Moop Mama über Bewegung

  • 25.04.2017
  • Schwerpunktthema
  • Christian Mayr und Cornelia Härtl
  • Ausgabe: 5/2017
  • Seite 24-28

Ein regnerischer Dienstagvormittag im Frühjahr 2017. Eigentlich war als Location für dieses Interview ein Café oder ein Biergarten vorgesehen. Aber bei diesen trüben Aussichten zieht es niemanden nach draußen. Und so begrüßen wir Martin Hutter und Peter Laib von MOOP MAMA eben in den heiligen Hallen der CLARINO-Redaktion. Die Musiker, die bei Deutschlands bekanntester Urban-Brassband Trompete und Sousafon spielen, kennen sich aus mit dem Thema "Bewegung" – und zwar nicht nur im wortwörtlichen Sinne, sondern unter ganz verschiedenen Aspekten.

Eine bewegte Geschichte

Martin und Peter, erzählt doch mal ein bisschen aus der bewegten Vergangenheit von MOOP MAMA…

Martin Hutter: Die Band war die Idee unseres Saxofonisten Marcus Kesselbauer. Er wollte nicht mehr mit der Bigband im Jazzkeller spielen, in dem nur zehn Leute zuhören. Er wollte etwas Neues machen, wollte Bewegung reinbringen, damit die Leute auch was zu sehen bekommen. Marcus hatte damals ein Bigband-Projekt in Kulmbach mit dem Thema "Jazz meets Hip-Hop", mit dem er auch einen renommierten Jazz-Preis gewonnen hat. Beim Preisträgerkonzert war ich dabei, danach haben mich Jan (Rößler, Posaune) und Marcus gefragt, ob ich Bock auf so eine Band hätte. Das war im Sommer 2008. Im Januar 2009 war die erste Probe.

Peter Laib: Marcus hat mir "seine" Gründungsgeschichte mal erzählt: Man ist ja als Musiker irgendwann an dem Punkt, an dem man sich überlegt, was man machen will. Nicht nur Freelancer, sondern vielleicht auch was Eigenes entwickeln. Marcus hielt sich an den Rat, er solle sich auf seine Wurzeln besinnen – auf das, was er wirklich gerne mag.

Er ist in der Blaskapelle aufgewachsen und seine Lieblingsbands waren "The Roots" und "Rage against the Machine". Das hat er versucht, irgendwie zu vereinen. Anfangs haben wir auch viel in diese Richtung gespielt. Es ist natürlich schwer, auf großen Bühnen nur instrumental erfolgreich zu sein. Deshalb war auch von Anfang an klar, dass wir Text brauchen. Mit Keno (Langbein) hat das gut harmoniert. Marcus hat sich dann überlegt, welche Besetzung und welche Leute er haben will.

Bei der ersten Probe waren nur fünf oder sechs Leute dabei, in einem unbeheizten Gartenhaus im Winter 2008. Wir haben von der "Young Blood Brass Band" gecovert, einfach ein paar Sachen angespielt, damit wir selbst eine Soundvorstellung bekommen. Anfangs waren drei Schlagzeuger dabei. Und bis wir uns richtig gefunden haben, hat es echt lange gedauert…

Martin: "Unseren" Sound haben wir eigentlich erst zur aktuellen CD hin gefunden, finde ich. Den Bläsern war der Sound immer zu poppig, andere wollten es flacher, mehr Richtung Hip-Hop, Pop. Jetzt haben wir einen guten Mittelweg gefunden, mit dem jeder glücklich ist.

Peter: Alle kommen aus unterschiedlichen Lagern. Einige haben vorher nur Hip-Hop gemacht, andere kommen voll aus der Blasmusik, aus der Klassik, aus dem Jazz. So hat jeder seine Ansprüche, wie eine Platte klingen soll. Es gab am Anfang schon viele Diskussionen.

