jugendgruppe fand beim Jugendvorspiel des Musikvereins am Sonntag, den 13. Dezember 2009, in der Gemeindehalle Schechingen statt. Aber auch in Zukunft wird die Jugendgruppe einige Auftritte bestreiten, unter anderem beim Frühjahrskonzert des Musikvereins am 13. März 2010.

3.2 Die Vorbereitung

Im Frühjahr 2009 begannen bereits die Vorbereitungen für die neu entstehende Jugendgruppe. Hierbei sollten alle Kinder mitspielen, die im Verein oder auch außerhalb des Vereins Unterricht haben und noch nicht im „Gemeinsamen Jugendblasorchester Hohenstadt, Untergröningen, Schechingen“ (GJBO HUS) mitspielen. So konnten zu Beginn zwölf Kinder ausgewählt werden, wobei sogar der einzige Junge unter den elf Mädchen sein Instrument im Nachbarverein erlernte. Er entschloss sich dennoch in der Jugendgruppe mitzuspielen. Es ergab sich folgende Besetzung: zwei Querflöten, drei Klarinetten in B und eine Kinder-Klarinette in C, eine Oboe in C, zwei Saxofone, eine Trompete, eine Posaune und ein Schlagzeug. Seit Januar 2010 ist noch ein weiterer talentierter Schlagzeuger zu der Jugendgruppe hinzugestoßen.

3.3 Die Proben

3.3.1  Die Voraussetzungen für die Proben

Die erste Probe der Jugendgruppe am 25. September 2009 war die wichtigste Probe, weil in dieser Probe von vorne herein bestimmte Verhaltens- und Ablaufregeln für die gemeinsame Probenarbeit aufgestellt wurden. So wurde vereinbart, dass sich alle Kinder bei dem Dirigenten telefonisch abmelden, falls sie nicht in die Probe kommen können. Es wurde nochmals gemeinsam festgelegt, dass die Probe um 17 Uhr beginnt und um 18 Uhr endet. Dadurch wurde zusammen vereinbart, dass alle zwischen zehn bis fünfzehn Minuten vor Probebeginn in den Proberaum kommen, um sich in Ruhe auf die Probe vorzubereiten. Dazu zählen das Aufstellen des eigenen Stuhls sowie der Aufbau des eigenen Instrumentes und des eigenen Notenständers. Es ist wichtig, dass jeder seinen eigenen Notenständer benutzt. Jeder sollte aus seinen eigenen Noten spielen, um eventuelle gemeinsame Eintragungen in seinen Noten auch ergänzen zu können. Für diesen Zweck bekam jeder Jungmusiker in der ersten Probe einen Bleistift mit Radiergummi geschenkt. Des Weiteren sollte die restliche Zeit dafür genutzt werden, um sein Instrument warm zu spielen und sich eventuell mit einem Stimmgerät einzustimmen.

3.3.2 Die Sitzordnung

In der ersten Probe wurde die Sitzordnung festgelegt. Es ist deshalb bedeutsam, dass jeder seinen Stuhl selber aufstellt, um ein Gefühl für seinen Platz im Orchester zu bekommen. Ausgangspunkt für das Aufstellen des Orchesters ist immer der Dirigent. Wenn dies von den Kindern regelmäßig praktiziert wird, kann dadurch der Aufbauvorgang bei einem Auftritt relativ zügig erfolgen. Bei der Sitzordnung ist aus Sicht des Dirigenten darauf zu achten, dass sich die Querflöten rechts von ihm befinden und somit nicht aus dem Orchester hinaus blasen. Das führt zwangsläufig dazu, dass sich die Klarinetten auf der gegenüberliegenden Seite aufhalten. Hinter den Klarinetten befinden sich die Trompeten. Etwas weiter zentral daneben die Posaunen um möglichst frontal aus dem Orchester hinaus zu spielen. In der Mitte, aber meistens hinter dem Orchester, befinden sich die Schlagzeuger. Hinter den Querflöten sitzen ganz außen die Oboe und daneben die Saxofone, um somit das Spielen oft gleicher Stimmen in der Blasorchesterliteratur zwischen den beiden Instrumenten zu vereinfachen. Es ist am Anfang ständig darauf zu achten, dass die Kinder beim Spielen im Orchester aufrecht sitzen. Wenn sie sich das von Anfang an angewöhnen, werden sie viel besser atmen können und eine bessere Spieltechnik entwickeln.

