Jun Miyake hat das letzte Wort

Die clarino-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie gedacht haben: »Hätte ich mal was ›Anständiges‹ gelernt!«

Ich glaube nicht, dass ich diesen Punkt in meinem Leben schon erreicht habe. Mein Vater war Chemiker, der Stille liebte. Er hasste fast jedes Geräusch. Und natürlich hasste er Musik. Können Sie sich vorstellen, wie es war, als ich mit dem Trompete spielen anfing? Als ich klarmachte, Musiker werden zu wollen? Es war wirklich schwer damals und vielleicht war das Verhalten meines Vaters meine Motivation, es als Musiker zu schaffen. Meine Mutter liebte Musik, aber sie konnte sich nicht durch­setzen. Als ich vier war, ging mein Vater für Forschungen nach Deutschland. Er war dort zwei Jahre und in dieser Zeit kaufte meine Mutter ihren Kindern ein Klavier. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie über die Unterschiede der japanischen und euro­päischen Mentalität nachgedacht haben?

Oh, das passiert fast jeden Tag. Ich komme gerade von einer kleinen Tour zurück mit einem Ensemble, das aus 14 Personen besteht. Und die Leute kommen aus Brasi­lien, Bulgarien, Amerika, Frankreich, Österreich – und Japan. Gast-Künstler kamen zudem aus Rumänien und dem früheren Jugoslawien und Großbritannien. Da kommt man gar nicht umhin, darüber nachzudenken! Wir haben alle zusammen für den 40. Geburtstag des Pina-Bausch-Tanztheaters und das Österreichische Radio ORF gespielt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie die Musik für einen Werbespot komponiert haben?

Letzten Monat. Für Unterwäsche. Wenn ich etwas sehe und eine Deadline habe, auf die ich notieren muss, sind das Ziel und der Fokus klar. Das kann dann auch sehr schnell gehen. Wenn ich meine eigene Musik ­kreiere, ist es völlig anders. Es braucht Mut, zu entscheiden, welche Richtung ich einschlage.

Wann war das letzte Mal, dass Sie über Fukushima diskutiert haben?

Gestern erst. Wir haben da ein wirklich ernstes Problem. Und ich wünsche, ich könnte da noch mehr Bewusstsein schaffen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie geweint haben?

Das war der 14. Oktober 2013. Es war die letzte Vorstellung des Theaterstücks »Woy­zeck«, für das ich die Musik geschrieben hatte. Ich wurde vor den Vorhang ge­rufen für den Beifall. Der Applaus war umwerfend groß und sowohl das Publikum als auch die Künstler schrien geradezu. Das hart mich sehr berührt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit Terumasa Hino gesprochen haben?

Im Oktober! Ich habe ihm mein neues ­Album geschickt – und er hat mich sofort angerufen, nachdem er es gehört hat. Das war ein sehr herzliches Gespräch!

Wann war das letzte Mal, dass Sie in ­Kamakura waren?

Vor drei Jahren? Ich kann es wirklich nicht genau sagen. Ich bin viel unterwegs, allerdings bin ich eher Komponist, toure nicht wie ein Musiker. Ich verbringe die meiste Zeit in Aufnahmestudios, wo immer ich auch bin. Selbst wenn ich in Paris bin, gehe ich nur morgens schwimmen und abends spazieren. Den Rest der Zeit bin ich im ­Studio – weshalb ich oft vergesse, wo ich eigentlich gerade bin. Ich mag es, in Paris zu leben, weil es eine Drehscheibe der Welt ist. Ich warte auf Künstler, die hier vorbeikommen und schnappe sie mir. Das ist toll. Zu Hause fühle ich mich dort, wo meine ­Familie ist. Wenn sie mit mir reist, fühle ich mich überall zu Hause.

Wann war das letzte Mal, dass Sie etwas Verbotenes getan haben?

Nahezu jeden Tag! (lacht)

Wann war das letzte Mal, dass Sie jemanden um ein Autogramm gebeten haben?

Ich glaube, ich habe noch niemals danach gefragt. Ich habe auch wirklich noch niemals daran gedacht.

Wann war das letzte Mal, dass Sie einen Kollegen beneidet haben?

Ich arbeite sehr viel allein, wenn ich nicht auf Tour bin – was die meiste Zeit der Fall ist.

Wann war das letzte Mal, dass Sie ein Essen für jemanden gekocht haben?

Heute abend. Kochen ist inspirierend. Ich liebe es, wenn ich die Zeit dazu habe. Ich ziehe Italienisch, Thai, Vietnamesisch und Chinesisch der französischen oder japanischen Küche vor. Japanisch kochen erfordert zu viel Probieren. Da werde ich zu satt davon... 

Wann war das letzte Mal, dass Sie dachte: »Ich werde es allein machen!«?

In jedem Augenblick!

Jun Miyake

Mit seinem aktuellen Album »Lost Memory ­Theatre-Act 1« (Yellowbird) verfolgt Jun Miyake seinen eingeschlagenen Weg weiter und erfüllt sich dabei einen seit langem gehegten Wunsch. In seinem Theater der verlorenen Erinnerungen werden all die verschütteten Erinnerungen an Orte, Situa­tionen, Umstände wieder an die Oberfläche geschwemmt. Jun Miyake setzt dabei wieder auf vertraute Kräfte: den sensiblen Noise-Gitarristen, Songwriter und Sänger Arto Lindsay, den brasilianischen Gitarristen und Sänger/Songwriter Vinicius Cantuaria, die Sängerin Lisa Papineau und Oud-Spieler Dhafer Youssef. Neu hinzu kommen markante Stimmen wie David Byrne oder Nina Hagen. So verwandelt sich Jun Miyakes »Lost Memory Theatre-Act 1« in ein Kaleidoskop von divergierenden musikalischen Anspielungen, in eine sich ständig verändernde Konstellation von Soundbildern und Szenen, in denen all die musikalischen Ströme, aus denen er sein Leben lang trinkt, in Spuren wieder zutage treten.

www.junmiyake.com

  • 15.04.2014
  • Das letzte Wort

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