Karolina Strassmayer hat das letzte Wort

  • 19.03.2012
  • Das letzte Wort

Wann war das letzte Mal, dass Sie »so richtig« Urlaub gemacht haben?

Mit 16. Seither bin ich nie ohne mein Saxofon verreist. Aber genau so wollte ich es immer. Durch die Musik die Welt entdecken. Ob in meinen ersten Jahren in New York, als ich mit dem Diva Jazz Orchestra die USA im Bus im Zick-Zack-Verfahren monatelang bereist habe, oder jetzt etwas komfortabler mit der WDR Big Band durch die Lande fahre, das war immer mein Traum. Die Musik ist mein »ticket to the world«.

Wann war das letzte Mal, dass Sie an Cannonball Adderley gedacht haben?

Auf dem Schulweg um 6 Uhr morgens im Pendlerzug aus dem Kopfhörer meines Walkmans gab Cannonball (auf der Miles-Davis-LP »Kind of Blue«) die Initialzündung für meine Leidenschaft zum Saxofon. Danach war es um mich geschehen. Ich war
16 und hatte keine Ahnung, was das für Klänge waren. Aber ich musste diese expressive, explosive, bewegende Musik verstehen. Ich hatte bereits einige Erfahrung mit traditioneller steirischer Musik und Klassik. Aber nichts hatte mich so berührt wie die Energie, die aus Cannonballs Saxofon heraussprudelte. Er war jahrelang mein großes Vorbild. Heute sehe ich meine ­Aufgabe aus Musikerin eher als die einer Hebamme. Also darin, die mir eigenen Klänge aus mir herauszulotsen, dem was sich äußern will, freies Geleit zu geben. Obwohl sich der Fokus auf meinem musikalischen Weg verschoben hat, gilt Cannonball meine tiefe Dankbarkeit. Er hat den Funken damals gezündet und damit meinen Lebensweg bestimmt. Thank you, Cannonball!

Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, in einer anderen Zeit geboren worden zu sein?

Als Studentin wünschte ich mir oft, in die Swing Street (52nd Street in Manhattan) der 50er Jahre gehen zu können, und Charlie Parker und Thelonious Monk live zu hören. Aber trotz ihrer Abenteuerlust und Neugier wäre das Mädchen aus den österreichischen Alpen bestimmt nicht bis zur Swing Street vorgedrungen. Frauen durften in den 50er Jahren nicht einmal ohne männ­liche Begleitung im Flugzeug reisen, geschweige denn nachts im Jazzclub spielen. Deshalb bin ich sehr froh, in unserer Zeit zu leben, in der die Gleichstellung von Frauen und Männern schon einigermaßen fort­geschritten ist. Allerdings gibt es gerade im Jazz noch ziemlichen Nachholbedarf.

Wann war das letzte Mal, dass Sie in Bad Mitterndorf waren?

Letzte Weihnachten haben mein Mann und ich meine Eltern in Bad Mitterndorf besucht. Ich genieße die Zeit mit meiner ­Familie sehr und auch die wunderschöne Berglandschaft, der ich als Jugendliche nicht schnell genug entfliehen konnte. Damals empfand ich die Berge und das Landleben als beklemmend. Heute erklettere ich die heimatlichen Gipfel zusammen mit meinem Vater mit derselben Leidenschaft, die ich für Musik habe. Leider komme ich viel zu selten dazu.

Wann war das letzte Mal, dass Sie die Vorzüge von Köln und New York miteinander vergleichen mussten?

Bei der Frage »Wann haben Sie zuletzt passiv ein Konzert angehört?« Da fehlt mir New York manchmal sehr. Wenn ich in Köln bin, vermisse ich die Vielfalt und Energie des Big Apple, und wenn ich in NY bin, wünsche ich mir schon mal die etwas ­gemütlichere Lebensart, die ich in Köln pflege. Sie sehen also, ich habe zwei Seelen in der Brust: die Berg kletternde, Saxofon spielende Abenteurerin und die gemütliche Kaffeehaussitzerin.

Wann war das letzte Mal, dass Sie in einer traditionellen Blaskapelle mitgespielt haben?

