Mal konkret: Tipps zu Frank Tichelis "Amazing Grace"

Hinweis: Leider ist uns in der CLARINO 2/2017 ein kleiner Fehler unterlaufen und es hat sich ein falscher Link eingeschlichen. Wenn Sie an dieser Stelle eigentlich die Tipps zu Philip Sparkes "Moving Heaven and Earth" lesen wollten, dann klicken Sie bitte auf folgenden Link: bit.ly/mal-konkret-15. Wir bitten um Entschuldigung!

Es ist ein englischsprachiges geistliches Lied, es gehört zu den beliebtesten Kirchenliedern der Welt Und es war Nummer eins der Hitparade – wenn auch erst über 200 Jahre nach seiner Schöpfung: "Amazing Grace". 1972 kam es in einer Version der Royal Scots Dragoon Guards an die Spitze der britischen Charts. Frank Ticheli hat das Werk für Blasorchester bearbeitet.

Der Komponist Frank Ticheli

Im Januar feiert Frank Ticheli seinen 59. Geburtstag. In Monroe, im amerikanischen Bundesstaat Louisiana, hatte er das Licht der Welt erblickt und heute lebt er in Los Angeles, wo er unter anderem an der University of ­Southern California als Professor für Komposition arbeitet.

In der Bläserszene ist er längst kein Unbekannter. Er schreibt viel beachtete Werke für Bläserensembles und Blasorchester und sein Schaffen für Chor, Kammerensemble und Sinfonieorchester sollte auch nicht unerwähnt bleiben.

Will man seine Musik beschreiben, so ist es durchaus erlaubt und schlüssig, mit gegensätzlichen Begriffen zu operieren. Manche bezeichnen seinen Stil als "optimistisch wie auch nachdenklich". Andere als "mager und muskulös", ganz im Gegensatz zu Stimmen, die Adjektive wie "glänzend und effektvoll" bemühen.

Zusammenfassend kommt dann wohl so etwas wie "kraftvoll, tiefempfunden, mit Fingerspitzengefühl und einem feinen Gespür für Instrumentation" heraus. Und in der Tat, in seiner Bearbeitung von "Amazing Grace" findet man durchaus all diese Facetten.

Das Lied "Amazing Grace"

Das englische Lied "Amazing Grace" zählt wohl zu den bekanntesten Kirchenliedern der Welt. 1835 wurde es zum ersten Mal veröffentlicht. Sein Autor, John Newton, war einst Kapitän eines Sklavenschiffs. Der Geschichte nach geriet eben dieses 1748 in schwere See, wurde aber, nach Anrufen des Erbarmen Gottes, wie durch ein Wunder gerettet.

Dieses existenzielle Erlebnis berührte Newton so sehr, dass er nicht nur um­gehend die ihm anvertrauten Sklaven besser behandelte, er gab alsbald auch seinen Beruf auf, wurde gar Geistlicher und trat vehement für die Bekämpfung der Sklaverei ein.

Bis zum heutigen Tage erklingt diese fest­liche, gleichsam aber auch traurige und nachdenkliche Melodie bei Gedenkfeiern und Beerdigungen. Sie berührt die Menschen nach wie vor. Sie hat aber auch Unterhaltungspotenzial und ist kommerziell sehr gut einsetzbar.

Die Idee hinter Tichelis Version

Frank Ticheli beschreibt seine Herangehensweise und seinen letztendlich gefundenen Plan wie folgt: "Ich wollte die Stärke der Einfachheit dieser Melodie und dieser Worte würdigen. Wollte aufrichtig, ehrlich, direkt und ehrenhaft bleiben, ohne mit neuartigen, übermäßig originellen Harmonien oder klugen Kunstgriffen dem Werk zu Leibe zu rücken.

Im Fokus stand, auf durchaus traditionellen Pfaden, den Weg zu Wahrheit und Originalität zu finden. Ich bin überzeugt davon, dass Musik die Kraft hat, uns in Sphären zu führen, wohin es Worte nie schaffen.

Und so entwickelte sich mein eigenes Gefühl zu 'Amazing Grace', während ich schrieb. Harmonie, Struktur, Instrumentation und Form hängen untrennbar zusammen, sie sind so ineinander verschlungen, dass sie als 'eine' ausdrucksstarke Einheit wahrgenommen und gefühlt werden müssen."

Fazit des Autors

Ein vielschichtiges Arrangement, vielmehr "Werk", das aber nicht einfach nur so "zum Liebhaben" entstanden ist. Die "Weltmelodie Amazing Grace" hat sicherlich schon viele Ohren erreicht – in Kirchen, an Gedenkstätten, in Kaufhäusern, in Konzertsälen, in Hotelaufzügen und vielen Plätzen mehr.

Bestehendes einfach noch einmal solide zu wiederholen, es in bekannter Qualität einfach noch einmal zu erneuern, dazu bedurfte es im Grunde keines neuen Anlaufs. Frank Ticheli hat ihn aber trotzdem gewagt und der Melodie eine persönliche "Extraportion" mitgegeben, eben mehr als nur eine gehaltvolle Reproduktion.

Mir gefällt seine Betrachtung außerordentlich gut. Sie vereint nicht nur viele gut gemachte handwerkliche Aspekte, sie berührt und ermöglicht an vielen Stellen einen musikalischen und emotionalen Mehrwert.

Dazu gehört die Tatsache, dass dieser Ohrwurm neben den selbstverständlich auch von mir geliebten reinen "Wohlklängen" zudem "Zwischentöne" einfordert. Ein kulinarisch orientiertes Publikum muss sicher vorbereitet und angeregt werden, die "fragende Mitte" des Werks anzunehmen.

Aber gerade das Schaffen dieser Kontraste macht in meinen Ohren unsere Konzerte so wertvoll. Warum? Weil man danach nach Hause geht, sicherlich gut unterhalten und beseelt worden ist, und zudem noch etwas mit auf den Weg bekommen hat, das anregt, weiter hinhören zu wollen.

In der angehängten PDF-Datei finden Sie praktische Hinweise zum Stück (nicht nur) für Dirigenten.

Dateien:

  • 21.12.2016
  • Tipps & Praxis
  • Renold Quade

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