3.3.3 Die Probenliteratur

Der Musikverein Schechingen benutzt die amerikanischen Bläserschulen „Best in Class“ aus dem Neil A. Kjos Verlag aus San Diego (Kalifornien) für die Jugendgruppe. Von dieser Bläserschule gibt es drei verschiedene Hefte: eine ausgezeichnete Anfänger-Schule für den Einzelunterricht, bestehend aus „Best in Class“ Buch 1 und 2 sowie einem zusätzlichen Ergänzungsheft („Encore!“). Neben dem Einzelunterricht eignen sich alle „Best in Class“-Schulen besonders gut für den Gruppenunterricht, was durch die klare Gliederung und den übersichtlichen Aufbau der Schulen den Unterricht erleichtert. Der Vorteil dieser Schulen besteht darin, dass alle Instrumentenhefte miteinander völlig übereinstimmen, was durch entsprechende Transpositionen für die verschiedenen Stimmungen der Instrumente ermöglicht wird. Die Partituren (Umfang 240 Din A4-Seiten) enthalten jede Zeile, jedes Stück aus allen Instrumentalhefen und darüber hinaus unzählige Hinweise und Erklärungen über Zählmethoden, Anblastechniken, Zungenstoßtechnik und Ansatz. Die Schulen sind so konzipiert, dass es kurze Übungsstücke und kleine Lernabschnitte gibt. Dadurch sollen eine schnelle Ermüdung und unkonzentriertes Üben der Schüler verhindert werden. Zu jedem Schwierigkeitsgrad gibt es noch spezielle Konzertstücke. Der Vorteil dieser Konzertstücke ist, dass sie auf der Rückseite des Blattes Vorübungen enthalten. Dadurch können alle Musiker im unisono zugleich lernen. Alle sind beschäftigt, es kommt keine Unruhe auf und keinem der Schüler ist es zu langweilig. Erst nach dem Erarbeiten der Rückseite wird das Blatt umgedreht und das eigentliche Stück kann bearbeitet werden. Somit kann wertvolle Probenzeit gespart und die Stücke schnell und effektiv einstudiert werden. Nachteil der „Best in Class“-Schule ist, dass es zwar Anknüpfungspunkte für eine Verbindung mit Themen des schulischen Musikunterrichts gibt, die aber insgesamt keine konzeptionelle Relevanz haben. Für den Musikverein Schechingen spielt dieser Nachteil keine Rolle.

3.3.4 Der Probenaufbau

Wie schon beschrieben, beginnt die Probe um 17 Uhr. Die „Best in Class“ Schulen bieten gewisse Übungen an, um sich gemeinsam im Orchester einzuspielen. Da sich aber in der Regel alle Kinder selbstständig einspielen, kann relativ zügig mit der Probenarbeit begonnen werden. Das Ein- beziehungsweise Nachstimmen muss jedoch öfters während der Probe praktiziert werden, um den Kindern ein besseres Gefühl für ihr Instrument zu vermitteln. Dadurch bekommen die Kinder das Wissen für den Umgang mit ihrem Instrument bei Wärme oder Kälte. Dennoch ist die Mischung zwischen zügigem Spielen und kurzen Theorieeinheiten wichtig, um für Abwechslung zu sorgen. Für die Theorieeinheiten bietet der Siebenhüner-Verlag ein „Musikalisches Fragespiel“ an. Die Karten enthalten unter anderem Fragen über Noten im Violin- und Bass-Schlüssel, Noten- und Pausenwerte, Vorzeichen, dynamische Zeichen, Tempobezeichnungen, Tonarten mit ihren Vorzeichen, Taktarten, Intervalle und weitere, für das Musizieren wichtige Begriffe. Die Karten sind nummeriert. Dadurch lassen sich einzelne Gruppen leicht aussortieren, wenn zum Beispiel bei Anfängern Bass-Schlüssel oder Intervalle noch nicht gefragt werden sollen. Während des Spielens wird besonders darauf geachtet, dass die Kinder sich keine falschen Spielweisen angewöhnen. Sollte dem Dirigent hierbei etwas auffallen, versucht er in engem Kontakt mit dem jeweiligen Ausbilder, den Kindern nach Möglichkeit verschiedene Hilfestellungen zu geben, um die Fehler wieder auszumerzen.

