Mulo Francel hat das letzte Wort

  • 21.10.2014
  • Das letzte Wort

Die CLARINO-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie unter Wasser Saxofon gespielt haben?
Im letzten Juni flog ich mit dem fantastischen Fotografen Mike Meyer ans Rote Meer: kahle Wüste, unter Wasser eine Explosion von Farbe, Licht und Leben. Dort unten drehten wir ein Unterwasser-Video mit Saxofon. Das steht jetzt auf meiner Webseite. In einer Höhle über der Küste von Sharm el-Arab nahmen wir den Song dazu auf: »Fish in Water« meiner Solo-CD »the Sax & the Sea«. Ich habe ein altes C-Melody-Sax. Das nehme ich mit unter Wasser. Rein optisch. Akustisch geht unter Wasser gar nichts, nur das Geräusch der blubbernden Luftblasen. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie »so richtig« Urlaub gemacht haben?
Im letzten August auf Samos. Nachdem ich auf dem dortigen Festival gespielt hatte, blieb ich mit meiner Frau und meinen Kindern dort. Mein Bazanaki (griech. Schwager) ist von dieser schönen Ägäis-Insel und war auch mit Familie da: Natur, Meer und Berge, gutes Essen und Wein, lustige Menschen, ein halb verhungertes Katzenbaby, das wir adoptierten. Das ist Urlaub.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit ­Ihren Kollegen auf die Erfolgsgeschichte von Quadro Nuevo angestoßen haben?
Vor ein paar Tagen erst besuchten wir unseren Gitarristen Robert Wolf, der seit einem tragischen Verkehrsunfall nicht mehr spielen kann. Robert trinkt keinen Alkohol, aber wir saßen beisammen, redeten über gemeinsam Erlebtes, tranken guten Kaffee und lasen uns Herbstgedichte vor.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich gewünscht haben, einen »ordentlichen Beruf« erlernt zu haben?
Manchmal an kalten Winterabenden. Vor einem Konzert. Du bist in einer fremden Stadt. Die Menschen sitzen gemütlich in ­ihren Wohnungen, aus denen ein warmes Licht durch die Fenster auf die Straße scheint. Man ist unterwegs und hat nur sein Instrument. Manchmal tauchen dann Zweifel auf: Kommen heute Zuhörer? Gefällt ­ihnen, was ich anzubieten habe? Spiele ich gut? Dann kann es schon sein, dass einem der Gedanke durch den Kopf schießt: »Mensch, hättest doch lieber was G´scheites gelernt!« Aber dann, der erste Ton. Er bläst allen Unmut hinweg.

Wann war das letzte Mal, dass Sie ein Held aus einer antiken Sage sein wollten?
Ständig. Ich plane einen Segel-Trip über die griechischen Inseln. Odysseus auf der Spur. Dann durch den Bosporus und die türkische Schwarzmeerküste entlang. Ein Schiff voller abenteuerlustiger Kreativlinge: Musiker, Fotokünstler, Schreiber, ein leiden­schaft­licher Koch… Vielleicht schaffen wir es bis Batumi, wo Jason einst das Goldene Vlies gestohlen hat. Dabei kann wunder­bare Musik entstehen, auf die man zu ­Hause niemals kommen würde. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, in einer anderen Zeit/Epoche geboren worden zu sein?
Ich gebe sehr viele Konzerte und bin daher ständig auf Reisen. All die Orte mit ihren Menschen haben für mich etwas Spannendes. Ich liebe es, mich dorthin zu stellen und mir einzubilden, dass ich dort wohne. Wie wäre dann das Leben? Was wäre anders? Und dann auch: Was erzählen uns die Orte über frühere Zeiten? Ich male mir genau aus, wie es damals (in den 60ern, vor hundert Jahren, im Mittelalter, um Christi Geburt, in der Bronzezeit) ausgesehen haben mag. Wie hat es gerochen? Wie sprachen die Menschen? Welche Musik spielten sie auf welchen Instrumenten?

Wann war das letzte Mal, dass Sie ein Klischee über die Bewohner eines Landes bestätigt fanden?
Klischees haben etwas Unschuldiges. Sie geben den Menschen einen anregenden Gesprächsstoff und Richtlinien für schnelle Urteile. Aber sie sind meiner Meinung nach gefährlich. Du kommst irgendwo hin und denkst dir zum Beispiel: Ja, ja, so sind sie, die Italiener. Du siehst alles durch diese Schablone, die die Wahrheit verzerrt. Ich will versuchen, jedem offen zu begegnen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie je­mandem die Zirkularatmung beigebracht haben?
Vor ein paar Wochen waren wir bei Freunden zum Abendessen. Die 14-jährige Tochter lernt gerade Klarinette und wollte unbedingt wissen, wie Circular Breathing geht. Wir nahmen ein Glas Wasser und einen Strohhalm und ich erklärte es Schritt für Schritt. Am Ende des Tages konnte sie es. Gerade schreibe ich an einem Notenband zum Album »the Sax & the Sea«. Da­rin gibt´s ein Kapitel dazu.

Wann war das letzte Mal, dass Sie von ­jemandem gefragt wurden, ob Sie ihm einen Tisch auf der Wiesn besorgen können?
Neben der Münchner Wiesn existiert – zwei Wochen zuvor – noch die kleinere, überschaubare Wiesn in Rosenheim, wo ich aufgewachsen bin. Da haben wir jedes Jahr ­einen Musikertisch vom Jazzclub Le Pirate. Ich kenne auch die Brauerei-Chefin, die mir heuer und für die Zukunft einen Tisch im Flötzinger Zelt (großartiges Bier!) angeboten hat. Jetzt könnt ihr mich also gerne nach einem Platz fragen. Ich lade euch alle ein!

Wann war das letzte Mal, dass Sie bei der Olivenernte geholfen haben?
Im letzten Herbst. Und ich werde mit Familie auch diesen Herbst wieder in die Tos­kana fahren, wo Freunde ca. 150 Bäume haben. Neben der Musik und den Menschen ist Bewegung in der Natur der schönste Lebensinhalt für mich.

Mulo Francel, geboren 1967 in München, studierte Saxofon und Komposition in Linz, München und New York. Mit seiner extravaganten Spielweise lotet er die Grenzbereiche zwischen Jazz, Klassik und World Music aus. Bossa Nova und Cool Jazz verweben sich mit Vorlieben für Tango, mediterrane Musizierkunst und alt­europäische Melodien. Das Magazin »Kulturnews« schrieb ihm den »derzeit sinnlichsten Saxofonsound Europas« zu. Mit eigenen Formationen – vor allem Quadro Nuevo, aber auch Tango Lyrico, Mind Games und Mulo Francel & Friends – unternahm der Saxofonist weltweite Konzerttourneen. In seinem neuesten Projekt »the Sax & the Sea« stellt sich Mulo Francel ­einer ganz anderen Herausforderung: Saxofon solo. Linear perlende Original-Kompositionen in Meeresnähe aufgenommen. Natürlich ­wurde die Musik nicht unter Wasser aufgenommen. Aber in unmittelbarer Nähe des nassen Elements – und von ihm inspiriert. Sie entstand durchmischt mit dem Klang des Meeres und der Atmosphäre maritimer Orte. Eine Weite und ein Atem sind darin, in denen sich beide miteinander verbinden: Meer und Musik.

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