Martin: Das ist bei den "Lucky Chops" genauso. Ich habe letztens ein Interview gelesen, da sagen sie: "Wir sind nur so erfolgreich, weil jeder seinen Teil mit einbringt. Aber das musste sich erst finden." Die sagen genau das gleiche wie wir vor sechs, sieben Jahren. Nur bei uns ist es noch viel vielfältiger. Wir sind aber eine ordentliche Gemeinschaft geworden.

Ein Jazzer ist anders als ein Klassiker. Das musste ich auch lernen: Wenn zum Beispiel Jazzer ausmachen, dass um 18.30 Uhr Probe ist, sind um 19.15 Uhr alle da – während die Klassiker oder Blasmusiker eine Viertelstunde vorher da sind.

Jedenfalls haben wir dann immer mehr geprobt, Marcus hat geschrieben, geschrieben, geschrieben. Durch Till Hofmann sind wir in Passau zu den ersten Konzerten gekommen. Das allererste Konzert haben wir beim "Oben Ohne Open Air" in München gespielt – ein richtiges fettes Festival, "Marteria" hat vor uns gespielt… wir haben gespielt und geschaut, was passiert.

Richtig entwickelt hat es sich für mich erst 2011/2012. Und die letzten Jahre wurde dann klar, wo es hingeht. Tatsache ist: Wir sind nur soweit gekommen, weil jeder megafleißig war und jeder zurückgesteckt hat. Auch wenn alle Musiker sehr unterschiedlich sind, wollte im Endeffekt jeder das Beste für die Band. Alle sind loyal…

Peter: Das war in den ersten Jahren oft schwierig. Du hast mit MOOP MAMA einen Termin, der zwar die Band weiterbringt, bei dem du aber nichts verdienst. Dann ruft ein Theater an, ob man aushelfen könne. Ich stand oft zwischen den Fronten: Will ich heute ein bisschen Geld verdienen und meinem bisherigen Plan folgen, vielleicht irgendwann in einem Orchester unterzukommen, oder spiele ich mit MOOP MAMA?

Ich kann gerade nur von mir sprechen – das waren teilweise sehr schwierige Entscheidungen. Ganz furchtbar. Wenn du mich vor fünf Jahren gefragt hättest: "MOOP MAMA oder diese oder jene Band, die mir einen festen Platz anbietet?" – da wäre ich nicht sicher gewesen. Aber heute steht jeder wirklich mit 120 Prozent dahinter und den Leuten gefällt, was wir machen. So wie es momentan läuft, ist es wirklich ein Traum. Und das Schöne ist, dass es so natürlich wächst. Wir bekommen eine richtige Fangemeinde, das spürt man. Es gibt Leute, die waren 2016 sechs Mal beim Konzert, manche kommen bis aus Dänemark.

Wie würde denn jetzt noch mal Bewegung in die Sache kommen?

Peter: Wir hatten noch keinen richtigen Hit, sowas wie einen Radiohit. Das wäre vielleicht das, was das nächste Fenster öffnet. Wir dürfen ja heute schon auf Bühnen stehen, vor denen wir früher selber mit offenem Mund gestanden sind. Das werde ich zum Beispiel nie vergessen: In der Hamburger Markthalle gibt es mehrere Räume. In die kleinste passen 120 Leute – haben wir vollgemacht. In die nächste passen 220 – vollgemacht. Aber: Zum Einspielen waren wir immer in der großen, in die 800 reinpassen. Das war damals riesig für uns, da haben wir Gänsehaut bekommen. Und mittlerweile haben wir schon die nächstgrößere Halle gespielt…

Martin: Ich war immer optimistisch. Wenn andere gesagt haben, wir werden nie über einer 300er Halle spielen, habe ich gesagt: Ich sehe uns irgendwann da und dort.

Ihr wart von Anfang an eigentlich immer in Bewegung, richtig? Stichwort: Guerilla-Gigs?

