Ludwig Güttler hat das letzte Wort

  • 22.10.2013
  • Das letzte Wort

Die clarino-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich die Augen gerieben haben, dass die Frauen­kirche in Dresden wieder steht? 

Diese Frage ist einfach zu beantworten. In dem von Ihnen angefragten Sinne habe ich mir die Augen nie gerieben. Reiben musste ich Sie mir in der Phase des Wiederaufbaus manches Mal, wenn ich die Widerstände zu unserem Wiederaufbaubegehren zur Kenntnis nehmen musste.

Wann war das letzte Mal, dass Sie geweint haben?

Eine Freundin hat ihr zweites Kind geboren, eine Tochter, und dieses Kind wurde mit Leukämie zur Welt gebracht. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie in Sosa im Erzgebirge waren?

In meinem Heimatort war ich das letzte Mal anlässlich der Nachfeier zu meinem 70. Geburtstag am 19. Juni. Dort habe ich mit einigen »Ehemaligen« aus Posaunenchor und Kirchenchor musiziert und gefeiert. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit jemandem über die Stasi diskutiert haben?

Es gibt wenige Zusammenkünfte von Ostdeutschen, wo nicht dieses Thema mehr oder weniger gestreift wird und neue Erkenntnisse oder auch alte Hüte ausgetauscht werden. Kürzlich hatten wir im Rahmen der Gesellschaft zur Förderung der Frauenkirche ein Treffen von Verantwortungsträgern aus Vorstand und Arbeitsgruppen, die ihre Tätigkeit inzwischen beendet haben. Es wurden Erinnerungen ausgetauscht, Probleme, deren Lösungen und auch geschichtliche Zusammenhänge angelegentlich erläutert und dabei haben wir dieses Thema gestreift, da einige un­serer Vorstandskollegen als Mitarbeiter der Denkmalpflege in ihrer Geschichte vor 1989 mehrfach mit der Staatssicherheit in Berührung gekommen waren. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, in einer anderen Zeit ge­boren worden zu sein? 

Es gibt weder ein erstes noch ein letztes Mal, dass ich dies gewünscht hätte. Ganz im Gegenteil! Ich bin sehr froh, in dieser Zeit geboren zu sein, sind doch die Aufgaben, die auf uns zugekommen sind, auch eine Auszeichnung an die, die sich der Lösung dieser Aufgaben unterziehen. Ich bin froh, dass etwa der Wiederaufbau der Frauen­kirche an uns gefallen ist und wir vor dieser Aufgabe nicht zurückgeschreckt sind, sondern sie mutig angegangen haben. Das Ergebnis ist greifbar und zu besichtigen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie einen Musiker-Kollegen beneidet haben?

Anlässlich eines unserer letzten Konzerte in der Besetzung der Solisten Virtuosi ­Saxoniae spielte Andreas Lorenz ein Adagio auf der Oboe derartig seelenvoll und gekonnt, dass ich den Wunsch hatte, es ebenso erfüllt und gut zu können. Dabei hat aber die Zuneigung zu seiner Inter­pretation meinen Neid übertroffen. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie Ihren Verdienstorden der Queen, den »OBE«, poliert haben?

Poliert habe ich ihn noch nie, liegt er ja gut verwahrt in meinem Haus. Allerdings muss ich gestehen, dass ich es manchmal versäumt habe ihn anzulegen, woran ich dann immer zu spät beim Anblick anderer ihre Auszeichnung tragender Damen und Herren erinnert werde. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie in einem Posaunenchor mitgespielt haben?

Den Kontakt zu den Posaunenchören, insbesondere auch der Sächsischen Posaunenmission, pflege ich stetig, und am 23. Dezember eines jeden Jahres, wenn wir ­unsere Weihnachtliche Vesper vor der Dresdner Frauenkirche spielen, musiziert neben meinem Blechbläserensemble auch ein Auswahlchor der Sächsischen Posaunenmission.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit Kurt Masur in alten Zeiten geschwelgt haben?

Das letzte Mal, dass ich mit Kurt Masur persönlich sprach, war bei der Wiederweihe der Dresdner Frauenkirche, wo er 2005 das Dresdner Requiem von Siegfried Matthus dirigiert hat. Gesungen hat Kurt Masur mit seiner Frau für mich zu meinem 65. Geburtstag, zu dem er mich früh anrief und am Telefon mit seiner Frau »Happy Birthday to you« gesungen hat.

Wann war das letzte Mal, dass Ihnen bewusst wurde: »Ja, Musik kann die Welt verändern!«?

Zu meinem Geburtstagskonzert, bei dem alle meine Ensembles zusammen mit mir musiziert haben, zunächst einzeln und dann nach der Pause zusammen in Mendelssohns »Lobgesang«. Dieses Konzert haben wir, alle Mitwirkenden, der Aktion »Jedem Kind ein Instrument« gewidmet. Die Stiftung Frauenkirche hat den Raum zur Verfügung gestellt und die Virtuosi ­Saxoniae, das Blechbläserensemble und das Leipziger Bach-Collegium haben zusammen mit dem Sächsischen Vocal­ensemble, Ute Selbig, Elisabeth Wilke und Uwe Stickert dieses Konzert zu meiner größten Freude berührend und hervor­ragend gestaltet. Dies hat die Welt insofern ver­ändert, als dass wir mit dem eingespielten Betrag von 43 000 Euro die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen weiter unterstützen. Und wie gebildete Menschen die Welt verändern können…

Wann war das letzte Mal, dass Ihnen jemand nahegelegt hat, Sie hätten besser »was Vernünftiges« gelernt?

Das war noch vor dem Besuch der Oberschule, da war ich 14 und meine Ambition zur Musik war schon einigen Menschen bekannt. Da sagte jemand, der es nach seinem Verständnis gut mit mir meinte, ich sollte mich doch nicht mit Musik beschäftigen, das bringe doch nichts. Ob er vom Gegenteil überzeugt werden konnte, entzieht sich meiner Kenntnis, da ich auch aus Vernunftsgründen niemand danach gefragt habe, welche Meinung er dazu hat.

Ludwig Güttler feierte am 13. Juni 2013 seinen 70. Geburtstag. Ans Aufhören denkt der Trompeter aus dem Erzgebirge aber noch lange nicht. Gerade erst hat er die Dreifach-CD »Ludwig Güttler - Die Jubi­läums-Edition« vorgelegt. Die nun ver­öffentlichte Dreifach-CD aus Anlass seines 70. Geburtstages vereinigt Aufnahmen des Trompeters vom Beginn seiner Karriere Mitte der 1970er Jahre bis heute. Der besondere Reiz beim Hören liegt darin, den unbekannten Güttler zu entdecken – als Inter­pret von Musik der Gegenwart und der Renaissance. 

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