Mit 17 Jahren war ich Austauschschülerin in den USA. Ich hatte gerade meine Passion für das Saxofon entdeckt und dachte: »Jetzt gehst du mal nach Amerika und lernst dort alles über Jazz, was es zu lernen gibt.« Leider hatte ich die Rechnung ohne die Austauschagentur gemacht, die mich statt in die Jazzclubs von Manhattan nach Wisconsin schickte. Dort wusste man über den Jazz noch weniger als in Bad Mitterndorf. Am Tag meiner Ankunft wurde ich von der Gastfamilie am Flughafen abgeholt und direkt zur Marching-Band-Probe gekarrt. Anstatt in die Tiefen des Bebop einzutauchen, wurde ich in eine schneidige Banduniform mit Federhut gepresst, meinem wunderschönen Saxofon wurde eine verbeulte Marschgabel verpasst, und innerhalb von Minuten fand ich mich auf dem Football Field inmitten von Sousafonen und Marschtrommeln marschierend. Was ich in meiner so blaskapellendominierten Heimat (zur großen Enttäuschung meines Großvaters, der Kapellmeister mit Leib und Seele war) mit Erfolg umgehen konnte, wurde mir ausgerechnet in der Heimat des Jazz gnadenlos aufs Auge gedrückt. Ich hatte aber nach dem ersten Schock doch Spaß daran.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich über das Picasso-Zitat »Für mich gibt es nur zwei Arten von Frauen – Göttinnen oder Fußmatten« aufgeregt haben?

Als ich das gleichnamige Stück »You’re either a Goddess or a Doormat« geschrieben habe. Ich hoffe, dass ich durch meine Arbeit in einer noch sehr von Männern beherrschten Musik das extreme Frauenbild Picassos erneuern kann und strebe nach meinem persönlichen Ideal: stark, frei und doch feminin.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich mit Michael Abene gestritten haben?

Nie. Michael ist einer der wunderbarsten Arrangeure und Musiker. Es ist ein großes Privileg, jeden Tag die Parts zu spielen, die er sich für uns ausdenkt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie etwas Verbotenes getan haben?

Heute morgen, als ich als eingefleischte New Yorkerin die Straße bei rot überquert habe.

Wann war das letzte Mal, dass Sie »passiv« ein Konzert angehört haben?

Youtube verwandelt meine Küche in einen Konzertsaal. Mein Mann Drori ist auch Musiker, er spielt Schlagzeug, und gemeinsam leiten wir unser Quartett KLARO! Jeden Morgen suchen wir uns einen Clip auf YouTube aus und lassen uns inspirieren. Heute morgen war es Lee Konitz, mit dem wir gerade ein wunderschönes Projekt mit der WDR Big Band spielen.

Wann war das letzte Mal, dass Ihnen die Unterschiede von Deutschen, US-Amerikanern und Österreichern deutlich wurden?

Täglich. Ich bin mit einem New Yorker verheiratet, pendle zwischen den USA und Köln und komme selbst aus dem österreichischen Alpenidyll. Ich trage Elemente aus diesen drei Kulturen in mir, deren unterschiedliche Temperamente ich mittlerweile sehr schätze. Meine alpenländische Erdigkeit wird durch NY Spirit aufgeweckt und belebt, und irgendwo dazwischen liegt die ausgleichende deutsche Besonnenheit. Aber die Deutschen dürfen ruhig mal ein bisserl weniger reserviert sein!

 

Karolina Strassmayer

wurde am 23. Februar 1971 in Bad Mitterndorf (Österreich) ­geboren. Sie schaffte nach ihrem Studium an der Musikhochschule Graz den Einstieg in die New Yorker Jazz-Szene. Tour­neen und Aufnahmen unter anderem mit dem Duke Ellington Orchestra, Nancy Wilson, Chico Hamilton, Diva, Lewis Nash, Phil Woods, Frank Wess und Claudio Roditi. Mit ihrem Quartett KLARO! hat Strassmayer bereits große Erfolge verzeichnet und wurde bei den Downbeat Readers Polls 2004 zum »Top Five Alto Saxophonist« gewählt. Ihren individuellen Stil als Saxo­fonistin und Komponistin, geprägt von Sinn für Tradition und musikalischer Abenteuerlust zugleich, bringt sie in ihrem Quartett KLARO! zum Ausdruck. Kürzlich ist die CD »Joining Forces« erschienen. Seit 2004 ist sie – als erste Frau – festes Mitglied bei der WDR Big Band Köln. 

Infos: www.karolinastrassmayer.com 

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