Peter: Ja, unverstärkt guerillamäßig aufzutreten, war von Anfang an der Plan. Im Sommer 2009 haben wir tagelang in Probenräumen im Münchner Gasteig geprobt und dann wollten wir die Sachen natürlich irgendwo ausprobieren. Wir wollten sehen, wie wir bei den Leuten ankommen. Also sind wir zum Gärtnerplatz und in den Englischen Garten und haben gespielt. Es ist einfach was anderes ohne Noten und wenn Leute zuhören, sozusagen unter Realbedingungen.

Martin: Wie oft siehst du in Deutschland schon eine Band draußen spielen. So eine Band, die wie eine Wand dasteht ist auch ein Blickfang – alleine schon das Sousafon. Aber in erster Linie war es ein Probenanreiz.

Peter: Sonst hockst du halt stundenlang drinnen, entwickelst neue Sachen und irgendwann rauchen die Köpfe. Der Fokus ist ein anderer, wenn Leute zuhören.

Wie kam die Guerilla-Sache an?

Martin: Ich kann mich an zwei, drei Gigs erinnern, bei denen sofort 150 Leute dagestanden sind. Die Leute wussten ja gar nicht, was da kommt und fanden es interessant. Wenn in der Fußgängerzone ein krasser Zauberer steht, bleib ich auch stehen. Das ist außergewöhnlich. Darum heißen wir ja "MOOP": Matter out of Place – etwas, das da nicht hingehört. Das war der erste Gedanke und das wollte Marcus damit erreichen: die Musik zu den Leuten bringen, raus aus den Clubs.

Peter: Durch uns wurde auch der Begriff "Urban Brass" geprägt: Städtische Blasmusik. Da stehen sich diese zwei Bilder gegenüber: auf dem Land die traditionelle Blasmusik, in der Stadt die mobile Brassband mit Hip-Hop.

War München dafür ein besonders geeignetes Pflaster?

Martin: Ich glaube, das hätte bestimmt überall funktioniert. Einmal am Gärtnerplatz hat sich ja einer beschwert. Dann kam die Polizei und hat uns gebeten, aufzuhören. Als sie alle Personalien aufgenommen hatten, haben sie nach unserer Bandadresse gefragt. Die fanden das "inoffiziell" genauso geil. (lacht)

Peter: …die haben ja sogar noch eine CD gekauft. (lacht mit) Es ist eben in München passiert, weil dort die meisten von uns studiert oder sich als Freelancer niedergelassen haben.

Martin: Es gibt auch eine super Anekdote, die Keno irgendwann erzählt hat. Wir haben einmal in Hamburg auf einer Hochzeit gespielt. Keno stand danach in der Bar und im Vorbeigehen hat er einen Typen über MOOP MAMA sagen hören: Sowas würde es in München nie geben…

Bewegung auf der Bühne

Welches künstlerische Konzept liegt denn euren Auftritten zugrunde?

Martin: Bewegung auf der Bühne macht uns aus, da passiert einfach megaviel. Der eine macht mehr, der andere weniger. Die einen sind ein bisschen ernster, die anderen die Quatschköpfe. Jeder hat sein "Gesicht". Peter rennt immer mit seiner "Susi" rum, die Schlagzeuger sind aus meiner Sicht "die Verpeilten". Das ist cool, dass ­jeder seine Rolle gefunden hat.

Wenn ich heute Konzerte besuche, ist es – vermutlich durch MOOP MAMA – so, dass ich gelangweilt bin, wenn auf der Bühne nichts passiert. Ich finde, du musst den Leuten nicht nur musikalisch etwas bieten, sondern auch visuell. Stell dir mal unsere Musik vor, wenn wir nur rumstehen würden… also mein Traum sind ja Rampen auf der Bühne für unsere Bikes – wenn die Bühne irgendwann einmal entsprechend breit ist. Mit der Trompete in der Hand drüber fahren ginge (lacht) – mit dem Sousafon?

Peter: Ich träume von einem Trampolin, mit dem ich Überschläge machen kann… (großes Gelächter in der Runde)

Wie viel an eurer Bewegung/Choreografie ist einstudiert, wie viel improvisiert?

