Matthias Schriefl hat das letzte Wort

  • 19.04.2012
  • Das letzte Wort

Die clarino-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie einen Allgäuer Viehscheid besucht haben?

Ich bin kein Rindvieh, daher war ich noch nie bei einem. Ich werde mir aber bestimmt mal einen anschauen, ich bin ja kein Rindvieh.

Wann war das letzte Mal, dass Sie jemand gefragt hat, was Sie eigentlich für Musik machen?

Das frag ich mich selbst täglich mehrmals, und komme immer wieder zu den drei ­Worten zurück, die meine Musik am besten beschreiben: Jazz, Jazz, Jazz.

Wann war das letzte Mal, dass Sie gedacht haben: »Typisch deutsch!«?

»Typisch deutsch« wird ja meistens in einem negativen Wortfall benutzt, dabei schätze ich, je mehr ich im Ausland bin, auch die positiven Seiten der Deutschen, zum Beispiel die guten Autobahnen. Nein, im Ernst, man kann saufroh sein, in Deutschland aufgewachsen zu sein. Übrigens, diese Frage finde ich sehr typisch deutsch.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich gewünscht haben, einen »ordentlichen Beruf« erlernt zu haben?

Heute Nacht habe ich geträumt, ich wäre Bass-Saxofonist, und das war alles so einfach. Tief spielen, hoch spielen, schnell spielen, alles ging wie von selbst. Beim Aufwachen war ich ein bisschen traurig, dass das nur ein Traumkonzert war.

Wann war das letzte Mal, dass Sie geweint haben?

Gestern, um 23.27 Uhr.

Wann war das letzte Mal, dass Sie so richtig zünftig bayerisch musiziert haben?

Richtig zünftig habe ich sowieso noch nie bayrisch musiziert. Da waren immer ein paar unzünftige Noten dabei, so ganz zünftig kriege ich das nie so richtig lange am Stück hin. Aber ich habe vorgestern bei mir zu Hause in Maria Rain im Allgäu ein Almkonzert auf der Schnakenhöhe gemacht, mit meiner neuen Band »Six, Alps & Jazz« und ein paar Dreigesängen von meiner Mutter und meinem Onkel. Das war schon ziemlich zünftig.

Wann war das letzte Mal, dass Sie gedacht haben: »Oh, da habe ich wohl zu viel geredet.«?

Gestern, um 23.26 Uhr.

Wann war das letzte Mal, dass Sie eine Nacht durchgemacht haben?

Das war vor ein paar Wochen, bevor ich nach Marokko geflogen bin. Da habe ich noch sämtlichen Papierkram erledigt, wie ich das immer mache, bevor ich länger auf Tour gehe. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie etwas Verbotenes getan haben?

Gerade vor vier Minuten bin ich bei Rot über die Ampel gelaufen. Und gestern habe ich eine b9 unter eine 9 ins selbe Voicing gesetzt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie einen Musik-Kollegen beneidet haben?

Ich bin jeden Tag neidisch auf Andy Haderer, weil der sich nie einspielen muss und trotzdem alles geht.

Wann war das letzte Mal, dass Sie so richtig stolz auf sich waren?

Ich war total stolz auf mich, als ich bei der letzten Bergtour in den Lechtaler Alpen alle meine Geschwister und sogar meine Turbo-Mutter abhängen konnte.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich selbst gegoogelt haben?

Ich bin wie gesagt kein Rindvieh. Und außerdem liebe ich die Freiheit, die Musik und die Natur. Google melkt uns alle, wie die Rindviecher, ohne dass wir es merken. Und ich bin ja schließlich kein Rindvieh. Bessere Suchmaschinen als Google: www.bing.com, www.de.znout.orgz

Matthias Schriefl

stammt aus einer musikalischen Groß­familie (sein Vater machte viel Kirchenmusik, sein Bruder Magnus ist ebenfalls ein herausragender Trompeter) und ist wohl einer der wildesten Musikanarchisten des Landes. Doch seine Wurzeln in der Allgäuer Volksmusik hat er nie vergessen. Allerdings hat man bis zu seinem neuen ACT-Album »Six, Alps & Jazz« warten müssen, bis er diese Traditions­linie ganz in den Mittelpunkt stellt. Nach den klassischen ersten Stationen wie »Jugend musiziert« (Bundessieger mit 11 Jahren) und »Jugend jazzt« (Bundessieger mit 17 Jahren), dem Landesjugend- und dem Bundesjazzorchester; nach den Lehrjahren bei Andy Haderer an der Kölner Musikhochschule, einem Studienjahr in Amsterdam; nach dem Austoben in diversen Stilen und Formationen von der brasilianischen Musik (Brazilian Motions) über Modern Jazz (unter anderem mit seinem Trio und der eigenen Bigband)

bis zur Musik-Comedy (Mutantenstadl); nach dem Musizieren mit unzähligen Jazzgrößen und etlichen Auszeichnungen wie dem »AZ-Stern des Jahres« und dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen; nach dem Durchbruch mit seinem Shreefpunk, seiner gewagten Jazz-Punk-Groove-Fusionband jenseits aller Konventionen, die es mit den beiden ACT-Veröffentlichungen »shreefpunk plus strings« und »Shreefpunk live in Köln« schaffte, »keine weitere Jazzband zu sein, die keiner braucht«, wie Schriefl es formulierte; zuletzt mit einer Art Einspielen als regelmäßiger Gast der Neuen-Volksmusik-Truppe Unterbiberger Hofmusik – nach all dem also ist Schriefl wieder ganz bei sich gelandet. 

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