Lungentraining mit »WellO₂«

Es gibt wohl kaum einen Musiker, der nach einem schweren Marsch oder einem »langatmigen« Stück nicht schon einmal schnaufend »Wenn der (Dirigent) so weitermacht, geht mir gleich die Luft aus…« oder Ähnliches lechzte. Für alle atemnotgeplagten Bläser gibt es jetzt Hoffnung: ein Lungentrainingsgerät, das zusätzlich Wohlbefinden durch Dampfinhalation verspricht – oder andersherum. Es stammt vom finnischen Hersteller Hapella Oy und nennt sich »WellO₂«. Die Clarino-Redaktion hat kräftig Dampf gemacht und es ausprobiert…

Wasserkocher, Gießkanne oder Wellbeing-Gerät?

Ein runder Sockel mit Stromkabel, eine Kanne mit Griff und Knöpfen, oben ein schräg montierter Stutzen – beim ersten Anblick nach dem Auspacken und Zusammenbauen können wir uns des Eindrucks einfach nicht erwehren: Dieses Gerät muss eine Mischung aus Wasserkocher und Gießkanne sein.

Doch weit gefehlt. Wir haben es beim »WellO₂« mit einem Atemtherapiegerät oder auch, wie der Hersteller selbst ankündigt, mit einem »Wellbeing-Gerät« zu tun. Und was dieses Gerät kann und soll, erklärt der Finne Aulis Kärkkäinen, der einst den Prototypen entwickelte, schnell und simpel: »Das Gerät verbindet die Wirkungsweise der finnischen Sauna und den Effekt, wenn man mit einem Strohhalm in eine gefüllte Wasserflasche pustet.«

Bedienung

So einfach die Wirkungsweise erklärt ist, ist auch die Bedienung von »WellO₂«: Der Behälter wird bis zur Markierung mit Wasser gefüllt, der Deckel wird draufgeschraubt, mittels Tastendruck wird eine von drei Temperaturstufen gewählt. Anfängern wird geraten, die ersten Durchläufe auf Stufe 1 durchzuführen, um sich nicht zu verbrühen und sich nach und nach an den Dampf zu gewöhnen.

Auf den Deckel wird das Mundstück (der eingangs erwähnte »Stutzen«) montiert, mit dem Atemregulierer kann mechanisch in drei Stufen der gewünschte Atemwiderstand eingestellt werden. Optional werden auch ein Verlängerungsschlauch sowie eine Gummiform zur nasalen Anwendung (siehe Foto) mitgeliefert.

Wer wirklich einen Effekt erzielen möchte, sollte die Atemübungen ernsthaft und wie in der Bedienungsanleitung beschrieben ausführen. Hier liegt der Vergleich mit dem Üben am Instrument nahe:

  1. Wer durch den laufenden Fernseher, YouTube oder die ungelesenen 15 Nachrichten in Whats­App abgelenkt wird, übt nicht konzentriert, nicht effektiv.
  2. Ein Trainingsgerät ist dazu da, um zu trainieren. Wer nur locker auf einfachster Stufe arbeitet, möchte sich nicht anstrengen – und das kann und sollte  bei einem Gerät, das rund 200 Euro kostet, nicht der Anspruch sein.

Ergebnisse

Wer »WellO₂« dagegen richtig und regelmäßig verwendet, wird schnell erste Ergebnisse erzielen:

  1. Die Schleimlösung in Lunge und Rachenbereich wird spürbar angeregt.
  2. »WellO₂« wirkt wie eine Reinigung, eine »Erfrischung von innen«, obwohl warmer bis heißer Wasserdampf zum Einsatz kommt. Nach einigen Durchläufen hat man das Gefühl, als hätte man einen riesigen Luftballon anstelle der Lunge – man atmet automatisch offener und freier.

Und dieser Effekt dürfte wohl der wertvollste für uns Bläser sein – neben dem allgemeinen Gesundheitsaspekt, der verschiedenen Nutzerberichten zufolge ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist (lindert Asthma und weitere Atembeschwerden, beruhigt den Rachenbereich im Winter, beugt Krankheiten vor, hilft gegen Schnarchen etc.).

Atem- und/oder Instrumentaltraining

Bei allem »Wellbeing«, das das Gerät bringt, muss eine grundsätzliche Frage erlaubt sein: Was nützt dem Bläser »mehr Luft« und ein freieres Spielgefühl durch das Training mit »WellO₂«, wenn die vertrackte Solostelle des Wertungsstücks noch nicht sicher läuft? Oder anders gefragt: Wäre es nicht mindestens so sinnvoll, die »verdampfte« Zeit ins Üben selbst zu investieren? Das sollte sich zunächst jeder Interessent selbst fragen.

Bei »WellO₂« verhält es sich nämlich nicht anders als bei anderen musikalischen Helferlein: Mehr Zeit ins Atem- als ins Instrumentaltraining zu stecken, bringt nichts. Schließlich hilft ein Kompressor im Brustkorb nichts, wenn der Ansatz und die Technik vernachlässigt werden. Ergänzend angewendet jedoch hilft es dem Bläser sicherlich, »langatmige« Werke zukünftig ohne Lechzen und Schnaufen zu überstehen.

  • 18.09.2018
  • Praxis
  • Christian Mayr
  • Ausgabe: 9/2018
  • Seite 13

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