Peter: Da ist nichts geschauspielert. Es gab mal eine Choreo beim Song "Wunderheiler", bei dem wir wirklich einen Tanz einstudiert haben. Aber das war halt ein Gag. Die Bewegung auf der Bühne entsteht wirklich im Moment. Wir besprechen nur die Anfangsaufstellung bei jedem Song. Das sieht sonst total dämlich aus, wenn jeder irgendwo hinrennt und dann stehen in einer Ecke acht und in der anderen nur einer. Da entsteht ein peinliches Chaos – gerade, wenn die Bühnen größer werden.

Martin: Wenn ich was mache, machen die neben mir einfach mit. Zum Beispiel haben Menzel (Mutzke, Trompete) und ich schon so viel Quatsch auf der Bühne gemacht, da weiß der eine schon, wie er zu reagieren hat, wenn der andere was anfängt. Menzel und ich schauen uns fast mehr gegenseitig an als ins Publikum, weil wir immer auf der Suche nach dem nächsten Quatsch sind. Auf Tour kam irgendwann die Ansage an uns, dass wir bei zwei Songs ernsthaft tanzen und uns nicht zum Affen machen sollen. Wir haben das wirklich versucht, aber wir haben es nicht geschafft…

Peter: Die zwei machen halt immer ein bisschen auf Kasperle… (lacht).

Martin: Aber das passt voll: alleine schon der Größenunterschied ist witzig. Es hat aber auch was mit unseren Klamotten zu tun. Früher sind wir in Privatklamotten aufgetreten, dann kam eine Blau-Rot-Grün-Phase, dann rot – aber irgendwie rot halt. Dann haben wir uns rote Outfits ausgesucht, in denen wir uns richtig wohlfühlen. Der eine sportlich, der andere gemütlich, der nächste elegant. Ich fühle mich mit meinem Bühnenoutfit wohl und voll in meiner Rolle, weil ich mich auch so sehe. Wenn ich in meinen Alltagsklamotten auf der Bühne stehen würde, würde ich nie so abgehen. Es gibt ja auch keinen, dem der Jumpsuit besser passt, als dir…

Peter: Wie meinst du jetzt? Optisch? Oder dass ich ihn gut ausfülle? (lacht)

Martin: Früher hast du ihn besser ausgefüllt. (lacht mit) Aber das meine ich nicht. Das passt einfach bei dir besser, als wenn ich sowas anhätte.

Peter: Das ist gerade ein bisschen paradox, weil ich ja vorhin gesagt habe, dass wir nicht schauspielern.

Martin: Tun wir ja auch nicht. Wir gehen nur mehr aus uns raus, finde ich. Ich hatte früher zum Beispiel viel mehr Schiss, dass ich mich dumm bewege – und ich bewege mich nur dumm! Aber das ist mir heute egal. Du bist einfach mehr du, wenn du dich in deinem Outfit wohlfühlst.

Wie bereitet ihr euch auf eure doch recht sportlichen Auftritte vor?

Martin: Inzwischen machen wir viel mehr Sport als früher. Da war man halt zweimal in der Woche joggen. Aber du musst dich wirklich vorbereiten, dass du fit bist. Wenn ich nichts machen würde, könnte ich das nicht stemmen. Da wäre ich auch ansatzmäßig sofort platt. Im Endeffekt ist es sehr gesund, was wir machen. Du kannst nach dem Auftritt auch nicht lange Party machen, weil du sonst die Show am nächsten Tag nicht stemmen könntest.

Peter: Es gibt aber auch die andere Seite. Zum Beispiel spüre ich nach vielen Konzerten meinen Rücken. Da muss ich mich erstmal wieder einrenken lassen.

Martin: Aber abgesehen von solchen Nachwehen musst du dich auch auf die Tour vorbereiten.

Peter: Ja klar. Ich bin erst durch MOOP MAMA wieder zum Sport gekommen. Mit 14 hab ich mit Fußball aufgehört, weil ich auf die Musik gegangen bin. Durch die Band wurde ich fast dazu gezwungen. Wir gehen eigentlich jeden zweiten Tag raus, wenn’s irgendwie geht. Ich bin vor zwei Jahren einen Halbmarathon gelaufen, das hätte ich nie für möglich gehalten.