3.4 Das Vorstellen der Instrumente (Instrumentenkarussell)

Jedes Jahr veranstaltet der Musikverein Schechingen in Kooperation mit der Grundschule Schechingen eine Infoveranstaltung, um im Instrumentenkarussell den Kindern alle Instrumente vorzustellen, die beim MV erlernt werden können. Alle Kinder, die sich entschließen, ein Instrument beim Musikverein Schechingen zu erlernen, werden nach einem Jahr Einzelunterricht in die Jugendgruppe integriert, um dort voraussichtlich zwei Jahre zusammen zu spielen, bevor sie anschließend ins GJBO HUS wechseln werden. Bei dieser Veranstaltung werden den Kindern nicht nur die Instrumente vorgestellt, sondern sie bekommen auch die Gelegenheit, selbst in die Instrumente hinein zu blasen und sie zu spielen. In Kapitel 14 (Anhang) befindet sich der Flyer für das letztjährige Instrumentenkarussell des Musikvereins Schechingen. Hierbei konnten die Kinder bei der Anmeldung drei verschiedene Instrumente angeben, die sie gerne im Musikverein erlernen möchten. Jedoch ist es nicht sinnvoll, dass jedes Kind das Instrument erlernt, das momentan als sein Wunschinstrument gilt. Es ist wichtig, darauf zu achten, ob die Kinder den physischen und psychischen Voraussetzungen des Instrumentes gewachsen sind. Entscheidend sind bei den Blasinstrumenten vor allem die Zahnstellung sowie die Kiefer- und Lippenform.

3.5 Informationsabend für die Eltern

Der Informationsabend für die Eltern findet in der Regel kurz nach dem Instrumentenkarussell statt, um die Eltern möglichst zeitnah über das mögliche Wunschinstrument ihrer Kinder zu informieren. Für diesen Informationsabend hat der Musikverein Schechingen eine Powerpoint-Präsentation entwickelt, die sich im Kapitel 14 (Anhang) befindet. Hierbei werden den Eltern die Vorteile für junge Menschen, selbst zu musizieren, aufgezeigt. Unter anderem werden die Besetzung eines Jugend- und Blasorchesters, der Ablauf der Ausbildung und die Voraussetzungen für das Erlernen eines Musikinstrumentes besprochen. Über den Kauf und Leihmöglichkeiten von Instrumenten werden die anwesenden Eltern umfassend informiert.

3.6 Die Zukunft der Kooperation

Von beiden Institutionen, also sowohl vom Musikverein Schechingen, als auch von der Grundschule Schechingen, wird ein Weiterführen der bestehenden Kooperationen angestrebt. Nicht nur die „Musikalische Früherziehung mit der Blockflöte“, sondern auch das „Instrumentenkarussell“ werden als sinnvolle Ergänzung zum herkömmlichen Schulunterricht im Fach Musik angesehen. Herr Grimm, Musiklehrer der Grundschule Schechingen, begrüßt es außerordentlich, dass die Schüler nach ihrer Grundschulzeit weiter zusammen musizieren. Die Grundschule Schechingen veranstaltet unter seiner musikalischen Leitung alle zwei Jahre ein Kinder-Musical in Zusammenarbeit mit einer eigenen Band. Durch das Engagement der Eltern und einiger ehrenamtlicher Helfer werden hierbei eigene Bühnenkulissen gebaut. Professionelle Choreographen sowie ein Regie-Team sind für die Tänze und Bewegungsabläufe zuständig. Beide musikalischen Leiter, sowohl von der Grundschule als auch vom Musikverein Schechingen, streben in den nächsten Jahren verschiedene gemeinsame Projekte an und wollen ihre gemeinsame Kooperation weiter ausbauen.

Im nächsten Teil der Serie geht es im ein Praxisbeispiel einer Kooperation in Japan. Diese Serie ist ein Auschnitt aus dem E-Book "Musikalische Kooperation mit der Schule – aus der Perspektive eines Musikvereins" von Michael Stegmaier.

 

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