Mal konkret: Tipps zu David R. Gillinghams "Be Thou My Vision"

  • 22.02.2017
  • Tipps & Praxis
  • Renold Quade
  • Ausgabe: 3/2017
  • Seite 14-15

Sinfonische Blasmusik mit österlichem Anstrich? Sicher nicht so häufig angegangen wie etwa das Thema Weihnachten. Aber David R. Gillingham schuf mit "Be Thou My Vision" ein Werk, das, fußend auf einer ehrwürdigen Hymne, die ewige Botschaft von Glaube und Hoffnung verkündet.

"Be Thou My Vision" ist etwa zu übersetzen mit: "Sei du meine Vision, meine religiöse Ausrichtung, meine im religiösen Sinne richtungsweisende, erneuernde Zukunft". Der Text basiert auf der alten irischen Hymne "Rob tú mo Baille", oder auch "Bi Thusa ´mo Shuille", die Mary Elizabeth Byrne 1905 ins Englische übersetzte und die von Eleanor Hull im Jahre 1912 abschließend unter dem heute gebräuchlichen Text veröffentlicht wurde.

Der Text

Die erste Strophe lautet: "Be thou my vision, O Lord of my heart, be all else but naught to me, save that thou art; be thou my best thought in the day and the night, both waking and sleeping, thy presence my light". (Sei du meine Vision, o Herr meines Herzens; nichts ist mir alles, außer dass du bist – du mein bester Gedanke, bei Tag und bei Nacht; wachend oder schlafend, deine Gegenwart mein Licht.)

Im Jahre 1919 wurde dieser Text mit dem irischen Volkslied "Slane" verbunden, einer Melodie, die dem Vernehmen nach aus dem 6. oder 8. Jahrhundert stammt und nun in dieser Form, mit dem Text von Eleanor Hull, bis heute gesungen wird.

"Slane" ist übrigens zudem eine Ortschaft im County Meath. Von ihr erzählt man eine Geschichte aus dem 5. Jahrhundert. Dort wurde der Legende nach ein Osterfeuer entzündet, aus Trotz gegen den heidnischen König Loegaire, und um in Freiheit das Evangelium predigen zu können.

Der Komponist David R. Gillingham

Der Amerikaner David R. Gillingham, 1947 geboren, spielte bereits ganz ordentlich Eufonium und die ganze Palette der Tasteninstrumente, als er sich entschied, ein Musikstudium an der University of Wisconsin-Oshkosh aufzunehmen. Dort erwarb er als erstes Bachelor- und Masterabschlüsse in Instrumental Music Education. Seine Ausbildung wurde durch den Vietnamkrieg unterbrochen, der ihn ohne Frage emotional stark berührte und bewegte.

Wieder zurück im zivilen Leben, setzte er seine Studien fort und wurde PhD in Music Theory/Composition an der Michigan State University. Dr. Gillingham lehrt heute als Professor für Musik an der Central Michigan University. Er erhielt 1981 den "DeMoulin Award" für sein Konzert für Bassposaune und 1990 den "Excellence in Teachig Award". Im gleichen Jahr gewann er den "International Barlow Competition" der Brigham Young University für sein Werk "Heroes, Lost and Fallen" – wohl seine persönliche Verarbeitung des Vietnamkrieges.

Er ist Mitglied der ASCAP und ebenda ausgezeichnet mit dem "Standard Award for Composers" in Konzertmusik. Die Förderung zeitgenössischer Musik liegt ihm am Herzen. Freunde, wie zum Beispiel der Trompeter Fred Mills (Canadian Brass), sagten über ihn: "Musicians and regular audiences like his compositions immediately." 1999 komponierte er "Be Thou My Vison", welches im darauffolgenden Jahr vom Indiana University Wind Ensemble uraufgeführt wurde.

Die Idee zu "Be Thou My Vision"

"Es war eine Ehre für mich und ich empfinde es gar als Privileg, 'Be Thou My Vision' für Ray und Molly Cramer und zu Ehren ihrer Eltern, komponiert zu haben. Die Arbeit daran berührte mein Herz, war hoffnungsvoll inspirierend und von großem Willen nach Ausdruck getragen.

Die Hymnenmelodie 'Slane' ist eine meiner Lieblingsmelodien. Sie hat mich im Laufe des Kompositionsprozesses dazu inspiriert, eine Gegenmelodie zu schreiben, die ich, da ›Slane‹ in Wirklichkeit eine alte irische Ballade ist, ebenfalls im Stil einer alten irischen Ballade angelegt habe.

Somit teilen sich die beiden bestimmenden Melodien des Werks eine besondere Kameradschaft. Das Stück beginnt, wenn man so will, in einer mittelalterlichen, von Ehrfurcht geprägten Stimmung. Die erste Präsentation von 'Slane' in d-Moll wird 'dunkel' und 'singend' vom Eufonium angeführt. Dem folgt die quasi neu komponierte irische Ballade, 'gesungen' von einer Flöte, die das gesamte Ensemble in A-Dur im Tutti zur Kernaussage führt.

Ein Zwischenspiel, in anmutig betender Ruhe, beruhigt das Werk für eine kurze Zeit, bevor die Ehe der beiden irischen Melodien in Des-Dur zu einem glorreichen Höhepunkt wächst. Ein himmlischer Segen beschließt das Stück."