Martin: Früher war der Pedro beim Joggen nach 300 Metern abgeschlagen hinter uns – inzwischen ist er richtig fit.

Peter: Das musst du auch sein. Wenn ich zurückdenke an die ersten Konzerte: Wenn ich vom Bühnenpodest gesprungen und wieder hochgestiegen bin, habe ich gespürt, dass mir das aufs Knie geht. Heute muss ich nicht mehr darüber nachdenken.

Martin: Mittlerweile machen wir alle Sport. Auch Hannes (Geiß, Altsaxofon), der lange geraucht hat, fährt jetzt wie ein Wilder Rad. Wir haben sogar eine Sportgruppe in WhatsApp.

Bewegung durch das Land

München ist ja nicht mehr eure Homebase. Mittlerweile seid ihr auf ganz Deutschland verteilt, oder?

Martin: Wir sind verteilt auf Hamburg, Köln, Mannheim, München, Nürnberg, Weimar, Ulm, Lindau und das Chiemgau.

Wie kriegt man da beispielsweise die Proben organisiert?

Peter: Das organisieren wir blockweise, zum Beispiel in einer Woche zwischen zwei Festivals. Es würde wirtschaftlich auch nicht viel Sinn machen, sich öfter zu treffen. Wenn wir uns einmal zum Proben treffen, summieren sich über 1000 Euro Anfahrtskosten. Bei zehn Leuten versucht man einfach gut zu wirtschaften.

2016 habt ihr den Guerilla-Gig-Gedanken auf ein neues Level gehoben – ihr wart auf Fahrrädern unterwegs durch Deutschland…

Peter: Ja, wir sind mit Sprintern von Stadt zu Stadt gefahren und innerhalb der Stadt auf den Bikes unterwegs. Aber die Räder sind natürlich nicht für lange Strecken ausgelegt. Mein Trike zum Beispiel hatte keine Gangschaltung, das war ganz schön anstrengend. (lacht)

Martin: Der Anreiz war tatsächlich der Guerilla-Gedanke: mobil zu sein und so schnell wie möglich spielen zu können. Jan hat da viel Herzblut reingesteckt, er hat sich um die Räder gekümmert. Die, die im Vorfeld Zeit hatten, haben mitgewerkelt. Bei der Tour ging es vor allem um das Promoten der CD. Andere Bands geben viel Geld für große Plakate aus, die anderen bringen die Musik direkt zu den Leuten.

Peter: Wir wollten unser Alleinstellungsmerkmal, dass wir jederzeit und überall spielen können, herausarbeiten. Weil das können andere Bands mit E-Bass oder ­-Gitarre eben doch nicht in dieser Art.

Martin: Wir konnten ja wegen der Polizei nicht so viel ankündigen. Das war früher auch schon so, dass wir gepostet haben: "Wir spielen heute da und dort" – und dann war die Polizei schon vorher da. Wir haben immer nur eine Stunde vorher gepostet: "Achtung, wir sind jetzt in der Stadt! Augen und Ohren offen halten!" Es waren jeden Abend 400, 500 Leute da, richtig geile Auftritte. Jan wollte das schon immer machen. Er hatte die Idee schon vor Jahren.

Peter: Natürlich, wenn wir jetzt krasse Promis wie Jan Delay wären, würde das wahrscheinlich nicht gehen. Aber unser Plan ist, das so beizubehalten. Wir wollen nicht das typische "Jetzt haben wir’s geschafft, jetzt machen wir sowas nicht mehr". Unser Ziel ist, so eng wie möglich bei den Leuten zu bleiben. Sowas wie die Fahrradtour ist doch auch eine Art Jugendtraum. Vom Gefühl her war es eine Tour mit den kleinen Superstrolchen – völlig verrückt, wir haben uns gefreut wie die Kinder.

