Kings of Brass

  • 03.03.2016
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Reine Blechbläser-Besetzungen gibt es mindestens seit der Renaissance, seit den Tagen von Pachelbel und Monteverdi. Im 19. Jahrhundert entdeckten die Posaunenchöre auch die Choräle von Johann Sebastian Bach fürs Blech – häufig in einer Besetzung mit zwei Trompeten und zwei Posaunen. Ein Sonderfall war das "Kuhlo-Sextett", das aus drei Flügelhörnern, Waldhorn, Eufonium und Tuba bestand.

Das Blechbläserquintett

Damit verwandt ist das moderne Blechbläserquintett – ein noch relativ junges Format mit zwei Trompeten, Waldhorn, Posaune und Tuba. Als Alternativ-Instrumente sind dabei auch Kornett bzw. Flügelhorn, Eufonium bzw. Baritonhorn und die Bassposaune üblich.

Zwar gab es schon im 19. Jahrhundert vereinzelt Kompositionen für eine derartige Quintett-Besetzung, etwa von Jean-François Bellon (1795 bis 1869), aber erst seit den 1950er Jahren existieren spezialisierte, professionelle Quintett-Ensembles. Seitdem entstanden zahlreiche neue Werke für das Format, auch von weltbekannten Komponisten wie Milton Babbitt, Luciano Berio, Harrison Birtwistle, Leonard Bernstein, Elliott Carter oder Witold Lutosławski.

Ursprünge liegen in den USA

Das Blechbläserquintett als feste Ensembleform der Kammermusik wurde um 1950 in den USA geboren und heißt dort "brass quintet". Zu den ersten professionell arbeitenden Quintetten gehörten das New York Brass Quintet, das Chicago Brass Quintet, das American Brass Quintet und das Eastman Brass Quintet. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es wohl nirgendwo sonst auf der Welt eine so vitale Bläserszene wie in den USA.

Später erlangten ebenso Empire Brass (USA, 1970) oder Stockholm Chamber Brass (Schweden, 1985) internationale Anerkennung. Mit der wachsenden Verbreitung des reinen Blechbläser-Sounds wurden außerdem auch größere Blechbläser-Ensembles zunehmend populär (zum Beispiel Philip Jones Brass ­Ensemble, German Brass, London Brass).

Die Könige der Blechbläser-Ensembles: Canadian Brass

Das wahrscheinlich bekannteste und folgenreichste Ensemble in der noch kurzen Geschichte des Blechbläserquintetts heißt Canadian Brass. Diese ursprünglich kanadisch-amerikanische Formation wurde 1970 in Toronto (Kanada) gegründet und gab bereits in ihren ersten Jahren Gastspiele in Europa, China und den USA.

Weit über 100 (!) Alben haben die "Kings of Brass" schon veröffentlicht, vereinzelt auch in musikalischer Kooperation mit Orchestern, Chören, Orgel oder gar Carillon. Einer der beiden Initiatoren, der Tubist Charles Daellenbach, geb. 1945, gehört noch heute aktiv dem Ensemble an.

Das Erfolgsrezept von Canadian Brass ist ein sehr breites, aber populäres Repertoire von Bach bis Bernstein, von Renaissance bis Swing. Auf der Bühne präsentiert sich das Quintett mit Humor und Entertainment und vermeidet so jede kammermusikalische Versteifung.

Das Album "More Greatest Hits"

Einen faszinierenden Überblick über die stilistische Breite, die das Ensemble von Anfang an besaß, gab schon 1988 das Album "More Greatest Hits" (in Deutschland: "Greatest Hits"). Enthalten sind sowohl populäre "Klassiker" – darunter bearbeitete Opernmelodien (Bizet, Rossini), Khatschaturians "Säbeltanz", Barbers "Adagio" oder ein elfminütiges Gershwin-Medley – wie auch adaptierte Jazz- und Tanznummern.

Die raffinierten Arrangements, die dynamische Beweglichkeit des Ensembles, die vielen klanglichen Schattierungen, die virtuose Kontrolle des Tons und die häufigen Wechsel des Führungsinstruments – all dies lässt schnell vergessen, dass hier "nur" fünf Blechbläser am Werk sind.

Bei ihren seelenvollen Versionen der Kleinen Fuge in g-Moll BWV 578 oder des ersten Schübler-Chorals BWV 645 muss jeder Hörer auf der Stelle zu einem "Bach-auf-Blech"-Fan werden. Die vielleicht verblüffendste Interpretation aber gelingt Canadian Brass mit der Verwandlung einiger fragiler Klavierstücke von Debussy in bläserischen Klangzauber.

www.canadianbrass.com

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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