So beschreibt David R. Gillingham mit betont blumigen Worten seine Musik. Für ihn, der mit seiner Komposition weit über ein bloßes Arrangieren einer Choralmelodie hinausgeht, steht der Ausdruck der ewigen Botschaft des Glaubens und der Hoffnung im Vordergrund.

Aufbau und Analyse

Dunkle, gedeckte Klarinetten, Pauken und Stabspiele eröffnen mit einer Klangfläche, die zunächst kurz und dann später intensiver durch Horn und Posaune angereichert wird, gar vom mittleren Blech übernommen wird.

Die Stabspiele, im ganzen Werk immer wieder mit Wirkungsaufgaben im Verbund mit den Hölzern versehen, sorgen für organisierte rhythmische Unruhe. Die Hörner beleben mit kleinen melodischen Bewegungen die Spannung in den liegenden Klängen.

Ab Takt 11 wieder sparsame hohe Hölzer, unaufdringlich, aber mit perspektivischer Wirkung. Angelehnt an die bereits etablierten rhythmischen Grundfiguren der Stabspiele übernehmen sie nun deren rhythmisch-harmonische Aufgabe, entwickeln aus der vorhandenen Substanz heraus eine neue Begleitfigur und leiten ab Takt 16 den ersten Themeneinsatz ein.

Das Eufonium trägt die Melodie, quasi im kontrapunktischen Stil begleitet von den Bässen. Ein solistisches Horn greift immer wieder komplementär dazwischen, während die Hölzer ostinat ihre Begleitfunktion beibehalten.

In Takt 33 wird F-Dur erreicht, aus ³/₂ wird ³/₄ und die Musik wird deutlich fließender. Die Querflöte trägt über 16 Takte das oben beschriebene zweite Thema vor. Posaunen und Tuben begleiten harmonisch, breit und ruhig. Arpeggien von Bassklarinette und 1. Klarinette (Stabspiele nicht zu vergessen) umspielen sanft.

Ab Takt 51 addieren sich nach und nach die anderen Instrumente und leiten über drei Takte modulierend über zum ersten "with dramatic dignity" Orchestertutti in A-Dur. Forte wird nicht überschritten. Das Blech, wohl ausgesetzt und angeführt von zunächst Horn, und dann von den Trompeten, präsentiert die ersten acht Takte von "Slane". Hölzer und Schlagwerk umspielen mit dem Motiv der Überleitung der Takte 51 bis 53.

In Takt 62 wird erstmalig ein Fortissimo erreicht und die ersten Takte des zweiten Teils von "Slane" erstrahlen im Stilmittel unisono. Die Melodie wird aber nicht unmittelbar zu ihrem Ende geführt. Der Einschub von zwei beruhigenden, ritardierenden ⁴/₄-Takten sorgt zunächst für Entspannung. Erst weitere vier Takte später, wieder im Dreier ("slowly with reverence") vollendet das Altsaxofon die Melodie in andächtiger Stimmung.

Ab Takt 78 entwickelt sich in Des-Dur das, was der Komponist mit "Ehe der beiden irischen Melodien", die "zu einem glorreichen Höhepunkt wächst und dann nachlässt", beschrieben hat. Die Rollen sind dabei klar verteilt. Das Blech (und später auch die Saxofone) trägt die melodischen Linien und die Harmonien. Den Hörnern wird der Part der Gegenstimme zuteil. Die Hölzer verbreiten aufwendig, aber nie im Vordergrund stehend, flirrende Unruhe, die sich wie ein Glitzerteppich umspielend über das Geschehen legt.

Ein Tenorsaxofon-Solo beendet diese Passage und führt in eine viertaktige Überleitung, nun wieder im Vierertakt, die "den himmlischen Segen" einleitet. In einem durchweg dreierorientierten Metrum sind bei allgemein sparsamer Instrumentation Hörner, Eufonium und Posaunen noch einmal gefordert. Die Hölzer, flankiert von den Stabspielen, sind quasi zurückgezogen und bereichern durchaus wirkungsvoll mit lediglich kleinen aufflammenden Motiven.

Fazit des Autors

In knapp sieben Minuten erlebt man ein Werk, das nicht schlichtweg "wohlklingend süß" und schon gar nicht voraussehbar kompakt eine Choralmelodie lediglich in griffigem vierstimmigem Satz wiedergibt. Die selbstverständlich wohlklingenden Tutti werden über stimmungsvolle Anläufe spannungsvoll erarbeitet.

Den Holzbläsern (und Stabspielen) wird im Werk häufig eine ganz eigene Rolle zuteil. Filigran, ostinat und dabei durchaus auch sportlich haben sie technische Aufgaben zu bewältigen, die nicht mit dem Ziel antreten, auffällig zu brillieren, sondern vielmehr gekonnt in der zweiten Reihe zu veredeln. Klang ist Trumpf im ganzen Stück.

Vieles entwickelt sich aus kammermusikalischen Passagen heraus und führt zu intensiven Tutti-Erlebnissen, die aber nie zu dynamischer Ausuferung einladen. Die Musik schafft für mich eine ganz eigene Mischung aus Festlichkeit, Dramatik, Funkeln, Spannung, Freude und Ruhe.

Praktische Hinweise (nicht nur) für Dirigenten gibt es in der angehängten PDF-Datei.

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