Martin: Es war währenddessen mega­anstrengend. Wir haben in 6er-Zimmern gepennt oder irgendwo bei Kumpels auf alten Matratzen. Aber rückblickend war es eine superschöne Zeit. Und wir haben mehr davon als von Plakaten, an denen Leute vorbeigehen und sie nach einer Minute vergessen. So eine Aktion streut viel effektiver. Weil: Wer findet das bitte nicht cool, wenn zehn Leute mit selbstgebauten Bikes ankommen und spielen? Und auf lange Sicht haben wir Videomaterial, um übers Jahr was zu bringen. Wir überlegen schon, was wir bei der nächsten CD machen. Auf jeden Fall keine Plakate aufhängen!

Auf eurer aktuellen CD "MOOP TOPIA" ist unter anderem Jan Delay zu hören, den ihr als Vorband auf Tour begleiten durftet. Was nimmt man von solchen Leuten mit?

Martin: Man sieht, wie professionell die sind, wie professionell Soundchecks ablaufen. Ich habe vorhin die Unterschiede zwischen Jazzern und Blasmusikern beim Proben erwähnt… Für manche von uns war das ein richtig krasser Schock, wie professionell die "Disko No. 1" ist. Aber auch neben der Bühne war es hochinteressant zu sehen, wie das Geschäft läuft: wie die Crew arbeitet und in kürzester Zeit Sachen aufbaut.

Peter: Was mich sehr beeindruckt hat, waren Gespräche mit den Musikern. Die waren gefühlt zehn Jahre älter, von der Erfahrung her. Ich habe mir nach dem Zusammentreffen mit dem Bassisten zum Beispiel 15 andere Bassisten reingezogen, weil der gesagt hat: "Was, du kennst den nicht?" Jetzt sage ich das zu jemandem, wenn es um Bassisten geht.

Kam Jan Delay mit der Vorprogramm-Anfrage auf euch zu?

Martin: Ja – und das hätte er nicht machen müssen, weil die großen Bands oft Label-eigene Bands mitnehmen. Aber es gab in der Vergangenheit schon ein paar Berührungspunkte mit ihm und er wollte uns ausdrücklich! Und wir wurden am Schluss der Tournee sogar gelobt, weil wir uns wohl sehr gut benommen haben. (lacht)

Wart ihr "mit Ansage brav" oder verlangt das Leben auf Tour einfach Disziplin?

Peter: Obwohl wir auf Tour wirklich auf uns aufpassen – Sport, gesunde Ernährung, wenig bis keine Party –, war es manchmal echt grenzwertig. Ich habe auf der Bühne eigentlich die ganze Zeit durchgebrettert, hatte wenig Pausen. Und ich hatte immer das Gefühl, dass ich um 12 ins Bett muss, sonst pack ich den nächsten Gig nicht…

Martin: Vor dem Tourabschluss in München konnte ich fast nichts mehr sagen. Mein Vorsatz für München war, dass ich nochmal richtig Gas gebe. Nach dem Konzert war mein Papa im Backstage. Ich hab gesagt: "Red nicht mit mir!" Ich konnte nicht mehr, ich war echt platt.

Peter: Kenn ich. Da hab ich mich auch gefühlt wie ein Zombie!

Bewegung in der Gesellschaft

Kenos Texte sind ja oft sehr kritisch. Steht die Band hundertprozentig dahinter?

Peter: Da gibt es nicht mehr viel zu diskutieren, weil wir voll auf seine Texte stehen.

Martin: Es gab vielleicht zwei, drei Situationen, dass sich jemand mit Passagen unwohl gefühlt hat. Das ist eine Gratwanderung, weil jeder anders erzogen wurde. Keno muss kreativ sein, aber aufpassen, weil wir alle dahinterstehen sollten. Das hat sich entwickelt. Keno schreibt megagut, ihm ist die Message sehr wichtig. Aber er schreibt auch "anstrengend". Oft muss man Texte öfter lesen/hören, bis man dahintersteigt – im Gegensatz zu manch anderer Musik. In der Popwelt sind viele Texte recht einfach und simpel gestrickt…

Peter: Stichwort: "Holz". (lacht)

Bewegung zwischen den Stilrichtungen

Musikalisch seid vor allem ihr beide in verschiedenen Genres unterwegs. Wie schnell kann man da umschalten?

Peter: Wenn ein, zwei Tage zwischen einem Egerländer- und einem MOOP MAMA-Auftritt liegen, ist es für mich perfekt. Wenn ich mit MOOP MAMA unterwegs bin, kann ich aus logistischen Gründen meine F- und B-Tuba nicht mitnehmen. Das heißt, ich fahre nach dem Gig oder nach der Tour heim und nehme erstmal wieder die Tuba in die Hand. Das Tubaspiel fühlt sich einfach anders an. Ein schneller Wechsel geht problemlos – aber ich fühle mich wohler, wenn ich einen Tag habe, um mich mit dem Instrument wieder richtig vertraut zu machen.

Grundsätzlich würde ich bei MOOP MAMA sicher manches anders spielen, wenn ich nicht auch bei den Egerländern spielen würde. Bei den Egerländern gibt es einen bestimmten Sound – eine bestimmte Attack – die ich zum Teil für MOOP MAMA übernommen habe. Andersrum ist es ebenso: Slowrocks bei den Egerländern spiele ich durch MOOP MAMA ein bisschen anders als vor fünf Jahren.

Diese Kombination sehe ich auch als unsere Mission: Wir wollen durch die angesagte Musik von MOOP MAMA die Jungs und Mädels keschen, damit sie wieder zur Blasmusik finden. Wenn du bei mir Tuba-Unterricht nimmst, weil du MOOP MAMA cool findest, wirst du nicht drumrum kommen, auch zu lernen, wie man eine Polka spielt.

Martin: Das ist für uns beide eine Verantwortung, weil wir junge Musikanten beeinflussen können. Zum Beispiel hat die Tochter von Rudi König (Klarinettist bei den Egerländer Musikanten) ihn einmal gefragt, ob er MOOP MAMA kennt. Und er: "Klar, zwei von denen spielen bei den Egerländern mit." Wenn manche Kids mitkriegen, was wir machen bzw. dass wir beides mit vollem Herzblut machen, drehen die völlig durch. Und so finden sie den Weg vom einen "Lager" ins andere.

Beim "Woodstock der Blasmusik" 2017 spielt ihr am Samstag mit MOOP MAMA direkt nach den Egerländer Musikanten. Eine besondere Herausforderung?

Martin: Wegen uns beiden ist es ja so. (lacht) Wir haben gesagt, wenn MOOP MAMA beim "Woodstock" spielt, dann am Samstag. Weil wenn dann am Samstag noch ein anderer Festivaltermin reingekommen wäre, hätten wir den Egerländer-Auftritt nicht spielen können. Es war also klar: beide Bands Headliner, Egerländer am frühen Abend, MOOP MAMA danach. Es kamen schon Fragen aus der Band, ob wir das kraftmäßig schaffen. Aber wir sind ja Musiker und haben Bock drauf, das zu schaffen. So eine Herausforderung musst du "nehmen". Ich freue mich drauf!

Peter: Ich freue mich auch riesig. Da gilt das, was dein Vater immer sagt: "Vorbereitung ist alles!" Wenn ich so einen Doppeltermin weiß, übe ich vorher einfach mehr.

Aber die Reihenfolge ist euch so herum sicher lieber, oder?

Martin: Ja, viel besser. (lacht) Wobei ein Instrumentenwechsel von Flügelhorn auf Trompete oder andersrum immer nur Kopfsache ist. Schau dir irgendwelche High-Note-Trompeter an – denen ist irgendwann alles wurscht. Da musst du nicht nur körperlich, sondern auch mental fit sein. Das ist die Herausforderung.

Apropos körperlich fit sein: Ich hoffe ja, dass das Wetter daheim besser ist als bei euch, damit wir heute noch rausgehen und uns ein bisschen bewegen können… (lacht)

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